lisalue 28.01.2013, 12:22 Uhr 0 3

Koboldküsschen.

Wir waren wie dick und doof, nur ohne dick und doof und zu sein.

Ich halte dir das angebissene Stück Schokolade vor die Nase und dein Mund nimmt es grinsend an. Dann verziehst du das Gesicht genauso wie ich. Ekelhaftes Zeug. Wir kichern wie beschwipste Teenager. Die umsitzenden Leute halten uns vermutlich für albern, gar kindisch. Doch das war uns schon immer egal. Du legst deinen Kopf auf meine Schulter, ich ziehe leicht an deinen Haarspitzen. Dann drückst du mir einen Kuss auf die Wange und wir steigen aus. Wir laufen durch die Nacht. Singend, lachend, tanzend, Arm in Arm. Wie früher eben.

Wir verabschieden uns wie immer. Mit der Beteuerung das alles ganz bald wiederholen zu müssen, es nicht wieder einschlafen zu lassen. Wirklich. Diesmal nicht.

Normalerweise hätten wir gleich nächsten Tag wieder kommuniziert. Und uns spätestens überübermorgen wieder gesehen. Wir hätten uns wieder irgendeinen Schabernack ausgedacht, uns im Kino gegenseitig Popcorn in den Mund gestopft, bis spät in die Nacht den neuesten Herzschmerz ausgetauscht, uns getröstet und im nächsten Moment wieder so doll gelacht, dass uns am Tag darauf  der Bauch wehtut. Oder wir wären tanzen gegangen, hätten uns gegenseitig vor schmalzigen Anmachsprüchen gerettet, die gleichen Typen toll gefunden, später die Schuhe getauscht, weil der einen die Füße mehr wehtun als der anderen und wären in der Früh mit nackten Füßen durch Pfützen springend nach Hause gelaufen. Oder wir hätten uns Feenstaub gekauft, die tollsten Sachen gewünscht, uns Koboldküsschen gegeben und auf Fotos gegenseitig die Nasen mit der Hand verdeckt, weil die so schrecklich groß sind. 

Grundsätzlich gab es uns nur zu zweit. Zumindest eine Zeit lang. Eine wunderbare Zeit lang. Wir waren wie dick und doof, nur ohne dick und doof und zu sein.

Jetzt ist das anders. Tagelang hören wir nichts voneinander. Wenn ich dir schreibe, antwortest du nicht oder tust es Tage später. Du warst wohl wieder in einem tiefen Loch. Weit entfernt von dir selbst, sagst du. Auch die Antidepressiva helfen da nicht mehr. Auch ich helfe da nicht mehr.
 
Dann endlich fragst du mich ob wir uns sehen wollen, du würdest vorbeikommen. Ich halte mir den Abend frei, warte auf dich. Vergeblich. Wie an vielen weiteren Abenden. Dann schaffen wir es nach Wochen, Monaten doch mal wieder uns zu sehen. Du willst nicht darüber reden, weil ich dich so gut verstehe, dass dir die Wahrheit meiner Worte weitere Stiche versetzt. Also ist alles so wie immer. Als wär nichts passiert. Als würde es dir gut gehen. Als würdest du mich vermissen. Als würdest du nicht in therapeutischer Behandlung sein. Als würdest du dich nicht mit irgendeinem chemischen Mist vollpumpen, um den stechenden Schmerz zu übertönen. Als würdest du dich nicht selbst verletzen. Als würdest du nicht mit dem Gedanken spielen, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Als würdest du dich selber mögen. Und das Leben auch ein bisschen.

Für diesen Moment denke ich, es wird alles wieder gut. Es wird alles wieder so wie früher. Doch wenn sich unsere Wege wieder trennen, trennst du dich auch wieder von mir. Ich komme nicht mehr an dich ran. So sehr ich es auch versuche. Du sagst, du löst dich auf. Deine Worte schockieren mich, machen mich hilflos. Du sagst, du verlierst dich selbst. Du verlierst uns. Dich, mich.

Wie gern würde ich dich an die Hand nehmen und dir zeigen, welch wunderbare Augenblicke du verpasst. Was du alles sehen könntest, wenn deine einst so neugierigen, glänzenden Augen nicht immer auf den Boden schauen würden.
Was hat dir bloß all das genommen? Dein Selbstvertrauen, deine Freude, deine Begeisterung, deinen Stolz?
Du hast dich aufgeben. Dabei liegt dein ganzes Leben noch vor dir.

Und ich kann nichts weiter tun, als ständig zu versuchen dich hochzuziehen, mitzuziehen, in der Hoffnung, dass du die Welt doch irgendwann nochmal ein bisschen so siehst wie früher.

http://www.youtube.com/watch?v=VC8OR5okTTo


Tags: Kobold, Liebstes
3

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare