II: Es hat sich ausgeschaukelt.
Ich blicke durchs Glas, schaue in die weichen Augen, sehe Angst und Schmerz. "Und? Worüber wolltest du mit mir reden?"
Die Schaukel ist zurückgeschwungen. Mein Haar weht nicht mehr, fettig und strähnig hängt es mir im Gesicht und versperrt mir die Sicht.
Natürlich ist es nicht fettig. Es kommt mir bloß so vor.
Ich warte, denn die Schaukel steht. Mein Fuß gräbt Löcher in den Spielplatzsand. Sie sind sinnlos.
Du kommst langsam an. Langsam, trottend. Zögerlich. Vorsichtig.
„Träge“, zischt die Schaukel gehässig.
Schweigend setzt du dich auf die Schaukel neben mir. Wie immer. Reden ist zum kotzen. Aber Schweigen hasse ich auch.
Dein Schweigen. Es lässt mir die Hände zittern. Du sitzt da, und irgendwann fängst du an, die Schaukel ein bisschen vorwärts zu bewegen. Mit deinem Fuß. Ich koche. Wie kannst du es wagen? Was bildest du dir ein? „Lass das.“ Ich versuche, es lediglich bestimmt und nicht speichelspuck- wütend klingen zu lassen. Du stoppst sofort, gekränkt. Ich bin enttäuscht und nicht weniger wütend als zuvor.
Wir müssen reden. Ich will dir etwas sagen.
Übelkeit, Brechreiz, Nervosität, Ungeduld, Zähneknirschen.
Enge.
Angst.
Ich sehe sie in deinen Augen, die mich anschauen, riesengroß, erwartungsvoll- ängstlich.
„Sie haben gar keine Farbe“, hast du mal festgestellt. „Ich glaube, sie sind schlammfarben“, hatte ich gesagt. Dein Gesicht berührt.
Groß und glupschig glotzen sie mich an. Fischaugen sind das. Dümmlich und vor allem kalt.
Mitnichten.
Ich kann sie nicht ertragen.
Du faselst nicht. Gibst mir Zeit, etwas zu sagen. Hoffst. Denkst, bevor du sprichst. Bist nervös. Verlegen.
Immer muss ich. Die Stille erträgst du genauso wenig wie ich. Immer muss ich brechen.
Reden wie ein Wasserfall. Tatsächlich irgendwas, Hauptsache Ton.
Dümmlich und vor allem kalt.
Du brauchst Zeit für dich, bist gern allein. Rebellierst gern und erzählst mir gern davon-
baust ein Schloss um dich herum, und bemerkst nicht, dass es aus Glas ist- du bist nackt darin! Lächerlich schaust du aus. Ich kann es nicht mit ansehen, ich muss rebellieren. Lieber bin ich allein, als mich von dir im Schloss herumführen zu lassen.
Wie du.
Das verletzt dich sehr.
„Das is‘ nich‘ wahr. Er ist’n egoistisches Arschloch, ich schwör’s!“ Lallt dein Schloss.
Darüber muss ich lachen. Aber ich tue es nicht. Über dich lache ich nicht mehr.
Weil ich. Nicht kann. Nicht will.
Bitte, lass‘ den Mund zu.
Schweig doch weiter, du dämlicher Glotzfisch. Sonst fällt die Schlossmauer zusammen. Wenn du dann den Arm ausstreckst- ich werde dich totschlagen müssen.
Um die eigenen Mauern zu verteidigen.
Ich blicke durchs Glas, schaue in die weichen Augen, sehe Angst und Schmerz.
Eigentlich hätten wir im gleichen Takt schaukeln können.
Aber eigentlich habe ich nie geschaukelt. Und du bist noch mitten im Schwung.
„Und? Worüber wolltest du mit mir reden?“
Tags: Ekel, Liebsein






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