Kathrin_Hartmann 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 13

Lass uns Freunde bleiben!

Wie man das Kunststück schafft, eine Liebe zu beenden … ohne alles kaputt zu machen

Verlegen steht er im Treppenhaus, eine Tasche voll mit letzten Sachen. Ein Abschiedskuss, der zwischen Mund und Wange verrutscht. Und dann, zerknirscht, der Satz: »Lass uns Freunde bleiben.« Die Worte hallen länger nach als seine Schritte auf der Treppe, sie knallen lauter als die Tür, die hinter ihm ins Schloss rast, und brutaler als der Teller, der an ihr zerschellt. Lass uns Freunde bleiben. Frisch verletzt ist der Satz ein Skandal, er ist demütigend. Freundschaft? Wieso Freundschaft? Wir haben uns durchs Kamasutra geliebt und uns Namen für unsere Kinder ausgedacht. Du kennst jeden Millimeter meines Körpers, und ich habe dir meine Seele geöffnet. Du warst das Wichtigste in meinem Leben! Und jetzt? Minigolf spielen? Als wäre nix gewesen?

Als könnte Freundschaft ein Kompromiss zwischen Liebe und gar nichts sein. Als ob man die Liebe, dieses Nonplusultra, nicht wert gewesen wäre. Aber genau das ist die Logik unserer Beziehungen. Wir haben allergrößte Ansprüche, seit der Wunsch nach romantischer Liebe das allgemein anerkannte Ideal geworden ist und ökonomische Zwänge abgelöst hat. Wir müssen längst niemanden mehr heiraten, damit wir finanziell versorgt sind und moralisch einwandfrei da stehen.

Und weil wir maximale Freiheit in der Auswahl der Partner haben, wollen wir auch das Maximum. Leidenschaft und Innigkeit, perfekten Sex und totales Verständnis, Freiheit und Exklusivität, Alltag und Abenteuer. Für immer. Jedes Mal.

Wir geben uns nicht mit der ersten großen Liebe zufrieden. Auch nicht mit der zweiten, dritten oder vierten. »In jeder Partnerschaft ist auch die Möglichkeit ihres Endes angelegt«, schreibt der Paarpsychologe Mathias Jung in seinem Buch »Trennung als Aufbruch«. Und gleichzeitig nimmt »die Tendenz, mit dem Expartner locker und freundlich umzugehen, mit der Liberalisierung der allgemeinen Lebensverhältnisse zu«, stellt Jung fest. Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts FORSA von 2002 zufolge sind 44 Prozent der Deutschen mit ihrem Expartner befreundet, 43 Prozent telefonieren noch häufig miteinander.

»Lass uns Freunde bleiben.« Der Satz ist eben auch ehrlich und wahrhaftig. Was soll man schon sagen, wenn man jemandem, den man sehr gern hat, das Herz herausgerissen hat? Wenn man ihn aber nicht genauso verlieren möchte wie die Liebe, die einem abhandengekommen ist? Ist es nicht eher absurd, zu jemandem den Kontakt abzubrechen, mit dem man mal sein Leben verbringen wollte?

»Eine Partnerschaft gehe ich aus Liebe und Zuneigung ein - die verschwindet doch nicht einfach, nur weil aus unterschiedlichsten Gründen die Beziehung zu Ende ging«, sagt die Berliner Sozialpsychologin Ann Elisabeth Auhagen. »Warum sollte man kein Interesse daran haben, eine Form von Zuneigung über die Beziehung hinaus erhalten zu wollen?«

Es mag eine traurige Wahrheit sein, dass die Trennung die Qualität der Beziehung spiegelt. Denn Liebe und Freundschaft haben vieles gemeinsam. Darum kann eine Freundschaft nach der Trennung ganz fantastisch funktionieren - oder eben überhaupt nicht.

Das mag für manche vielleicht paradox klingen: Aber je inniger, ehrlicher und vertrauensvoller die Liebesbeziehung war, desto wahrscheinlicher bekommt man eine gute Freundschaft irgendwann danach hin. Man trennt sich, weil man als Paar nicht mehr weiterkommt. Weil man sich auseinandergelebt hat. Weil man sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt hat und die in der Beziehung nicht miteinander vereinbar sind: Er möchte gern im elterlichen Betrieb in seinem Heimatort arbeiten, und sie eine Kunstgalerie in Berlin eröffnen. Sie will Kinder, und er seine Freiheit. Er ist Workaholic, ihr bedeutet das Privatleben mehr als Arbeit. Vielleicht lebt man nur noch nebeneinander her, weil es so schön bequem ist und vertraut. Auch wenn man nicht mehr miteinander schlafen mag, von der großen Leidenschaft bloß noch träumt und sich eine erlösendes »Es ist aus« insgeheim schon oft gewünscht hat.

