Schnittlauchschnitte 14.09.2008, 19:49 Uhr 0 0

Lange nicht gesehen...

...Kannst du mir mal wieder über den Weg laufen?

Seit einer halben Ewigkeit kenne ich dich inzwischen. Aber mein Leben ist noch nicht besonders lang, deshalb kommt es mir wahrscheinlich nur so vor. Und seltsamerweise kommt es mir ebenfalls so vor, als hätte ich dich seit einer halben Ewigkeit nicht mehr gesehen. Auch, wenn das nicht sein kann.

Ich wollte immer sein wie du, schon als wir uns kennengelernt haben, mit sechs Jahren. In meinen Augen warst du immer die hübscheste und selbstsicherste Person, die ich kannte. Du hast dir nie etwas sagen lassen. Von niemandem. Du hast gemacht, was du wolltest, weil du genau wusstest, was du wolltest. Ich hätte mich das nie getraut. Ich hatte Angst vor allem, sogar vor meinen Eltern, obwohl es keinen Grund dafür gab. Du hattest vor gar nichts Angst. Ich bewunderte dich. Das tue ich immer noch.

Du warst nicht immer nett, auch zu mir nicht. Nicht mit Absicht, nein. Auch wenn wir Freunde waren, hast du mich manchmal sitzen lassen, auf dem Schulhof, und nicht nur da. Ich dachte, du hast mich vergessen. Hast du wahrscheinlich auch. Aber so warst du eben. Und du bist es immer noch. Du hast mehr Freunde, als du zählen kannst. Nicht nur Bekanntschaften, das ist ja das Schöne. Echte Freunde. Ich würde mich auch gerne dazuzählen. Aber das kann ich schon lange nicht mehr.

Du hast dich schneller verändert, als ich gucken konnte. Neben dir hatte ich immer das Gefühl, stehen geblieben zu sein. Das war ich wahrscheinlich auch. Aber du hast dich schnell entwickelt. Zu schnell für mich. Nein, nicht zu schnell für mich. Nur zu schnell, um dich ab und zu umzusehen und zu schauen, ob es mich noch gibt.

Wir haben uns weniger gesehen und irgendwann gar nicht mehr. Ich könnte jederzeit Kontakt mit dir aufnehmen. Ich werde es nicht tun. Es würde sich komisch anfühlen. Als würde ich aus irgendeiner Schublade in deinem Zimmer kriechen und dir aus einer längst vergangenen Zeit zuwinken. Aus einer Zeit, an die du dich gar nicht mehr erinnern kannst. Erinnern willst.

Ich würde dir gerne einiges erzählen. Zum Beispiel, dass ich mich auch entwickelt habe. Genauso schnell wie du, nur später. Dass sich so vieles verändert hat. Ich auch. Und dass ich glaube, dass wir uns jetzt wieder besser verstehen würden. Obwohl wir uns nie schlecht verstanden haben.

Ich würde gerne hören, was dir passiert ist. Ich möchte hören, was du denkst, wovor du Angst hast, wovon du träumst. Ich möchte, dass du sagen kannst, Das hier, das ist meine Freundin. Die kenn ich schon seit ner halben Ewigkeit. Ich möchte dasselbe von dir sagen.

Freundschaften verlieren sich nun mal, das sagt mir jeder. Das weiß ich selbst. Das ist uns passiert. Ich weiß nicht genau, wie, und ich würde es nicht mal so schlimm finden, wenn ich dich einfach vergessen könnte. Ich frage mich selbst, warum das nicht geht. Bei dir geht es doch auch, garantiert. Früher war ich auf dich angewiesen. Du warst eine der wenigen Freunde, die ich hatte, meine beste Freundin. Ich weiß nicht, was ich ohne dich gemacht hätte. Aber das ist nicht mehr so. Ich habe andere Freunde. Gute Freunde. Wunderbare Freunde, die ich sehr lieb habe. Warum habe ich also manchmal das Gefühl, du könntest eine viel bessere Freundin sein als sie?

Letztens habe ich eine Freundin von dir gesehen. Beim Einkaufen. Sie würde mich heute niemals wiedererkennen, aber ich hab sie erkannt und ich war unheimlich eifersüchtig auf sie. Weil sie dich einfach besuchen kann. Besuchen wird. Und du wirst ihr alles erzählen und nicht eine Sekunde an mich denken dabei.

Ich weiß nichts mehr von dir, nichts. Aber ich würde es gerne. Und ich denke oft an dich. Weil ich dich immer furchtbar gerne hatte. Hab ich immer noch. Ich frage mich, ob du das überhaupt noch weißt, ob du mich auf der Straße erkennen würdest, ob du noch ab und zu an mich denkst. Dass wir eine Zeit lang immer donnerstags in die Sauna gegangen sind. Das wir samstags zusammen Asterix-Filme geguckt haben. Dass ich, wenn ich bei dir übernachtet habe und du früh noch nicht wach warst, immer deine Bücher gelesen habe, „Die kleine Hexe“, „Die rote Zora und ihre Bande“, „Jim Knopf“ und so weiter. Dass du immer Haare wolltest wie ich sie hatte, und ich wollte immer solche, wie du sie hattest. Dass wir auf dieser einen beschissenen Party einer gemeinsamen Freundin fast von so einer Kampftussi verprügelt worden wären, und dann ein Spiel gespielt haben, wo es darum geht, wie gut man den anderen kennt. Wo ich erfahren habe, dass du gerne Dudelsack oder Geige lernen würdest. Dass du eine Zeit lang immer „Zonk“ gesagt und mich am Kopf gepufft hast, wenn ich dich geärgert habe, obwohl mich das tierisch genervt hat. Dass wir uns nie gestritten haben.

Ich hab ein paar Fotos von dir gesehen. Du bist immer noch die hübscheste Person, die ich kenne. Und ich wette, dass ich dich einfach lieb haben würde, wenn ich dir erst jetzt zum ersten Mal begegnen würde. Vielleicht wäre das sogar besser so. Dann könntest du mich vielleicht auch lieb haben.

In einem halben Jahr ziehe ich um. Dann wohnen wir in derselben Straße. Es wird sich komisch anfühlen. Ich hoffe fast, dass du bis dahin ausgezogen bist. Nein, hoffe ich nicht.

Ich wünsche mir, dass du mir irgendwann über den Weg läufst. Damit ich sagen kann, wie toll es ist, dich zu sehen, und darauf bestehen kann, einen Kaffee trinken zu gehen und mich ein bisschen mit dir zu unterhalten. Ob du wieder einen Freund hast. Ob du wirklich Sportmedizin studierst. Ob du zufrieden mit deinem Leben bist. Ob es dir gut geht. Das wünsche ich mir.

Ich hoffe, dass du glücklich bist. Ich bin es nämlich fast.

Ich vermisse dich.

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