Kartoffelsalat
Mein letzter großer Held ruft wie immer erst an, wenn normale Leute, die von ihrem Tagwerk müde sind, mich eingeschlossen, eigentlich schon schlafen.
Ich sage eigentlich, denn ich putze mir gerade die Zähne. Etwas Banales im Fernsehen hat mich wachgehalten. An meinen schon ganz winzig kleinen Augen, die mich im Badezimmerspiegel ansehen, merke ich schon jetzt, dass ich den wenigen Schlaf morgen bereuen werde. Sein Hallo klingt leise. Ich spucke Zahnpasta in das Waschbecken und setze mich auf den Boden.
Er kann nicht schlafen. Zwei Jahre hat er eigentlich nie alleine geschlafen, wenn ihm der andere Körper neben ihm im Bett gefehlt hat, war er normalerweise von Alkohol so betäubt, dass ihn dieses Fehlen nicht weiter störte. Doch nun ist sie weg und er liegt nächtelang allein vor dem Fernseher, weil es ihm in der verlassenen Wohnung zu leise ist. Und zu leer, das ist es ihm auch. Um diese Leere zu füllen, hat er sich in den letzten beiden Wochen an jedem Abend betrunken, doch wenn er am nächsten Morgen aufwachte, waren er und die Wohnung wieder leer. Sogar ihr Atem fehlt mir, sagt er leise. Denn selbst am Ende, als wir schon nicht mehr geredet haben und selbst das Schreien vorbei war, da hatte ich immer noch ihren Atem. Selbst dann war es nie leise.
Ich erinnere mich, dass ich mit den Fransen vom Badezimmerteppich gespielt habe, während ich zuhörte, wie das Herz meines Helden weinte. Wenn ich ihn nicht lieben würde und die Sache mit objektiven Augen betrachten könnte, ich würde schreien vor lauter lachen, ob dieser Wendung des Schicksals: Man nennt so etwas Karma und es kommt doch so zurück, wie man es in den Wald hinein schreit. Jahrelang hat er Mädchen verarscht, wie er es grad gebraucht hat. Er war nett zu ihnen, er war lieb, er hatt diesen schleimigen Charme, auf den manche Frauen stehen. Nur ich, ich steh da nicht drauf. Eine erzählte mir mal, er gebe ihr das Gefühl, sie wäre die einzige auf der ganzen Welt für ihn. Ich habe sie ausgelacht.
Er kann hören, dass ich mir Sorgen um ihn mache. Eigentlich will er das ja auch, schließlich hat er mich nicht ohne Grund angerufen, aber er weiß wie ich bin und erzählt um mich zu beruhigen, dass er begonnen hat zu kochen. Er lernt das jetzt. Schlafen kann er ja nicht. Ich klinge genau das Quäntchen zu ungläubig, sodass er sich in seiner Ehre gekränkt fühlen kann und er fängt an mir mit ein wenig lauterer Stimme einen Vortrag über Kartoffelsalat zu halten. Er experimentiere da gerade mit dem Mischverhältnis zwischen Brühe und Essig. Da es so spät ist, lasse ich ihn palavern und stoße ab und an ungläubige Laute des Erstaunens aus. Er kocht. Und redet.
Wir waren nie zusammen. Die Leute, unser Bekanntenkreis damals, sahen uns als das Traumpaar. Das wären wir vielleicht sogar geworden, wenn mich sein Mädchenverschleiß nicht schon immer abgeschreckt hätte. Besoffen verzapfte er mir zwar eine Zeit lang immer schrecklich schwülstige Liebeserklärungen, welche einmal mit dem Absingen von "I was made for loving you" unter meinem Zimmerfenster endete, aber ich wollte ihn nie ganz. Als Freund ist er großartig, treu, loyal und aufopferungsbereit. Er war immer für mich da. So waren wir Freunde und er blieb mein Held. Und hurte sich weiter durch die Gegend. Bis sie kam, dann war alles anders.
Sie hat mir ihre Schlüssel gebracht, unterbricht er sich plötzlich selbst. Sie wohnt jetzt wohl ganz bei ihm. Ich seufze und frage, ob sie denn nochmal geredet hätten. Ja, antwortet er mir düster, sie wollte den Fernsehtisch auch noch mitnehmen. Den Fernsehtisch? Ja, sagt er. So eine lange Liebe und das letzte Gespräch dreht sich um den Fernsehtisch?
Meine Verblüffung heitert ihn hörbar auf. Ja, sagt er, ist sie nicht eine falsche Schlampe? Dann entschuldigt er sich plötzlich. Sein Kartoffelsalat sei nun fertig, und ich, ich sollte jetzt doch besser mal ins Bett. Ich gähne. Sein Herz putzt sich laut hörbar die Nase. Dann legen wir auf.





Kommentare
schön wenn man freunde hat und menschen kennt bei denen das da sein beidseitig ist.
17.01.2011, 21:33 von Pintinschön dasses noch frauen gibt die auch zuhören können, wenn sie eigentlich sich vielleicht schöneres vorstellen können (in deinem fall wohl schlafen).
schön geschriebener text.
und ich werde dann wohl mal aufs karma hoffen und dass das immer so is;)
@Pintin Ja aber auf das Karma hoffen wir doch alle ;) Aber Danke für den netten Kommentar. Jedoch könnte es doch sein dass ich mir das alles nur ausgedacht habe, oddeerr?:P
17.01.2011, 21:46 von epsleDas gefällt mir. Schön geschrieben.
15.01.2011, 14:47 von SommerregenpfuetzeDas erinnert mich an Harry & Sally...
14.01.2011, 17:38 von Rico_StgDieses nächtliche Telefonat von Schlafzimmer zu Schlafzimmer. Köstlich!
@Rico_Stg Ich sollte den Film wohl mal schaun, aber Merci :)
16.01.2011, 10:55 von epsleDas hört sich für mich wie aus dem Leben gegriffen an. So ist das nun mal ... ich hoffe aber dass es trotz der anschaulichen Beschreibung keinen zweiten Teil gibt, wo Du mit ihm zusammenkommst und er Dich dann nach einer Weile betrügt oder ganz sitzen lässt.
14.01.2011, 12:51 von CyroDas Wissen um seine Eigenschaften ist eine Sache, Gefühle eine andere. . .aber das ist ja nichts Neues.
@Cyro Da hast du ganz Recht, aber ich weiß um seine Eigenschaften und das wird sich auch nicht ändern :)
14.01.2011, 13:28 von epsleDieser sonderbaren Geschichte kann ich beim besten Willen nichts abgewinnen.
14.01.2011, 12:44 von Jackie_Grey@Jackie_Grey Ja dann lass es doch bleiben :D
14.01.2011, 12:47 von epsleich mag deinen schreibstil... irgendwie...
14.01.2011, 11:39 von MademoiselleChocovor allem der vorletzte satz hats mir unglaublich angetan.. :)
@MademoiselleChoco Vielen Dank. Ich habs wirklich schniefen hören.
14.01.2011, 12:46 von epsle