Sicher wird man auch leiden, wenn man sich freundschaftlich trennt. Weil ein Scheitern in der Liebe, diesem ultimativen Glücksziel, einfach schwer zu akzeptieren ist. Man wird noch über alten Fotos heulen und eifersüchtig auf Affären des anderen sein. Man wird sich vielleicht über Vergangenes streiten und sich sogar wehtun. Aber man wird in Kontakt bleiben. Weil einen mehr verbindet als trennt. Und je zufriedener sich beide in ihre Richtung entwickeln, je glücklicher sie in einer neuen Beziehung sind, desto einfacher gelingt die Freundschaft.

Wenn er sie jedoch mit dem besten Freund im gemeinsamen Bett erwischt hat, wenn sie ihm gesteht, dass das gemeinsame Kind nicht von ihm ist, wenn er sie vor dem Traualtar stehen lässt, wenn also die Trennung oder der Grund dafür besonders hässlich war und die Verletzung entsprechend tief, dann braucht man sich eher nicht darüber zu wundern, dass der Betrogene kein gesteigertes Interesse an einer echten Freundschaft hat.

Denn die beruht, genauso wie eine Liebesbeziehung, auf Vertrauen, Respekt und Ehrlichkeit. Wer mit dem Ex statt im Kino oder in der Kneipe nur im Bett landet, der muss vielleicht erkennen, dass Sex die Hauptrolle in der Beziehung gespielt hat. Vermutlich war das auch der Grund, warum sie zu Ende ging. Und eine Freundschaft wird daraus kaum entstehen. Dann nimmt eine zermürbende Daueraffäre, ein Eigentlich- sind- wir- ja- nicht- mehr- zusammen- aber- irgendwie- halt- doch den Platz ein, den vielleicht ein neuer Partner haben könnte.

Es gibt keine Anleitung, wie man eine Freundschaft nach der Trennung hinbekommen kann. Aber es gibt zwei Regeln. Regel Nummer eins Die Beziehung muss wirklich beendet sein und die Trennung verarbeitet. Je länger man zusammen war, je enger und intensiver die Beziehung, je tiefer die Verletzung, desto länger dauert es, bis die Trauer überwunden ist. Schnell geht das nur, wenn sich beide bald eingestehen, dass die Sympathie nicht für eine Liebesbeziehung reicht und es besser gewesen wäre, gleich nur eine enge Freundschaft einzugehen. Das ist zwar auch keine besonders schöne Erkenntnis. Aber immer noch besser als schlechter Sex und Pflichtgefühl.

Nach längeren Beziehungen kann es allerdings Monate dauern, vielleicht sogar Jahre, bis die Scherben zusammengekehrt sind. Richtiger Liebeskummer ist eine traumatische Erfahrung. In der psychologischen Stressskala steht eine Trennung auf Platz zwei nach dem Tod eines Angehörigen. Und wenn das Verhältnis unklar ist und noch Gefühle im Spiel sind, ist eine Freundschaft nicht möglich.

Denn, Regel Nummer zwei: Es müssen beide eine Freundschaft wollen, nichts anderes. Wer noch etwas für den anderen empfindet oder mehr investiert hat, der wird »Lass uns Freunde bleiben« völlig anders verstehen. Für den heißt Freunde bleiben: »Bleibe bitte in meiner Nähe und in meinem Leben.« Der wird jedes Treffen, jedes freundliche Wort überbewerten und als Hoffnungsschimmer wahrnehmen. Dann geht es in jedem quälenden Gespräch um die vom anderen längst beendet geglaubte Beziehung. Und weil der damit abgeschlossen hat und seine Ruhe will, endet das im Krach und in noch schlimmeren Verletzungen. Auch schlimm: Der Expartner nutzt eine vermeintliche Freundschaft dazu, dem anderen ein schlechtes Gewissen zu bereiten. Weil er den anderen dafür verantwortlich macht, dass alles schiefgeht, seit er weg ist: neue Wohnung scheiße, nur Idioten kennen gelernt, dick geworden, Konto überzogen - während der andere wieder glücklich ist, am Ende sogar mit einem neuen Partner. Ein Anruf mit den Worten: »Wollen wir am Wochenende was machen?«, heißt eigentlich übersetzt: »Ich weiß genau, dass du am Wochenende lieber deine neue Schlampe triffst. Aber ich bin Samstag und Sonntag alleine, weil du mich verlassen hast. Kümmere dich gefälligst um mich. Arschloch!«

