Irgendwo zwischen dem Hier und dem Jetzt.
Auf der Flucht mit ihr.
REEENN!! brüllt sie mir entgegen. Innerhalb von splittrigen Millisekunden, bröselig wie Staub, spüre ich wie meine Beine ihrem Schatten hinterher hetzen. Ich spüre den Wind als Fäuste haarscharf an meinem Ohr vorbei jagen. Alles was ich jetzt noch sehe, ist ihr Schatten, der im anbrechenden Morgen ganz leise verblasst und ihr blondes Haar, das ihr durchs Gesicht fährt, jedes Mal wenn sie sich zu mir umdreht. Unsere Jacken knistern, während unser ganzer Körper in Bewegung gerät. Ich vertraue ihr blind. Ich weiß, dass es immer genau dann Zeit zu rennen ist, wenn sie den ersten Schritt mit Geschwindigkeit verziert. Genau dann und keinen Zeigerschlag später. Hinter uns verlieren sich die Rufe in der endlosen Kulisse, auf dem Feld, im Morgen, zwischen dem unregelmäßigen Hall unserer Schritte.
Wir sind so oft gerannt, und wenn ich ehrlich bin, dann muss ich gestehen, dass ich irgendwann aufgehört habe zu zählen. Wir sind so oft geflohen. Ich öfters als sie, weil so oft der richtige Zeitpunkt, für Lungen voller Luft und für fletschende Zähne im Angesicht der Realität, an mir vorüberzog. Aber das ist es doch, neben so vielen Dingen, was uns zu uns macht. Ihr Löwenherz, das manchmal ganz schwer wird, was bereit ist der Welt die Stirn zu bieten, und meine Kindlichkeit, die mir in dunklen Ecken die Gefahren bunt bemalt. Im Gleichgewicht. Im Kreislauf. Tanzend und sich umgarnend, verwebend.
Jetzt wird sie langsamer, greift nach meiner Hand und zieht mich ein Stück die Straße entlang. Ich kann die Silhouetten des Bahnhofes erkennen, an dem so oft ihr Fahrrad stand, wenn sich unsere Pläne ganz plötzlich geändert hatten. Sie kramt in ihrer Tasche, wird fündig und mit einem sachten Klacken löst sich das Schloss aus den Speichen. Während sie in die Pedale tritt, wandert die Sonne hinter den verschlafenen Gebäuden entlang und entflammt ihr Haar, das mich an der Nase kitzelt. Mit einem Mal ist es ganz still um uns, bis auf den Dynamo der sich surrend am heißen Gummi reibt. Sie bringt mich fort von hier, wie so oft. Manchmal liegt zwischen dem Hier und dem Jetzt ein steiniger Stolperpfad, manchmal muss man sich Momenten nicht ergeben, man kann sie austauschen, man kann sie verlassen, wenn man nur schnell genug laufen kann.
Einmal bin ich leichtfüßig in eine Mädchengang geraten, die mich zwischen den Klokabinen von einer Ecke in die andere stieß, die mir jegliche Fluchtmöglichkeiten verbarrikadierte. Sie hat, als hättest sie es geahnt, hinter einer der Türen auf den passenden Moment gewartet und mich zu sich in die Kabine gezogen. Und während meine Nasenspitze auf ihrer ruhte, trommelten sie fluchend gegen die Türe. Und dann lachte sie ihr irres Lachen, wie eine Hexe, nur rauer, sie lachte dasselbe Lachen, das mich noch heute den Tagträumereien entreißt. Sie umschloss mein Gesicht mit den Händen und legte ganz sachte ihre Lippen auf meine, die zittrig aufeinander lagen.
Ihr Fahrrad rauscht die Festung entlang, ich lege den Kopf an ihren Rücken, schließe die Augen und breite die Arme aus. Mein Finger kribbeln unter den warmen Strahlen der Morgensonne, vom Adrenalin das durch meine Adern rauschte. Ein neuer Tag bricht an, ein neues Jetzt. Und während wir die Füße im See versenken und ihrem Taschenradio lauschen, spielt irgendjemand irgendwo Gitarre. Es beginnt zu nieseln.
Ich liebe dich, A. Im Hier. Im Jetzt. Im Gestern, Heute und im Morgen.







Kommentare
mir fällt nichts mehr ein, es ist wundervoll du schreibst einfach wundervoll!
05.11.2012, 19:12 von lulu153sehr schöne Gedankengänge sehr schön auf's Papier gebracht!
27.10.2012, 21:39 von ToraDas sind so Sätze, die mich sprachlos machen und mir niemals nie einfallen würden. Finde ich toll, wie den ganzen Text, der sehr liebevoll geschrieben wirkt.
27.10.2012, 10:44 von Mrs.McH
Mrs, charmant wie eh und je. Vielen Dank, aber du hast auch immer sehr einzigartige Ideen, was deine Text angeht :)
27.10.2012, 20:34 von wittchenschneeGefällt mir sehr gut, ich sehe es so ähnlich wie forst.
27.10.2012, 09:56 von Sultaninewow! Ich bin sprachlos! Toller Text! Und so viele schöne Details die andere ausgelassen hätten wie Unsere Jacken knistern so viele Kleinigkeiten die der Geschichte eine für den Leser greifbare Lebendigkeit geben.
27.10.2012, 07:07 von tracy.dIch finde, rein objektiv, könnte man auf den letzten Absatz verzichten. Der Text ist viel zu schön, um nur eine Liebeserklärung zu sein.
27.10.2012, 01:48 von forstHihi. Mag schon sein, aber das war ihr Geburtstagsgeschenk von mir :) Deswegen musste der Satz noch dazu :)
27.10.2012, 09:33 von wittchenschneeEs sind viele schöne Sätze zu entnehmen, daher auch mein Mögen für neue Inspirationen.
26.10.2012, 20:34 von blueRiver