More_than_this 22.05.2012, 21:18 Uhr 0 4

Irgendwie fängt irgendwann irgendwo die Zukunft an

Da sitzt man also vor seiner Serie und wünscht sich ins New York der 90er, in der Friends noch Friends sind und irgendwie jeder Gast ein Highlight

Wenn man so ist wie ich, dann ist das nicht immer ganz einfach. Und heute sind das mehr Leute als früher. Ganz klarer Fakt. Ich bin in einer mittelgroßen Kleinstadt aufgewachsen. Die kleineren Dörfer um uns herum mussten immer in meine Stadt kommen um in die Schule zu gehen, um einkaufen zu gehen, um ein bisschen mehr zu leben. Je älter wir wurden, desto mehr kamen meine Freunde aus den Dörfern um uns herum zu uns und wir gingen gemeinsam in eine richtig große Stadt. Um noch  mehr zu erleben, um anders zu sein, um nicht mehr in unserer kleinen Stadt zu versauern, in der sowieso immer alles gleich ist. Einmal im Jahr findet das Stadtfest statt. Und einmal im Jahr kommt Weihnachten und alle Studenten kommen wieder heim. Dann wird irgendwann die richtig große Stadt zu klein. Und dann wird das Land zu klein. Und irgendwie ist man dann auf jedem Kontinent mal gewesen. Wie geht es dann weiter? Schüleraustausch, Auslandsjahr, Erasmus. Und am Ende weiß man nicht wo man hingehört oder ob man überhaupt irgendwie irgendwann irgendwo hingehören kann. Abgesehen davon, dass man nicht nur eine geografische Heimat sucht. Was genau bringt die Zukunft wenn alles zu wenig ist und niemand einem sagen kann, ob es überhaupt eine Zukunft gibt. Klimawandel und so.

Ich sitze also in meinem geliebten Spanien, in meiner geliebten spanischen Sprach-Daunendecke und draußen ist es kalt und niemand kann mir sagen wann der Winter vorbei ist. Deswegen bleibe ich drinnen. Na ja, nicht nur deswegen, aber wenn man so was Gutes gefunden hat, sollte man es vielleicht nicht direkt wieder loslassen. Die Vorstellung davon lähmt mich. Mein Vater hat es einmal gut auf den Punkt gebracht. „Wir haben das Gefühl du bist das Kaninchen, das vor der Schlange steht und sich nicht bewegen kann vor lauter Angst.“ Stimmt. Kann mich nicht bewegen. Wenn ich mich bewege besteht doch die Möglichkeit, dass ich mich plötzlich wieder in dem altbekannten Loch wiederfinde, das mich schon einmal aus dem Hinterhalt überrumpelt hat und in dem ich 2 Jahre lang herumgeschwommen bin. Wenn mein Vater sowas sagt, würde ich am liebsten heulen. Aber als starke Frau macht man das nicht. Man geht weiter. Man geht weiter weg. Die Fernsucht treibt. Man liebt die Heimat, man liebt die Ferne. Normalsein ist out. Dableiben langweilig. Was findet der spätere Arbeitgeber gut? Was findet man selbst gut? Und will man überhaupt arbeiten? Nine to five? Verbeamtet? Ich bin da ja nicht die einzige. Meine Freunde lesen sich wie ein Reiseführer. Ein Jahr Paris, ein Jahr in Finnland, ein halbes Jahr Australien, ein halbes Jahr New York. Studium in Berlin, in Lausanne, in Schweden, in Kanada. Ich liebe es meine Reiseführer zu lesen. Ich mit den Freunden in der großen weiten Welt. Und dann nehmen mir die vielen Möglichkeiten wieder den Atem.

Als mein Studium angefangen hat, habe ich in mir selbst geruht. Ich kam als wohlgenährter Buddha aus meinem wohlverdienten Auslandsjahr im benutzerfreundlichen Australien zurück um etwas zu studieren, was so bisschen was mit Musik zu tun hat. Immer am Verfolgen eines nichtexistenten Ziels. Nach einem Jahr war das Körpergewicht wieder auf altem Stand, aber neues Gewicht kam dazu. Nach 1,5 Jahren war die beste Freundin die ehemals beste Freundin. Sie völlig unverändert, ich völlig irritiert. Winterstarre, Schockzustand. Du stehst vor einer Schlange. Gute Noten, schlechte Noten, Hausarbeiten, Männer, die für 3 Tage spannend sind, Konzerte, verpasste Momente, verflossene Zeit. Die Gesellschaft zeigt einem eine Welt, in der das Studium die schönste Zeit des Lebens ist. Das Leben erklärt einem, dass die Leute im eigenen Studiengang nie Freunde fürs Leben werden. Vom Leben gezeichnet sitzt man also vor seiner Serie und wünscht sich ins New York der Neunziger, in der Friends noch Friends sind und irgendwie jeder Gast ein Highlight. Im zweiten Jahr kommt die Wende. Eine leise Stimme im Kopf sagt, dass das Leben jetzt nicht mehr mir erklärt, sondern ich dem Leben und dass sich was ändern muss. Ich sage Ja. Öfter zumindest. Praktikum, Party, WG-Freunde, Freunde der WG, Barkeeper-Job, Kamerakauf, Barkeeper-Job-Kündigung, Fotoaufträge, lange Nächte, Männer, die für 2 Wochen spannend sind (jemand hat da vielleicht doch einen Plan für mich…), Erasmusbewerbung. Das Studienfach drängt mich dermaßen vehement aus der Stadt, dass ich mich kaum in der Bibliothek festhalten kann. Spanien, oh Spanien. Du Land der Sonne und Bärte. Ich lache in mich hinein. Ich lache aus mir heraus. Hinterlasse tatsächlich Freunde, die mich Freundin nennen. Auch wieder vorbei. Wenn’s am schönsten wird muss man gehen. So ist das.