Freundschaften entstehen nicht aus schlechtem Gewissen oder gar Pflichtgefühl heraus. »Das Grundprinzip einer Freundschaft ist Freiwilligkeit. Man kann ein freundliches Angebot machen, aber niemanden dazu zwingen«, sagt Ann Elisabeth Auhagen. Eine Freundschaft soll einen schließlich glücklich machen und nicht das Leben noch schwerer. Drum sucht man sich seine Freunde ja aus. Jetzt kann man fragen: Wieso muss es denn ausgerechnet der Ex sein? Gibt es nicht genügend andere nette Menschen auf der Welt? Eine Menge, ganz bestimmt. Und eine Menge eifersüchtiger Partner und Partnerinnen würde sich freuen über diese Einstellung. Aber es mag Liebe auf den ersten Blick geben. Freundschaft nicht. Und niemand kennt einen so gut wie der Expartner. Mit allen Macken, Ängsten und Sorgen. Den liebenswerten Seiten und den abscheulichen. Und er muss sich damit nicht mehr rumärgern, sondern kann, ganz objektiv, Lebenshilfe geben. Er kann raten, was zu tun ist, wenn es Krach in der Familie gibt. Weil er sie schon lange kennt. Er kann besser beurteilen, ob es mit dem neuen Partner wirklich was werden wird. Weil er weiß, was man ertragen kann und was nicht. Der Expartner kann einem den Kopf waschen, wenn die neue Flamme sauer war, weil man ihr einen Toaster zum Geburtstag geschenkt hat. Und man selber darf sich darüber freuen, dass der Verflossene weiterhin keine Blumen verschenkt.

Ein Partner wird immer Teil des Lebens bleiben, egal, ob man ihn nie wiedersieht, ihn jahrelang hasst, ihm nachtrauert oder gelegentlich telefoniert. Wie viel schöner ist das, wenn er als echter Freund bleibt. »In der Partnerschaft war das Ziel, den Partner zu lieben. Das kann auch ein umfassenderes Ziel sein: ihn als Menschen zu lieben «, sagt Auhagen. Denn er ist außerdem der Einzige, der auf die Frage »Bin ich dicker geworden? « ehrlich antworten wird. Und darf.

So kann?s gehen
?
»Ich lernte Jan bei Freunden kennen. Sofort gab es etwas zwischen uns,
ich wusste nicht recht was. Jan war ein toller Typ, aber nicht meiner, ich
war nicht verknallt und trotzdem wollte ich ihn dauernd treffen. Immer
waren wir die Letzten, die nachts aus der Kneipe gekehrt wurden, dabei
hatten wir schon den Tag miteinander verbracht. Dann kam der Abend,
an dem die Unbeschwertheit übermütig wurde, die riesige Welle der
Sympathie spülte uns in mein Bett. Es war schön, aber es fühlte sich
komisch an. War das ein Ausrutscher? Hatten wir die Liebe verkannt?
Vorsichtshalber wurden wir ein Paar, zwei Monate lang. Aber die Liebe
kam nicht, und unsere Nächte waren ohne Sex besser. Jetzt legte sich
über alles ein Schatten aus Ernsthaftigkeit. Zum Glück ging es Jan
genauso. Wir wollten es wieder wie früher haben und beendeten die
Beziehung. Das war zwar etwas peinlich, weil wir nun Dinge übereinander
wussten, die man in einer Freundschaft nicht erfährt. Aber es wurde
wieder wie vorher, vielleicht sogar besser. Heute sehe ich seine Freundinnen
kommen und gehen und freue mich, dass ich ihn für immer
haben werde. Ich bin froh, dass wir es probiert haben. Sonst hätten wir uns
immer gefragt, ob wir die große Liebe verpasst haben. Dann wären wir keine
Freunde, sondern ein Konjunktiv-Liebespaar.« Charlotte Hoffmann

