flughund 10.01.2010, 16:23 Uhr 0 0

Katastrophenschutzübung

Als letzten Donnerstag ganz in der Nähe von Bern dieser Zug entgleiste, regte sich niemand, auch Vincent nicht, großartig darüber auf.

Diejenigen, die sich eigentlich darüber hätten aufregen müssen, verhielten sich naturgemäß besonders ruhig - waren sie doch entweder sofort tot oder aber innerhalb weniger Augenblicke zu schwerst geschockten Knochenfleischbündeln mutiert und als solche portionsweise auf die umliegenden Krankenhäuser verteilt worden, wo sie seither in stummer Apathie verharrten. Ansonsten nahm man das Ereignis hin in Form von Stimmen, die es aus technischen Geräten heraus verkündeten, und in Form von Wortketten auf großen Bögen Papier, mit denen man später den Abfallbehälter in der Küche auskleidete.
Und Vincent, der befand sich zeitlich zwischen alledem im Schneideraum einer kleinen privaten Fernsehstation und konzentrierte sich darauf, die dort eintreffende Bilderflut so schnell wie möglich in die üblichen Dreißigsekundenclips für die nächste Nachrichtensendung zu zerhacken. Genau so wie schon zuvor am Montag bei dem fürchterlichen Schiffsunglück im Kaspischen Meer, am Dienstag bei dem verheerenden Brand in einem koreanischen Wolkenkratzer und am Mittwoch bei dem gräßlichen Bürgerkriegsgemetzel in irgend einem schwarzafrikanischen Staat. Eine stinknormale Woche also hätte das sein können. Wäre da nicht diese eine, zumindest für Vincent wirklich spektakuläre Sache passiert.

In dieser Woche nämlich brachte Vincents alter Freund Theo die gesamte Familie mit einer Schrotflinte um. Sein anschließender Versuch, sich selbst zu erhängen, war am morschen Dachgebälk seiner Scheune gescheitert.

Vincent bekam die Meldung am Freitagmittag auf den Tisch. Weil es dazu keinerlei Filmaufnahmen gab, blieb sie für ihn vorerst noch abstrakt. Erst gegen Abend, als völlig überraschend ein Kegelbruder aus fernen Tagen bei ihm anrief, gewannen die kargen Worte ein wenig an Kontur. Ein richtiges Bild ergaben sie jedoch noch lange nicht.

Ausgerechnet Theo, dachte Vincent, als er am Ende dieser Woche ins Auto stieg, um in die dörfliche Gegend zurückzureisen, die ihm zwar immer noch vertraut, aber längst nicht mehr heimelig war.

Vincent hatte Theo schon seit langem nicht mehr gesehen. Sie hatten nur gelegentlich dann und wann mal miteinander telefoniert. Immerhin, so gänzlich abgerissen war der Kontakt zwischen ihnen nie. Jeder hatte eben reichlich zu tun gehabt - Theo auf seiner Scholle, er selbst zunächst mit dem Studium und später dann als Quereinsteiger im Beruf. Viel Arbeit, wenig Zeit und nicht zu vergessen die räumliche Entfernung, ganz zu schweigen von den zahllosen Verpflichtungen, die man zwangsläufig einging, wenn man so oder so noch etwas erreichen wollte in seinem Leben. Über all den Jahren war aus Vincent dann wohl tatsächlich doch noch ein Großstadtmensch geworden. Mit dem feinen Unterschied, daß reinrassige, also eingeborene Großstadtmenschen beim Anblick blühender Rapsfelder links und rechts der schmalen Straße für gewöhnlich in den Ruf ausbrachen: "Hach, ist das nicht hübsch hier?". Bei Vincent dagegen regte sich in dieser Hinsicht nichts. Er sah nur die Güllewagen auf den Feldwegen, die gelben Ortsschilder mit ihren kläglich klingenden Namen und dahinter mehr oder minder schmucke Häuschen - lauter saubere kleine Gefängnisse mit zehn Metern Gras dazwischen.

Etwa zwei Stunden Fahrtzeit würde er wohl brauchen. Das war viel kürzer als damals mit dem uralten Käfer, aber heute erschien ihm die Strecke endlos lang.
Überhaupt: damals.

Damals, als er Theo noch besucht hatte. Meist wegen des Autos, an dem es ständig irgendwas zu reparieren gab. Theo war überaus geschickt in solchen Dingen. Ein hervorragender Mechaniker, ein dufter Kumpel. Nur als Geschäftsmann die totale Niete. Ein Lob für seine Arbeit war ihm immer weit wichtiger als Geld gewesen. Kein Wunder, daß sie alle mit ihren Schrottkarren zu ihm gekommen waren.

Am späten Samstagnachmittag erreichte Vincent schließlich jenen Ort, in dem er aufgewachsen war. Der Vorplatz des Landgasthofes, auf dem er seinen Wagen abstellte, sah noch genau so trostlos aus, wie er ihn im Gedächtnis hatte - jede Menge Schlaglöcher, in denen sich das Wasser der vergangenen Woche staute.
Drinnen lauter altbekannte Gesichter. Die Stimmung war zunächst gedämpft. Man sprach nicht viel, nur über Fußball, über's Wetter, das neue Auto und natürlich die Lottozahlen. Im ersten Moment wirkte alles wie früher, bevor Vincent sich entschlossen hatte, fortzuziehen. Nur wußte er mittlerweile, daß den meisten einfach jeder Anlaß hochwillkommen war, sich vollaufen zu lassen. Sie hätten es ja ohnehin gemacht. Diesmal aber gab es dafür einen triftigen Grund. Und so nach und nach wurde dieser Grund sogar zum Gegenstand ihrer Unterhaltung.

