Im Schweinsgalopp Richtung Reinkarnation
"Ich habe das Nichts vor mir gehabt und bin nicht erblindet. Ich kann euch jetzt sagen wie es aussieht!"
Es ist kalt und wir sitzen auf einer kleinen nassen Betonmauer vor unserem Fitnessstudio. Ich höre dir beim Weinen zu: deine Stimme wird ganz hoch und quiekig und du gluckst unkontrolliert. Ab und zu hältst du dann die Luft an und presst dabei die Lippen aufeinander, streckst dein Kinn nach vorne und das Brennen, was da entsteht wo normalerweise nur ein dicker Kloß im Hals sitzt, lässt dicke Tränen aus deinen sonst so großen Augen kullern.
Übrigens weinst du nicht, weil du traurig bist, sondern aus Selbstmitleid. Nur um ehrlich zu sein: die meisten Menschen weinen aus Selbstmitleid, wie du zum Beispiel jetzt gerade, nämlich weil dir in diesem Augenblick, wenn du die Luft anhältst, bewusst wird wie verletzlich du bist und wie sehr man die wehtun kann, wie sehr dir das nun schon wieder wehtut und wie wenig du dagegen machen kannst.
Diese Enttäuschung geht dir durch Mark und Bein, dein ganzer Körper brennt während du rückwärts in ein Loch fällst und spürst, dass du gar nicht fällst sondern Dich mit aller Kraft gegen harten Steinboden presst, weil du lieber Fallen würdest. Dann hättest du nämlich einen Ausweg aus der Situation und könntest einfach - ins Nichts fallend - verschwinden.
Ich schaue dir zu, wie du telefonierst und jemand Anderem erzählst, was passiert ist, ich höre auch die Antworten von der anderen Person und muss innerlich schon allein über die Wortwahl den Kopf schütteln. Die Frau am anderen Ende der Leitung habe ich noch nie gesehen, aber ich stelle sie mir vor wie Nina Hoss als die Mutter von Bruno und Michael in der Verfilmung von Elementarteilchen, in der Szene mit dem roten Lippenstift.
Leute kommen und gehen und du weinst und sie schauen und ich schaue zurück und dann schaue ich zu dir und du hast es gar nicht bemerkt. Oder vielleicht hast du es bemerkt und es ist dir egal, oder du denkst ich hab die unangenehme Situation per unsichtbarem Handzeichen an die Unbekannten als eine ultracoole 007-Agenten-Affäre getarnt und machst dir deshalb keine Sorgen, obwohl du deinen Mascara quasi im ganzen Gesicht hast und eigentlich auch keine wahrhaftig schönen Geräusche machst.
Ich finde die Geräusche wundervoll. Ich bin froh, dass du telefonierst, denn sonst müsste ich etwas sagen. Ich kann ganz gut trösten. Zumindest spezialisiere ich mich gerade darauf gut umarmen zu können.
Das ist gar nicht so leicht, denn bei den meisten Menschen gibt es eine gewisse Zeitspanne, in der man sich bewegen kann bis darf, bis eine Umarmung unangenehm wird und genau in diesem Moment muss man dann noch ein bisschen fester zudrücken und zeigen "Ja, das ist mir auch gerad genau so ein wenig unangenehm wie dir, aber es ist in Ordnung und wir können damit weiter machen, bis wir vergessen haben, dass es uns unangenehem war."
Dich zu Umarmen macht Spass, weil man auf deinen Rippen Klavier spielen kann und es ist ziemlich hilfreich, wenn man während einer langen Umarmung etwas Vergleichbares zu tun hat. ... du zählst bei mir wahrscheinlich Rettungsringe. Darfste, Hase, darfste. Darfst auch mein Handy vollschnoddern.
Ich bewundere deinen Mut, einfach so hier zu sitzen, mitten in der Dunkelheit, und zu Heulen. Als gäb's kein Morgen mehr.
Obwohl immer alle allerbesten Freundinnen sagen "ich würd jetzt gern mit dir tauschen" würde ich nie im Leben mit dir tauschen wollen. So eine Scheisse. Man, das will doch kein Schwein. Weil all' die Schweine Schiss haben.
Könnte man mit Schweinen sprechen und ihnen anbieten sie auf den Po zu setzen, damit sie den Himmel an einem schönen Sommertag sehen können, würden sie wahrscheinlich mit fliegenden Schweinsöhrchen weggaloppieren. Oder wir wären schneller und hätten die armen Schweine schon gen Himmel ausgerichtet. Dann würden sie wahrscheinlich nicht in den kühlen, angenehmen Himmel blicken und die Unendlichkeit auf sich zukommen lassen, sondern vor lauter Panik direkt in die Sonne starren und erblinden. Weil sie nicht cool genug sind, sich erstmal den Rest da oben anzuschauen.
So gesehen bist du also ein kleines auf dem Po sitzendes Schweinchen (wer und wie er dich auf den Po gesetzt hat, lassen wir mal außer Acht).
Aber eins von den Schlauen, falls es schlaue Schweine gibt. Ansonsten bist du ein Schweinchen, dem das Schicksal gut mitspielt, denn du siehst gerade in den Himmel und darfst den Ausblick auf deine unendliche, besserwissende Existenz genießen. Die Sonne lässt dich kalt.
Klar ... wirst du's irgendwann schaffen wieder auf die Beine zu kommen, und dann läufst du mit stolzgeschwellter Brust durch die Welt und verkündest "Ich habe das Nichts vor mir gehabt und bin nicht erblindet. Ich kann euch jetzt sagen wie es aussieht!" und die Meisten werden dich - wie in dieser Geschichte von den Höhlenwesen - doof und komisch finden, weil du so einen seltsamen, eingebildeten Kram schwatzt.
Aber, wenn sie ganz ehrlich sind, werden die Anderen zugeben, dass du sie beeindruckst und sie dich nur seltsam finden, weil sie schon eine Spur Ehrfurcht vor dir empfinden, weil du den Mut hast es anders zu machen als alle Anderen. Und das nur, weil dich irgendwann mal irgendwer auf deinen Schweinspo gesetzt hat!
Und früher oder später werden dir alle begeistert zu gucken bei dem was du gerade machst - wie ich jetzt - und aus dem Staunen nie mehr rauskommen.





Kommentare
Was ich eigentlich sagen wollte:
24.05.2010, 13:15 von UllaRullaDich zu Umarmen macht Spass, weil man auf deinen Rippen Klavier spielen kann und es ist ziemlich hilfreich, wenn man während einer langen Umarmung etwas Vergleichbares zu tun hat. ... du zählst bei mir wahrscheinlich Rettungsringe.
Das mochte ich. Die Schweinsidee allerdings auch.
Schön, dass das editieren hier so einwandfrei funktioniert. Saftladen.
24.05.2010, 12:58 von UllaRullaNachtrag am 24.05.2010 - 13:04 Uhr:
*seuftz*