Und so leider auch
?
»Die Wochen mit Lars waren toll: Herzklopfen vor den Verabredungen,
heimliche Küsse im Auto. Bis ich seinetwegen meinen Freund verließ und
Zweifel kamen, ob ich mich richtig entschieden hatte. Ich begann meinen
Freund zu vermissen. Als Lars merkte, dass sich meine Verliebtheit auflöste,
redete er von Freundschaft. Das fand ich absurd. Liebe gibt es nicht,
dann nimmt er Freundschaft? Ich entwickelte eine tiefe Abneigung gegen
ihn. Wie er redete, wie er sich kleidete, alles fand ich furchtbar. Er schrieb
lange E-Mails: Er verstehe meine Unsicherheit, er könne warten. Als er
nicht locker ließ, warf ich ihm Gemeinheiten an den Kopf: dass ich mich
nur mit ihm eingelassen hätte, weil es in meiner Beziehung nicht gut lief.
Und dass ich mir nicht erklären könne, warum ich ihn anziehend gefunden
hätte. Ich war sauer, weil ich meinen Freund betrogen hatte. Diese
Wut wälzte ich auf Lars ab. Er wollte sich zum Kuchenessen treffen. Ich
blockte ab, wollte ihn am liebsten nie wiedersehen. Lars war total enttäuscht,
er fand mich unsouverän. Vielleicht war ich das. Heute frage ich
mich, ob es richtig war, Lars so radikal aus meinem Leben zu streichen.
Wir hatten ja eine tolle Zeit. Lars und ich sind uns seit damals ein paarmal
zufällig begegnet. Ein verklemmtes »Hallo« war bisher alles, was wir
uns zu sagen hatten.« Lisa Zimmermann


Vom Hot Dog in meinem Hals
NEON-Userin Abo hat sich von ihrem Freund getrennt. Jetzt steht sie mit ihm bei Ikea und merkt, dass sie ihn noch liebt. Doch sie kaufen Möbel für ihn und seine Neue.


Wir können uns nicht entscheiden, nehmen wir Malm in Weiß oder doch lieber in Birkenfurnier? Du hast dich entschieden, für Birke und für Lena. Ich schweige und schreibe mit dem Bleistift Regal 7 Fach 13 auf den Zettel. »Die kleine Antonia möchte aus dem Kinderparadies abgeholt werden.« Ich möchte mit Antonia tauschen, jemand soll mich hier abholen. Hier aus meinem Leben. »Ich brauche noch ein Bett«, sagst du. Richtig, nach vier Jahren brauchst nun du ein Bett, nicht wir. Mir wird schlecht, doch du merkst es nicht. Ich dackel dir in die Schlafzimmerwelt hinterher und überlege, ob ich es schaffe, mich in der Büroabteilung zu übergeben.

»Das Bett hier, das ist doch schön!«, rufst du laut. Mit dir und mir drin wäre es noch schöner. Ich kritzel: Hopen, Regal 2, Fach 5. Sie wird mit dir in diesem Bett liegen. Sie wird von dir gestreichelt, während sie fast schon schläft. Sie wird morgens aufwachen in Hopen, und du wirst sie küssen. Vier Jahre war ich Lena und ich will es wieder sein. Wir laufen durch die Schnickschnackabteilung. Kerzen brauchst du nicht. Gut. Wenigstens kein Kerzenschein. Als wir uns in die Samstagnachmittagschlange gereiht haben, schaust du mich an, und ich möchte mich an dich lehnen. Du sollst mir über meinen Rücken streichen und mir einen Kuss aufs Haar drücken, doch du sagst: »Tausend Dank, dass du mir hilfst, Lena muss kellnern. « Du legst deine Hand auf meine Schulter. Dann sagst du, wie schön du es findest, dass wir uns gut verstehen. Dass du froh bist, dass wir Freunde seien. Es gibt noch ein »Wir«. Wir sind Freunde.

»Ich hole uns einen Hot Dog«, sagst du und lässt mich mit Malm und Hopen zurück. Ich bin einsam. Ich möchte dir sagen, dass du mir fehlst. Möchte sagen, dass es ein Fehler war, mich von dir zu trennen. Ein schrecklicher Fehler ist es auch, dass ich nun hier stehe und Freund spiele. Als du zurückkehrst, nicht zu mir, sondern zu Malm und Hopen, liegen auf meinem Hot Dog zwei Gurken. Ich liebe zwei Gurken. Ich liebe dich. Wir schieben uns und die Möbel zum Auto. Wir laden ein und du fährst los. Dein Handy klingelt, und du gibst mir deinen Hot Dog. Es ist Lena. Die Tränen kommen, ich habe keine Hand frei, um sie zu verwischen. Ich drehe den Kopf zur Seite und starre auf die Lärmschutzwand. Du legst auf, forderst deinen Hot Dog zurück und siehst meine Tränen. »Es tut mir leid«, sagst du. »Mir tut es auch leid«, sage ich schnell. Wir schweigen zum Klappern von Malm und Hopen.