Da ist man dann wieder auf Neustart und schreibt neue To-Do-Listen. Haare wachsen lassen, spanische Kultur kennenlernen, mehr Tee trinken, jede Woche ein neues Lied auf der Gitarre lernen. Aber dann kommt da ein Mann, der bleibt auch nach 3 Monaten und einer Trennung spannend. Die Lähmung will mich wieder zurück. Jetzt kämpfe ich aber nicht mehr alleine dagegen. Was 2 Jahre lang unmöglich erschien, hat meine neue Stadt in 4 Wochen geschafft. Die Freeeeunde, die guten Freeeeunde, die sind das Schönste, was es gibt auf der Welt. So liebe ich meine Klischees. Das schlimmste hier: das absehbare Ende. Meine interessenteilenden, herzwärmenden, tanzenden, singenden Friends bleiben da oder gehen in ihre Welt zurück. Die Sprache bleibt in Spanien, meine Spanier behalten ihre Bärte, ihre Demos und ihre Ausgehzeiten. Und wohin gehe ich zurück? In ein Land voller Ziellosigkeit und Entscheidungsnöte. Ich reise lieber durch Spanien und sogar bis nach Marokko. Neue Zeitreise, offene Welt. 4 Monate noch, 3 Monate noch, 2 Monate noch.

Und dann kommt es wie es kommen muss. Nach 2 Jahren Verlobung heiratet die gute Schulfreundin endlich. Der Bus nach Madrid, die Metro zum Flughafen, der Flug nach Deutschland. Da steh ich am Flughafen Stuttgart, die Winterkleidung im Backpack und meine Familie macht einen Witz über mein Hippie-Leben. Da treffe ich eine meiner wahren besten Freundinnen, ohne offizielles zerbrechliches Label, beim Schmuckkauf für die Hochzeit. Wir basteln Last-Minute-Geschenke, wir erzählen alte Geschichten und erfinden uns neue. Man kennt sich, man kennt mich. Welche Schuhe ziehst du an, wie machst du dir die Haare, du hast doch eigentlich Locken (niemand weiß mehr, dass ich Locken habe). Und überhaupt wie geht’s deinem Herzen und was machen die Eltern? Ja, die freuen sich, dass ich hier bin. Freuen sich sowieso über mich. Auch wenn ich das Kind bin, das über Nasenpiercings nachdenkt und nach Marokko reist. Das bringt mich zu der Aussage: blöd, dass wir uns so lieben, sonst könnte ich total rebellieren, mein Leben verpfuschen, auswandern und niemanden würde es interessieren. Das Nasenpiercing wäre dann auch mehr als eine Überlegung wert.

Als wir dann im Auto zur Hochzeit sitzen, ist es als wäre Weihnachten gestern gewesen. Und wie die Sonne so während der Trauung im Burggarten auf uns herunterbrennt, merke ich wie ich den Sommer liebe. Nicht, dass mir das nicht das ganze Jahr über schmerzhaft bewusst wäre. Aber jetzt sind es wir im Sommer. Nicht nur ich. Es werden schöne Fotos gemacht, gegrilltes Gemüse gegessen und die perfekte Braut bestaunt. Es geht um angefangene Jobs, Volunteer-Work in Thailand, teure Schweizer-Schokolade, Masterbewerbungen und Zimmeraufteilungen. Es geht um schmerzende Füße, gerissene Strumpfhosen, schicke Fliegen, Dia-Shows und um Brautvaterreden. Unsere Spielbeteiligung besteht darin aufzustehen, wenn nach Singles gefragt wird und die 5 Minuten Lachanfall, die folgen, gehören zu uns wie unser Zynismus über unsere niemals stattfindenen Hochzeiten. Der Tag wird zur sommerwarmen Nacht, der Wein wird zu Cocktails. Und wie ich da so barfuß zu Musik rumspringe, für die wir sonst nichts übrig haben, meine besten Freunde der Welt und ich, kann ich plötzlich wieder atmen und ein Stück meiner Zukunft sehen. Home is whenever I’m with you.

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