lalina 30.11.-0001, 00:00 Uhr 43 86

Lass Freunde bleiben!

Es gibt keinen schüchternen Kuss auf die Wange und auch keine zaghafte Umarmung zum Abschied.

Wir laufen den steilen Hang hinunter. Sträucher und Äste hinterlassen Spuren auf unserer Haut - blutige kleine Streifen, die nicht schmerzen und erst auffallen, wenn man genauer hinschaut. Er greift nach meiner Hand, zögerlich fasse ich nach seiner. Zwölf Monate war ich nicht mehr hier unten am See und als mich die allumfassende Ruhe, die dieser Ort immer und immer wieder auf mich ausstrahlt, einlullt, frage ich mich, warum. Vielleicht weil er mich auf immer an Philipp erinnert. Es ist spät am Nachmittag und die Bäume rund um das Ufer werfen im Zusammenspiel mit der sengenden Sonne Schatten auf die glatte Oberfläche, die nur dann und wann durch die Luftblasen der Fische unterbrochen wird.

Es wird still um uns, als wir dort sitzen, nach vorne schauen und wissen, dass wir dies im letzten Jahr getrennt voneinander gemacht haben. Jeder ist seinen Weg gegangen und keiner von uns weiß, wo er anfangen soll. Mein Kopf scheint keine klaren Gedanken fassen zu können und springt zwischen Erinnerungen, Sehnsüchten und Wünschen hin und her. Unsere Knie berühren sich, ganz leicht. Ich bilde mir ein, dass seine Härchen kitzeln, streiche über meine Kniescheibe, ziehe sie zurück und schaffe so wieder Platz zwischen uns. „Komm mir bloß nicht zu nah!“ höre ich mich sagen und er lächelt mich kurz an, kneift die Augen zusammen, die von den Sonnenstrahlen geärgert werden, und schließt sie einen Moment später, um wieder klarzukommen.

Fast ein Jahr haben wir für dieses Treffen gebraucht. 365 Tage Platz mussten wir zwischen uns schaffen, um wieder nebeneinander sitzen zu können, ohne sich die Lippen des Anderen auf der Haut zu wünschen; um wieder klar zu sehen, ohne das Rosarot von Wolke 7, das die Sicht vernebelte. In den ersten Minuten ist die Stille noch unangenehm, aber mit jeder Minute, die vergeht, ohne dass Wörter die Luft schwermachen, fühlt sich das gemeinsame Schweigen richtig an.

Als die Haut um meine Nase langsam anfängt von der Sonne zu kribbeln, muss ich seufzen. So fühlt sich also Freundschaft mit Philipp an. Er schubst mich leicht, ich kippe zur Seite und wir müssen lachen. Wir machen uns auf und verlassen den Platz, an dem wir uns einst geliebt haben; der voller Erinnerungen an Gemeinsames ist, aber plötzlich treiben mir diese Erinnerungen an Sehnsüchte und Wünsche keine Tränen mehr in die Augen.

Bergauf greife ich ganz selbstverständlich nach seiner Hand, nehme seine Hilfe mit Leichtigkeit an und glaube noch ein wenig mehr an die Magie dieses kleinen Flecks Erde. Brauchte es wirklich nicht mehr als 12 Monate und ein paar Stunden Schweigen, um zu erkennen, was wir aneinander haben können?

Auf dem Rückweg läuft der Song, der mich mit jemand Neuem verbindet, und so stark mein Impuls auch ist, Philipp von meiner neuen Liebe zu erzählen, unterdrücke ich ihn. Gleiches würde auch ich nicht von ihm hören wollen. Ich will hier nichts riskieren. Denn auch wenn unsere Freundschaft sich noch etwas ungelenk und ungewohnt neu anfühlt, ist es doch das Schönste, was passieren kann, wenn die Liebe gehen musste.