Du setzt mich zu Hause ab. Ich winke dir kurz und lasse mich auf die erste Treppenstufe fallen. Mit einem kalten Hot Dog in der Hand sitze ich da und weine. Ich warte auf die Stimme, die verkündet: »Die kleine Anna möchte aus der Hölle abgeholt werden. « Doch diese Stimme existiert nur im Kinderparadies.



»Eine Pause hätte uns gutgetan«
Elke Brauweiler und Berend Intelmann sind das Popduo PAULA. Ausgerechnet ihr Durchbruchalbum »Himmelfahrt« entstand in extrem mieser Stimmung: Die beiden waren frisch getrennt. Interview: Patrick Bauer

Elke, Berend, ihr müsst wissen, wie es klappen kann, sich mit dem Expartner gut zu verstehen. Zwei Mal habt ihr euch schon getrennt.
Elke: Stimmt. Vor sieben Jahren haben wir unsere Beziehung beendet und trotzdem weiter Musik gemacht. Und vor zwei Jahren war erst mal Schluss mit Paula. Jeder ist musikalisch seinen Weg gegangen.

Ihr habt gerade begonnen, ein neues Album aufzunehmen. Das müsst ihr erklären.
Berend:
Unser Rezept heißt Musik. Ohne sie hätten wir es uns sicher erspart, weiter so viel Zeit miteinander zu verbringen.
Elke: Wir tun aber nicht so, als wäre das problemlos gelaufen. Es war schlimm und tragisch, für beide. Anfang 2000 haben wir uns getrennt, direkt danach ging der Trubel los: Pressetermine, Konzerte, Videodrehs, Fotoshootings - wir hingen ständig miteinander rum. Die ganzen Jahre, das war nicht gut.

Warum nicht?
Elke:
Weil wir dadurch lange kein normales Verhältnis zueinander aufbauen konnten. Vielleicht hätte uns ein halbes Jahr Pause gutgetan. Andere Paare sehen sich erst mal nicht oder nie mehr.
Berend: Es war anstrengend. Wir waren verkrampft und entwickelten eine sehr oberflächliche Beziehung zueinander.

Wie lange hat es gedauert, bis ihr wieder befreit miteinander umgehen konntet?
Berend:
Ungefähr bis jetzt. (Elke lacht)

Aber ihr habt euch doch während der Paula- Pause regelmäßig auf einen Kaffee getroffen?
Elke:
Nee! Nie. Wir brauchten Ruhe. Ich weiß auch nicht, ob man uns heute als Freunde bezeichnen kann. Meine Beschreibung ist: Wir kennen uns lange und gut. Und wir schätzen uns, weil uns etwas verbindet.
Berend: Musik kann man als Freundschaft bezeichnen. Wenn man eine Woche zusammen im Studio ist und sich total einig wird, dann verbindet einen verdammt viel.

Wie lange wart ihr eigentlich ein Paar?
Elke:
Zweieinhalb Jahre.
Berend: Echt? Ich dachte eher anderthalb ?
Elke: Wir haben uns kennen gelernt im September 1997 und haben uns getrennt im Januar 2000. Also wirklich ?
Du weißt, ich habe kein Zeitgefühl.

Ähm, Themenwechsel ? In unserer Titelgeschichte beschreibt ein Autor, wie er beim ersten Wiedertreffen mit seiner Ex feststellt, dass Sex nicht nur der Mittelpunkt der Beziehung war, sondern auch das Problem. Statt Sex war es bei euch die Musik?
Elke:
Nein, das war nicht das entscheidende Problem. Aber klar: Die Musik hielt uns zusammen. Ich habe früh angefangen, Berends Songs zu singen. So ist dann unsere erste Platte entstanden.

Da ihr bis heute musikalisch nicht voneinander lassen könnt, war die Musik auf Dauer offensichtlich stärker als die Liebe?
Berend:
Ich habe mal gelesen, dass sich das Musikempfinden in denselben Hirnregionen abspielt wie die Liebe. So fühlt es sich auch an: Beides geht in den Bauch. Deswegen kann man es vielleicht nicht so recht auseinander halten. Ein großer Wirrwarr.