"Schrecklich, die Kinder waren fünf und acht. Das jüngste drei."
"Zweieinhalb. Ganz süße Gören."
"Seine Frau war ja man ne ganz Ruhige."
"Jo, ruhig und freundlich war se."
"Und einen Butterkuchen konnte die, da träumt meine Olle doch von."
"Ach, schade isses."
"Und Theo?", mischte sich Vincent ein, "Wie geht's ihm denn?"
Allgemeines Schulterzucken. Keine Ahnung. Er läge wohl im Krankenhaus. Am Tropf. Künstliche Beatmung. Vielleicht gelähmt. Oder gaga für den Rest. Genaues wußte keiner, und Vincent fragte auch nicht weiter nach.

Mit fortschreitender Dämmerung und nach Genuß etlicher Lagen großzügig ausgeschenkten Korns tauten die Dorfbewohner allmählich auf. Sie nahmen Vincent in die Mitte und raunten ihm voller Inbrunst, Alkohol und seliger Verbrüderung zu, er solle doch ruhig öfter mal wieder reinschauen. Und ob es denn nicht ein netter Abend wäre, so alle mal wieder beisammen. Ein Jammer nur, daß nun ausgerechnet Theo nicht dabei sein könne, ausgerechnet der nun nicht. Wo man ihm doch das alles hier zu verdanken habe.


"Meine Katrin war innerselben Klasse wie sein Sven. Netter Bengel. Svennie ham se ihn gerufen. Wollte Rennfahrer werden. So'n kleiner Schumi halt."
"Genau. Und nu is der einfach wech. Genau wie mein Bier. Komisch, dassis auch schon wieder wech. Hey, Benno, mach nochma ne Runde klar!"

Vincent hörte sich das alles an und begann zu schwanken. Kein Zweifel, er war einer der Ihren. Und dann doch wieder nicht. Denn weit mehr als nach rauhen Sentimentalitäten dürstete es ihn nach handfesten Erklärungen.
Für eine solche Sache, dachte er, mußte es doch Gründe geben. Plausible Gründe. In den Zeitungs- und Fernsehberichten war das doch immer so, daß man da irgend etwas fand. Schwachstellen, wunde Punkte, so etwas in der Art. Ein Triebwerk ausgefallen. Laborproben irrtümlich vertauscht. Plötzliche Turbulenzen. Technischer Defekt an einem Heizungsrohr. Halt irgendwelche unvorhersehbaren Dinge, die dann schicksalhaft zur Katastrophe führten.
Menschliches Versagen vielleicht?

"Sach ma", wandte Vincent sich an Kurt, "hatte Theo etwa Schulden?"
"Schulden? Och, Schulden ham wa hier doch alle."
"Oder seine Frau", bohrte Vincent weiter, "war die vielleicht krank?"
"Krank? Die Hanna? Näh, die doch nich! Hübsche Frau, nich so'n Brocken wie meine Lore, aber staak wie'n Pferd. Ging raus bei Wind und Wetter. Und imma mitte Kinner. Näh, die jammerte nich rum. Hat ja eh nie viel gesagt."

Vincent trank und trank. Er hätte plötzlich die gesamte Welt in sich hineinschütten mögen, und sie hätte ihn nicht ausgefüllt.
Aber - was war denn nun eigentlich mit Theo?

"Weissu", vertraute sich Vincent nun mit schwerer Zunge Kalli an, "der Theo ... das wa echt'n guter Freund. So'n richtig guuuter Freund. So einen finste nich an jeder Ecke. Da mussu tierisch lange suchen. Oder Glück ham. Da inner Stadt, wo ich jetz wohn, da gibt's auch so'n paar Kumpels, klar. Ich mein, so Kumpels wie hier. Wie euch. So Kumpels halt. Wo man einfach mal mit losziehn kann. Zum Saufen. Und zum Fußball gucken. Und ... - na was man halt so macht."
Kalli biß von seinem Bier ab und brummte zustimmend vor sich hin. Das ermutigte Vincent, seinen angefangenen Monolog fortzusetzen.
"Aber weissu, so richtige ... Freunde ... - so wen wie Theo ... - ich mein, so'ne Seeeeele von Mensch ... - eben Theo halt ... - nie hatter einen hängen lassen ..."

ES WAR EIN FEHLER
registrierte Vincents zerklumptes Gehirn, als er mit total bedröhntem Schädel langsam wieder zu sich kam. Er lag draußen im Matsch, um ihn herum war es stockdunkel, und nicht nur sein Kopf, jeder Knochen im Leibe tat ihm weh.

Ja, sie hatten ihn wieder mal verprügelt. Ihn, den Schwächling. Ihn, der nie so stark wie Theo war. Genau wie damals nach der Schule. Genau wie damals, nach dem Fußball. Genau wie damals nach dem Dorffest. Ja, genau wie damals, genau wie früher, genau wie immer. Diesmal allerdings war etwas anders. Denn diesmal gab es keinen Zufluchtsort. Denn diesmal war Theo nicht mehr da. Diesmal hatte Theo sich als Erster vom Acker gemacht.

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