VNNR 08.09.2010, 17:40 Uhr 1 2

„Ich weiß nicht, ob ich duschen oder baden soll….“

Über Verlust, Enttäuschung und ein furchtbar hässliches Glitzerhaarband.

Freitag, 23:00. Es regnet heftig. Nina und ich sitzen unter dem Vordach der Realschule in unserer Siedlung auf dem kalten Steinboden und rauchen. Naja, oder vielmehr ich rauche, und zwar eine Zigarette nach der anderen.

Ich habe sie angerufen. Verzweifelt. Habe ihr gesagt, dass ich von zu Hause raus muss, weil ich sonst durchdrehe. Widerwillig hat sie zugesagt und sich mit mir am Spielplatz zwischen unseren beiden Häusern verabredet. Am Telefon hat sie sich mit „Ich hab aber nicht viel Zeit, Torsten und ich wollten noch einen Film schauen.“, verabschiedet. Tolle Freundin. Naja, ehrlich gesagt sogar beste Freundin. Seit 10 Jahren. Torsten. Wenn ich den Namen schon höre, möchte ich mich auf der Stelle übergeben. Torsten kennt Nina aus dem Internet. Dass sie nur 10 Minuten auseinander wohnen, bringt Nina neuerdings dazu permanent bei ihm zu hängen. Nina ist 17 und macht eine Ausbildung. Torsten ist 30, arbeitslos und wohnt bei seiner Oma. Ich muss schmunzeln, weil es so bescheuert klingt, dass es schon wieder witzig ist. Ich kenne Torsten nicht, nur Fotos von ihm und er ist unfassbar hässlich. Okay, Nina ist auch keine Wucht, denn sie hat sicher 60 Kilo Übergewicht, aber Torsten sieht aus, wie die billige Kopier eines 80er Jahre One-Hit-Wonders, nur noch unattraktiver. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, aber Nina beteuert, dass alles rein freundschaftlich ist. Na gut.

23:10. Ich möchte reden, weil ich furchtbaren Streit mit meinen Eltern habe. Normalerweise hört Nina mir immer zu. Ich fange an zu erzählen und Nina beginnt die Melodie des Liedes mitzusummen, das aus ihrem Handy ertönt. Ich weiß, dass sie das extra macht, weil sie sauer ist. Sauer, weil ich sie überredet habe sich mit mir zu treffen, weil es mir schlecht geht. Anscheinend hat sie Besseres zu tun. Ich spiele mit meinem Fingern am Moos herum, das zwischen den Pflastersteinen wächst. Nina erzählt jetzt von einer Rockband, die Torsten ihr gezeigt hat. „Das interessiert mich nicht.“, sage ich.

Früher hätte ich sowas nie so einfach gesagt, sondern einfach die Zähne zusammengebissen und zugehört. Aber letzte Woche hat Nina es zu weit getrieben. Wir waren mit ihrem Hund spazieren und ich erzählte von der Krise mit meinem Freund. Die erste Krise mit meinem Freund, weshalb es umso schlimmer war. Als der Moment erreicht war, wo sie hätte sagen müssen „Ach, komm schon, das wird wieder!“ oder „Boah, was ist das für ein Arsch!“ oder meinetwegen auch „Du übertreibst, Nicola…!“, wie es eine Freundin eben macht, sagte sie: „Hm, ich weiß nicht, ob ich gleich duschen oder baden soll…Was meinst du Tipsy?“. Ich war entsetzt. Nicht nur, dass sie meine Geschichte ignoriert, sie ignoriert auch noch mich als Person, indem sie mit ihrem Hund spricht. Geschockt sah ich sie an und fragte: „Ist das dein Ernst?“ und sie antwortete:“Was denn? Nur weil mich der Kram mit deinem Freund nicht interessiert?“. Ich war furchtbar wütend und zwar nicht wegen ihrem Desinteresse, sondern weil sie sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, mir direkt zu sagen, dass es sie nicht interessiert.

23:15. Wir reden nicht. Sie summt immer noch. Ich frage mich, was nur mit uns los ist, aber trotzdem bessert sich meine Laune, weil ich nicht mehr an den Streit mit meinen Eltern denken muss. Ihr Handy klingelt. Es ist Torsten. Ich unterdrücke einen Brechreiz, als sie wie eine 10 jährige, die glaubt den Nikolaus gesehen zu haben, ins Telefon winselt: „Wie cooooooooool, das ist ja liiiiiiiieeeb von dir!!!“ Nachdem sie aufgelegt hat, frage ich, was los ist, aber sie will es mir nicht sagen. Das macht sie nur, um mich zu ärgern. Als ich beschließe, ihren kindischen Spaß nicht mitzumachen, steht sie auf. „Ich muss gehen.“. Ungläubig schaue ich auf die Uhr.

