Johnny
... und du.
Es war dein Weg, dein Kampf mit dieser Krankheit und der Angst, irgendwann aufgeben zu müssen und du bist immer voller Hoffnung und Mut gewesen, hast gelebt, so gut es ging und trotz der gesellschaftlichen Ausgrenzung, den Blicken und Anfeindungen. Oft mit einem verschmitzten Grinsen, manchmal mit einem in dich hineinfressenden wütenden Fluchen. Bis zuletzt.
Ich weiß noch, wie wir damals um die Häuser gezogen sind.
In diesen verrückten, schrillen Zeiten, Ende der Siebziger.
Sind hungrig und neugierig gewesen, waren bekloppte, gedankenlose Hühner, vergnügungssüchtig - und dauergeil. Haben die Kerle klar gemacht und uns genommen, was gefiel. Warum auch nicht? Schließlich waren wir jung und der Augenblick zählte, wen interessierte, was morgen sein wird. Weißt du noch, John Travolta, dieser scharfe Italo-Ami mit den schwingenden Hüften und einem Blick, der uns extrem wuschig machte? Wie oft haben wir uns "Saturday Night Fever" und "Grease" sabbernd und quiekend rein getan, 20 mal? Bestimmt. Gott, was waren wir für zwei blöde kichernd verschwärmte Teenies. Schon irgendwie peinlich, wie wir damals in den Kinosesseln festklebten und verblödet vor Glück auf die Leinwand stierten. Uns hat es ne Menge Spaß gemacht.
Warst schon ein Lieber.
Manchmal furchtbar zickig und stur, genau wie ich, aber wahrscheinlich hat es gerade deshalb zwischen uns gepasst. Wirkliche Fetzereien gab es nie, ein bisschen "Zick-Zick" und die Nummer war wieder gegessen. Ja, unglaublich, was wir für Dinge zusammen erlebt haben, es war wirklich ne geile, aufregende Zeit. Bis er kam. Ich war sofort in diesen blonden, gut aussehenden Kerl mit den hellen blauen Augen verknallt. Hab schnell gemerkt, dass hinter der hübschen Hülle ein richtiges, egoistisches Arschloch steckte und wieder Schluss gemacht. Das hat wehgetan, aber ich stehe nun mal nicht auf überall rum vögelnde Typen, wenn man zusammen ist. Du auch nicht. Trotzdem hast du dich nach mir auf ihn eingelassen, wolltest ihn haben. Ging dabei ja nur um Sex, nicht um Gefühle, sagtest du. Aber ich habe gespürt, dass es dir um mehr ging, als nur einen kurzen, geilen Fick. Mit ihm.
Vielleicht war das ein Fehler.
Wir wussten später nicht wirklich, ob er es war der dich infiziert hat. Nur, dass er es ohne Gewissen weiterreichte, selbst nachdem er Bescheid wusste. Vielleicht hat er dich angesteckt, vielleicht auch ein anderer. So oder so, es war egal, du hattest dir dieses beschissene, todbringende Virus eingefangen. Erinnerst du dich, wie viele Nächte wir deswegen geheult haben, gepackt von der Angst, zu wissen, dass du sterben wirst? Morgen, nächste Woche, vielleicht in einem Jahr? Die Ungewissheit hat uns verrückt gemacht, wir waren fassungslos und wütend. Auf uns, die Kerle, auf Aids. Viele von unseren Freunden sind damals sehr schnell gestorben. Er auch.
Du konntest weiterleben.
Noch viele unerwartete Jahre, die sogar gut waren, von Zeit zu Zeit. Zuversichtlich hast du jeden Tag, jeden Augenblick genossen, selbst als sie ausgebrochen ist und dich kalt erwischt hat, diese Krankheit, die du nicht haben wolltest und die doch zu dir gehörte, wie eine Hassliebe. Ja, jetzt hast du es geschafft und sie gewonnen. Leidest nicht mehr unter den Tonnen von Medikamenten, die deinen Körper zerfressen haben und der trügerischen Hoffnung, Aids aufzuhalten zu können. Hast den Schrecken dieser Krankheit endlich losgelassen. Und dich. Es tut mir leid, dass wir uns seit Jahren nicht mehr gesehen haben, ich nicht wusste, dass es mit dir soweit war und keine Gelegenheit hatte, bei dir zu sein. So wie früher, als wir gemeinsam um die Häuser gezogen sind. Du und ich. Werde dich vermissen, dich nicht vergessen. Dich und die anderen.
Hoffe, es geht dir gut.
Dort, wo du jetzt bist. Grüß mir unsere alten Kumpel; Sag ihnen bitte, dass ich sie auch vermisse und mich erinnere. Dann, wenn ich an unsere Zeiten denke, damals, als wir noch halbe Kinder waren und wie John Travolta sein wollten. Ich weiß, wir werden uns wieder sehen, dort, im Kinosaal unserer Träume längst vergangener Tage. Halt mir einen Platz neben dir frei bis ich komme und lass die Finger von Johnny.
Du weißt, ich habe ihn zuerst gesehen.





Kommentare
Die Geschichte ist wunderschön geschrieben aber sehr, sehr traurig.
17.09.2008, 18:38 von _franz_Einen Freund oder eine Freundin zu verliehren ist immer das Schlimmste
Ps. von Johnnys sollte man immer die Finger lassen ich hab nur schlechte Erfahrungen mit meinem Johnny gemacht=(((((
Unglaublich ergreifend geschrieben..
13.08.2008, 21:26 von BuffoonSehr, sehr gut.
mehr als beeindruckend, diese bestechende einfachheit die einen doch so an die wand drückt, dass es einem (in diesem fall mir)nicht schwer fällt eine Träne zu vergießen... unglaublich traurig, aber dennoch mehr als beeindruckend.. (um mich an dieser stelle zu wiederholen)
13.08.2008, 19:05 von zweideutigkeitHach da kommen einen die Tränen.
13.08.2008, 13:50 von Isabell_MonorSehr schön, traurig, gänsehaut, hach alles zusammen
ich finde den text sehr berührend und dass er nun gar nicht kitschig geschrieben ist. es wäre eigenartig, wenn er emotionslos wäre, weil ja immerhin ein freund betroffen war.
12.08.2008, 15:25 von Regenliebeletztenendes kann es jeden mal treffen, weil ich glaube kaum, dass sich heutzutage viele testen lassen, ob sie infiziert sind oder nicht, wenn sie glauben den oder die richtige(n) getroffen zu haben.
10.08.2008, 23:03 von lenibobes ist wichtig das man den leuten die heute noch ohne gummi mit fremden ficken klar macht das sie nicht nur ihr eigenes leben aufs spiel setzen und ihre gesundheit ruinieren sondern auch was sie ihrer familie und ihren freunden damit antun!
denn ist ein sohn oder ein freund totkrank und stirbt, stirbt immer ein teil von dir selbst mit.....
kiyan, wie immer ne empfehlung!
der Schreibstil hat was Unbeholfenes find ich.....das Ende gefällt mir unheimlich gut!!
10.08.2008, 22:22 von WanderstockSuper Text... feuchte Augen inklusive.
10.08.2008, 20:31 von EngouMir sind die Tränen gekommen als ich diesen Text las. Besser geschrieben geht nicht mehr - Real und voller Gefühle...
10.08.2008, 18:38 von 2she2