Bewundernswert, dass ihr als Band weiterfunktioniert habt.
Elke:
Na ja. Wir haben eine Zeit lang nicht mal richtig miteinander geredet. Nur über unsere Kollegen. Die Musik von Paula war da die gemeinsame Freundin, die vermitteln musste. Mir hat man das damals bestimmt angemerkt, Berend konnte besser mit der perversen Situation umgehen.
Berend: Schön war das nicht. Man verspürt tausende Verletzungen. Und selbst wenn für beide Seiten klar ist, dass es vorbei ist, legt keiner die gewohnten Rollen ab - deshalb bricht die Leidenschaft immer wieder durch, und der Streit wird umso härter ?
Elke: Oh ja, innerhalb von Sekunden! Tief in einem lauert noch diese große Enttäuschung und bricht als Wut manchmal aus einem heraus, ohne dass man weiß, warum das so ist.
Berend: ? weil die Grenzen, die zwischen normalen Arbeitspartnern herrschen, zwischen uns nie geherrscht haben.

Aber Berend darf dich sicher offener kritisieren als andere Produzenten. Kein Vorteil?
Elke:
Im Gegenteil! Ich kann mit Kritik umgehen - solange sie nicht von Berend kommt.

Wenn es damals so schwer war, warum habt ihr euch dann selbst gequält und das zweite Album »Liebe« genannt, dazu auf Fotos eng miteinander posiert?
Berend:
Liebe hat eben mit Trennung zu tun.
Elke: Das ist doch Zufall gewesen und nicht programmatisch. Ich bin da einigermaßen plump veranlagt.
Berend: Man könnte unsere Texte sicher analysieren und erkennen, in was für einem Zu - stand wir waren. Aber ich möchte das gar nicht wissen.

Gleichzeitig habt ihr allen erzählt, »Paula« wäre der Name für euer Kind geworden, wenn ihr eines bekommen hättet ?
Berend:
Das war die tausendste Antwort auf die Frage: »Wie kam es zu dem Namen?« Ein Scherz, den alle abgeschrieben haben.
Elke: Eine sehr schöne Lüge!

Nach dem ersten Erfolg hast du, Berend, dich von Paula zurückgezogen.
Elke:
Das war schwer für mich. Es fühlte sich wieder so an, als würde mir alles abhandenkommen. Ich war plötzlich allein. Damit hatte ich zu kämpfen, aber dann habe ich verstanden: Man geht Wege zusammen und man geht sie auch wieder alleine.

Wie kam es denn jetzt zum Neuversuch?
Elke:
Da ich gemerkt habe, dass ich für mich keinen besseren Produzenten finde als Berend, habe ich ihn einfach gefragt. Er fand die Idee auch äußerst komisch, aber dann sind wir doch wieder zusammen im Studio gelandet. Und es fühlt sich sehr jungfräulich an.
Berend: Mit uns haben sich zwei gefunden, die tolle Sachen zusammen machen können. Da ist uns wieder klar geworden: Der andere ist nicht zu ersetzen. Künstlerisch. Das ist doch das Beste, was passieren konnte. Wir haben die Konflikte ausgesessen und sind jetzt offen miteinander.

Berend, du bist gerade in einer Beziehung, Elke hatte nach dir auch schon neue Partner. Die sind ja oft eifersüchtig, wenn zum Ex noch solch eine Bindung besteht.
Berend:
Das war anfangs sicher ein Problem, so viel wie wir noch zusammen machen mussten. Aber heute ist das vollkommen locker.
Elke: Absolut. Das Lustige ist: Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie es ist, mit Berend zusammen zu sein. Das ist so lange her. Und es kommt immer jemand Neues. Das ist nicht der Untergang der Welt. Wenn in der Beziehung eine wahre Bindung steckte, ist eine Freundschaft mit dem Ex möglich. Ich habe das mit mehreren Männern und genieße es.
Berend: Trennungen sind nur scheiße, wenn ich im Moment des Scheidens weiß: Das war?s. Die sehe ich nie wieder. Wenn man es schafft, dass die Beziehung bestehen bleibt, nur anders, ist es gar nicht so traurig.

Lass uns Freunde bleiben ?
Berend:
Den Satz kann man kaum noch bringen, da lachen doch beide gleich los!
Elke: Ey, ich habe das schon mal gesagt! ?

Paula galt zur Jahrtausendwende als Soundtrack zum Latte-macchiato-Trinken in Berlin-Mitte. Etwas ungerecht, denn ihre Musik war nie nur leicht, sondern auch melancholisch. Wie wohl das neue Album klingen wird? Noch in diesem Jahr soll es fertig werden.

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1 Antworten

Kommentare

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    kathrin, du bist meine heldin!

    02.02.2014, 17:59 von nuescht
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