Ich weiß noch, wo ich Nina nachts um 1 betrunken anrief. „Er hat gesagt, das wird nichts mit uns!“ habe ich ins Telefon geheult, denn ich war zu dem Zeitpunkt 15 und völlig überzeugt davon, die Liebe meines Lebens gefunden und gleichzeitig verloren zu haben. Nina hat versucht mich zu beruhigen und ist anschließend eine halbe Stunde gerannt, bis sie in dem Park ankam, in dem ich saß. Nina hat sich zu Hause raus geschlichen ist gerannt, obwohl sie normalerweise schon für eine 10 minütige Fußstrecke mit dem Bus fahren will.

„Okay, das war ja ein kurzer Spaß.“, sage ich und bin ziemlich enttäuscht, dass sie schon nach ein paar Minuten wieder gehen will und dabei hat sie mir nicht einmal zugehört. Naja, macht nichts, mir geht’s trotzdem besser, weil ich eine kleine Weile von zu Hause weg war. Ich schlage vor, dass wir noch eine zusammen rauchen oder dass sie zumindest so lange wartet bis ich fertig bin, weil meine Eltern mir das Rauchen zu Hause verboten haben und ich keine Lust habe, alleine im Dunkeln durch die Gegend zu laufen oder geschweige denn alleine irgendwo im Dunkeln zu stehen. „Ne, geht nicht. Ich muss zum Torsten, der wartet schon an der Kirche auf mich.“. Naja, was soll’s. Eigentlich hatte ich auch nicht erwartet, dass sie mir einen Gefallen tut. „Okay, ich komm mit bis zur Kirche und dann verschwinde ich nach Hause.“, sage ich und will mich Bewegen setzen, als mich Nina am Arm festhält. „Ne du, das geht nicht…“, sagt sie zögerlich und als sie meinen genervten Blick sieht fügt sie hinzu: „Der Torsten trifft nicht gern fremde Menschen.“

Das erinnert mich an meinen Opa. Der mochte es auch nicht, wenn man Fremde mit zu ihm gebracht hat. Der kleine Unterschied ist: Mein Opa ist 86, hat sein Leben lang gearbeitet und eine Familie ernährt und Torsten ist 30, unattraktiv und ein arbeitsloser Kfz-Mechaniker, dessen Hartz4-Satz gerade heruntergestuft wurde, weil er sich weigert einen Job auszuüben.

Ich lache laut. Das ist doch nicht ihr ernst. Doch! „Er ist schüchtern und hat immer Angst, dass die Leute ihn nicht mögen.“, entschuldigt sie sich. Zu Recht hat er Angst, dieser erfolglose Idiot, der mir die Freundin wegnimmt. Ich bin wütend, drehe mich um und gehe nach Hause. Ob ich übertreibe, ist mir egal.

Montag 14:00.Mein Handy klingelt und Nina ist dran. Ihre Eltern wollen sie wohl rauswerfen. Ich weiß, dass sie übertreibt, denn so eine Situation gibt es ungefähr einmal im Monat und trotzdem sage ich sofort meine Nachhilfe ab und laufe zu ihr. Sie tut mir Leid, wie sie da sitzt: Weinend, mit einer Flasche Wodka in der Hand. „Übertreib‘s mal nicht, du musst dich nicht direkt betrinken, nur wegen ein bisschen Stress. Willst du mir erzählen was wieder los war?“ – „Nein, habe schon mit Torsten drüber geredet.“. Genervt zünde ich mir eine Zigarette an. Na gut, dann hat Torsten schon für das Seelenwohl gesorgt, warum ruft sie mich dann überhaupt an? Nina lacht plötzlich. Sie erzählt, dass Torsten sich wohl in sie verliebt hat. Sie findet das alles total lächerlich und auch etwas eklig, weil er schon so alt ist. Sie will jetzt Abstand und ich freue mich, dass ich Hoffnung haben darf, dass ich meine beste Freundin doch noch zurückgewinne.