Als er mich zuhause absetzt, um seine Reise ohne mich fortzusetzen, bleibe ich einen kurzen Moment in der Autotür stehen. Es gibt keinen schüchternen Kuss auf die Wange und auch keine zaghafte Umarmung zum Abschied. Das Einzige, was mir einfällt, sind diese drei Worte: „Lass Freunde bleiben!“ Wir müssen wieder lachen. Ich schlage die Tür zu, laufe zu meinem Haus, schaue nicht mehr zurück. Von jetzt an nur noch nach vorn. Ich summe den Song und muss lächeln.

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43 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Es gibt keinen schüchternen Kuss auf die Wange und auch keine zaghafte Umarmung zum Abschied.

    Genau so isses nämlich. Das Leben ist nicht wie die letzten 5 Minuten einer Folge Grey's Anatomy. Gut so.

    24.09.2012, 16:51 von Jungle_Julia
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  • 0

    Toller Text!!
    Ich beneide dich. Auch ich hab jetzt einen neuen Song im Ohr, aber... mein Evergreen geistert aus der Vergangenheit noch in meinem Kopf rum.
    Es ist so schwierig aus Liebe Freundschaft zu machen...

    05.09.2012, 20:29 von SiebteWelle
    • 0

      Ja. Das hier ist die Ausnahme nicht die Regel. Und es fühlt sich auch immernoch komisch an.

      05.09.2012, 20:33 von lalina
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  • 0

    Pro Freundschaft!

    03.09.2012, 17:31 von Ms.Paradise
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  • 1

    es ist schön wenn menschen sich nicht aufgeben und selbst wenn sie lange zeit andere Wege gehen müssen. Alle Wege kreuzen sich mehrmals im Leben!
    Manchmal allerdings bleibt  das befreundet sein auch nur ein Illusion. So wissen wir was vom anderen haben.

    17.08.2012, 09:49 von MarekKlippendichter
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    das mit dem song ist cool..


    man wünscht sich oft so eine freundshcaft nach einer langen liebe. nicht immer ist das gut. oder möglich.

    ich wünschte ich könnte es..

    17.06.2012, 23:51 von -lay-
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  • 3

    Mir ging beim lesen so manches durch den Kopf, doch wirklich sagen kann und will ich hier nur eines. Ich drück die Daumen für die Freundschaft.

    17.06.2012, 15:44 von Myselfandme
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  • 2

    Ein durchaus schöner Text, der doch aber auch gerade das "Merkwürdige" an solchen Freundschaften beschreibt. Denn trotz aller Zuversicht und verstrichener Zeit zeugt er doch auch davon, dass der Umgang eben nicht freundschaftlich zwanglos ist, sondern gehemmt. Und genau da liegt häufig schon der Hund begraben.

    Viel essenzieller finde ich jedoch, dass ich Schwierigkeiten damit hätte, wenn meine Freundin ein gutes freundschaftliches Verhältnis zu ihrem Ex-Freund pflegen würde. Umgekehrt würde ich im Traum nicht auf die Idee kommen, von meiner Freundin zu erwarten, dass sie eine Freundschaft zwischen mir und einer meiner Ex-Freundinnen wohlwollend akzeptiert.

    Für mich persönlich liegt der richtige Weg irgendwo dazwischen, auf einem quasi "neutralen" Level. Freundschaft ist für mich in solchen Konstellationen schwer vorstellbar, ignorieren und angiften muss man sich aber auch nicht.

    17.06.2012, 15:36 von trial_and_error
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  • 0

    Unfassbar, dass Jemand und ich gerade dabei sind, genau das Umgekehrte zu machen. Aus 5 Jahren Freundschaft und vielen Erinnerungen, aus Unbeschwertheit und Leichtsinn ist jetzt etwas Komisches geworden. Und das macht mir Angst und deswegen wünschte ich, mein Philipp (der tatsächlich auch Philipp heisst) und ich wären schon an der Stelle, wo wir

    wieder nebeneinander sitzen zu
    können, ohne sich die Lippen des Anderen auf der Haut zu wünschen.

    17.06.2012, 15:09 von Fell_Zunge
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  • 1

    tolle und hoffentlich auch wahre geschichte :)

    17.06.2012, 12:49 von xna2
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