Dienstag 18:00. Nina und ich sind verabredet. Ich warte auf sie am Spielplatz. Ich rauche eine, schreibe eine Sms und höre Musik. Plötzlich setzt sich Nina neben mich. Hä? Aus welcher Richtung kam sie denn? Ich hab doch die ganze Zeit zu ihrem Haus geschaut und gewartet, dass sie rauskommt. Ich blicke zur Seite. Wer ist denn der Typ? Na klar, Torsten. Er sieht ja noch schlimmer aus, als ich gedacht hatte, denn auf den Fotos konnte man weder seine schwarz lackierten Fingernägel, noch sein Glitzerstirnband sehen. Ich muss ein Lachen unterdrücken. Was macht der Kerl hier? „Wir sind jetzt zusammen!“, sagt Nina. Der gewohnte Brechreiz bleibt aus, denn ich bin zu entsetzt. Ist die blöd? Ich brauche eine Pause, wechsel das Thema. Ich will später alleine mit ihr drüber reden. Ich erzähle von meiner Aufnahmeprüfung bei der Bundeswehr und dass ich froh bin, dort bald endlich Medizin studieren zu können, als Torsten laut lacht. Oh Gott. Was will der denn? „Nicola…richtig?“ Gott, tu nicht so als wüsstest du nicht wie ich heiße. Ich nicke trotzdem und schaue ihn böse an. “Du weißt aber schon, dass die Bundeswehr jetzt beschlossen hat einen NC einzuführen.“, sagt er provozierend. So ein Quatsch. „Schmarn, mein Papa ist doch beim Bund. Der hätte mir das doch gesagt, außerdem haben die mich schon zur Prüfung eingeladen, das hätten die sicher nicht gemacht, wenn denen meine Noten zu schlecht wären.“, verteidige ich meine Zukunftspläne und stecke mir danach einen Pfefferminzkaugummi in den Mund. Ich bin mir sicher, dass er Quatsch redet. Das würde ich doch wissen. Und wenn mein Papa es nicht weiß, woher soll der Spacko das denn wissen? Er lacht laut. „Das ist alles Taktik. Das machen die nur, damit die Öffentlichkeit noch nichts davon erfährt. In Wahrheit gibt es da bald den ganz normalen NC….Also denselben wie den, den du brauchst, wenn du dich bei der ZVS bewirbst. Ich hab da meine Quellen, glaub mir. Also solltest du dir schnell, was anderes suchen, das mit dem Medizinstudium wird nämlich nix.“ Nina starrt ihn verträumt an. Gott, was hat sie sich da nur für einen Traummann geangelt. Ich glaub ich muss kotzen. „Red‘ mir doch nicht meine Pläne schlecht. Außerdem stimmt das eh nicht.“ Ich bin sauer. „Ey, bist du irgendwie dumm? Wenn ich das sage stimmt das! Ich hab sicher mehr Lebenserfahrung als du und klüger bin ich vermutlich auch.“, sagt die Intelligenzbestie mit dem Glitzerstirnband. Das ist zu viel. „Bleib mal sachlich, du Lachs. Niemand hat dich nach deiner Meinung gefragt.“ Ich spucke ihm meinen Kaugummi vor die Füße und gehe nach Hause.

Ich habe nach einigen Wochen den Kontakt abgebrochen. Oder hat sie den Kontakt abgebrochen? Ich weiß es nicht genau. Wenn man es genau nimmt, habe ich nur ein Problem mit ihrem Partner und sie hat meine Gesellschaft offenbar durch seine Gesellschaft ersetzt. Anfangs habe ich mir eingeredet, dass ich diejenige bin, die die Freundschaft beendet hat und dass ich im Nachhinein froh bin, weil mir die Freundschaft nie so viel gegeben hat, wie ihr. Irgendwann wurde ich wütend. Wie kommt sie dazu mich einfach durch einen dahergelaufenen Idioten, wie ihn zu ersetzen? Die ist es doch wirklich nicht wert. Und dann wurde ich traurig. Was ist falsch an mir, dass man mich so einfach ersetzen kann? Bin ich denn so eine furchtbare Persönlichkeit? Lag es daran, dass meine Nägel nicht schwarz lackiert sind und ich kein Glitzerstirnband trage? Ein Ergebnis habe ich bisher nicht gefunden, ich weiß nur, dass es wehtut. Allerdings nicht, weil die Freundschaft so fehlt, sondern weil mich ein weltfremder Penner ersetzen kann.

Mittlerweile ist etwa ein Jahr her. Die beiden sehe ich noch manchmal, wenn ich zur Arbeit gehe, denn dann muss ich an seinem Haus vorbei. Manchmal kaufen sie bei mir im Supermarkt Süßigkeiten ein und dann lacht Nina immer über mich, weil ich als Kassiererin arbeite. Sie hat geschätzte 30 Kilo zugenommen und sieht jetzt aus als würde sie bald platzen. Letztens hat mir eine Bekannte erzählt, dass Nina ihre Ausbildung abgebrochen hat und Torsten jetzt als 1 Euro Jobber die Straßen unserer Stadt von Müll befreien muss. Wenn ich daran denke, muss ich schmunzeln. Mehr bleibt mir ja auch eigentlich nicht übrig. Ich hoffe nur, dass ich die beiden nicht bald mit 4 Kindern und 50000 Euro Schulden bei „Mitten im Leben“ auf RTL sehen muss. Das würde mir diese herrlich niveaulose Sendung verderben.

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Kommentare

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    Hahahahaha, irgendwie nich schlecht.

    11.01.2011, 14:57 von Lenulitschka
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