TilmannKleye 11.11.2012, 19:44 Uhr 27 1

...ich verstand

short story

Verwirrt war ich in ihr Nichthaar, das da auf der anderen Seite der schweren Massivholztafel, gut abgegrenzt von einer löchrigen Graumetallscheibe und einer länglichen Beleuchtungseinheit - ausgeschaltet - zum Beblicken lockte. Gerade noch war ich gestört von den Sonnenstrahlen, die schräg vom Geisteswissenschaftlichen Zentrum her einfielen, das, von CDU-Geldern erbaut, jeden Glauben an Schönheit wie ein Katzenbaby ersäuft. Das GWZ, ein Klarsichtbetonblock, gemacht aus den recycleten Plattenbauten Grünaus, mit vergittertem Treppenaufgang, einer dicken gläsernen, kalten Front, auf denen ein offensichtlich sinnloser, bunter Code aus Zeichen verrät, dass Funktionalität nicht nur Unrecht, sondern auch nicht zu billigen ist. Das GWZ - das Große Wohnzimmer für Wissenschaftler mit Rechtfertigungskomplexen, die beim Lattenmessen mit einem Humanmediziner oder einem Molekularbiologen immer den kürzeren ziehen werden, weil man Rilkes „Panther“ mit einem brennenden Herzen und eben nicht mit Rechenschieber und Luhmanns Systemtheorie versteht - Pegasus die Flügel abfackeln.

Im Bewusstsein dieser geistigen Armut forschte ich für die Prüfungen, dass meine Wangen herrisch bare Wut in die Zahnkronen pressten und ich wartete, bis die Stunde für die Raucherpause um war. Noch eben strahlte wärmendes Oktoberlicht durch die handshohe, gestanzte Graumetallabtrennung, welche die Arbeitstafel in zwei Felder teilte und mit goldenen Lichtpunkten das dahinterliegende, aufgedunsene Papier durchlöcherte, das sich mit Goethes „Faust“ befasste und mir anhand von Zeitdruck bis zu den Klausuren drohte.

Eine Sonne stellte sich vor die Sonne. Als Jugendliche nannten wir Menschen und Drogen, die wir mochten, mit breitem Grinsen „Sonne“. Sie beugte sich vor, als sie die Bücher ablegte, die sie vor Arbeitslosigkeit bewahren mochten. Weiblich war ihr Körper - ein praller, dunkelblauer Pullover, gut sitzende Blue Jeans, wie sie bewies, als sie noch weitere Bücher und Lexika herbeiholte.

Das aber, was sie als weiblich verwirklichte, war ihr seidenes, hellblaues Kopftuch, das ihren Haaransatz verrätselte und ihren Hals als unerreichbar adelte. Die Schönheit und nichts als die Schönheit ihres Gesichts, ihres Ge-sichts ließ in mir Spannung aufsteigen. Sie raubte meine Konzentration für Friedrich Sengles Einführung von Goethes Faust. Verstohlen warf ich einen Blick über die Metallgrenze, fing wieder an zu lesen, dass das größte dramatische Werk Goethes von den Deutschen und deren rasender Ungeduld handelt, die ihre großen Ideen und Ideale nicht zu Ende bringen können - 'Deutsche bringen lieber andere zu Ende', lächelte ich linkisch. Mutig blickte ich wieder hinüber, der handshohe Trennungszaun mit Laternenzeile zwischen uns, wurde überwunden, als sie sich ganz aufrecht setzte und mich wie mit einem Vorwurf in ihren dunkelbraunen Augen striff. Verletzt hat mich dies: Ich habe ihr doch nichts getan - das verstand ich nun wirklich nicht. Plötzlich - ihre zu Grimm verzogenen Augenbrauen, klarten auf und ihr seidenblau gerahmtes Gesicht sprach von eindeutiger Freundlichkeit.

Dass sie mir auf einmal gesonnen schien, wärmte mein Herz. Ich vertiefte mich wieder in die Interpretation und musste zweifeln, wie sie ihn nun meinte, ihren lieben Augenblick. Die letzte Stunde war schnell um und ich ging rauchen. Draußen grübelte ich verärgert über dieses GWZ, das von einem Architekten gebaut wurde, der zuletzt das Arbeitsamt und davor einen Knast entworfen hatte. Als ich damals einen Knast besichtigte, waren Netze unter den langen Gängen gespannt. Das Arbeitsamt und das GWZ hat ähnliche, lange Gänge - nur fahrlässigerweise ohne Netz - gut, das GWZ verfügt über ein Netz - und die im Arbeitsamt haben bestimmt auch Computer. In den heutigen Zeiten weiß man gar nicht mehr, wen man jetzt eigentlich hassen soll. Wenigstens schlagen die Medien alle sechs Wochen neue schwarze Schafe vor: erst die Sozialisten, dann die Ossis, dann die Terroristen, dann die Amerikaner, dann die Ausländer, dann die Menschen mit Migrationshintergrund formerly known as Ausländer, dann die Katholiken, dann die Banker, dann die Griechen und so weiter und so Furz.

So altklug hasste ich den Rauch in mich ein und hatte einen Anschlag vor Augen, auf dem stand, wie demokratisch ein Land sein darf. Hoffentlich gibt es in Nordafrika niemals eine Volksherrschaft, denn Völker, die sogar ihre Diktatoren kleinkriegen, die überrennen das Mittelmeer spielerisch. Naja, unsere Polizei ist schon mal vorsorglich schwarz gekleidet, falls es eskalieren sollte. Verwirrt ordnete ich meine Haare.


Am Aschenkübel entdeckte ich einen Aufkleber für einen „Slutwalk“. Auf die Idee dürfte ein Feminist gekommen sein, der ein eingefleischter Don Juan und Voyeur gewesen sein musste. Die Ideologie interessiert mich nicht. Verkopfter Unsinn von weiblichen Dickschädeln, die sich nicht entscheiden können, ob sie prüde sein oder banalen Sex haben wollen. Mit Titten raus und Minirock gegen allzu männliche Regungen zu demonstrieren ist Feuer mit Benzin löschen zu wollen. Übrigens erniedrigte ich mich gestern vor einem Porno, in dem die Bitch 24 Zentimeter in ihren Rachen quetschte und ihr schließlich neun Mal ins Gesicht gewichst wurde. Als ich zwölf war, sagten Männer bei Arabella Kiesbauer, sie hätten in einer Nacht mindestens drei One-Night-Stands. Als ich sechzehn war, waren Pornos mit Analsex perverse Exotik. Als ich zwanzig war, bekam Gina Wild drei Schwänze in ihren Arsch und zwei in ihren Mund. Sex sells - vor allem das verklärt-idealisierte Frauenbild, das ein Mann mit einer anständigen Mutter und ohne narzisstische Kränkungen haben dürfte. Das Mädchen, das ich liebe, ist eine Göttin - bevor ich es liebe und wenn ich es geliebt habe. Zwischendrin hat ihr Ewig-Weibliches mich, oder meine äußere Mitte, hinangezogen und die sonst sehr geachtete Göttin zeitweise zu einer „Slut“ erniedrigt.


Ich lese wieder an Goethe. Neben das wunderschöne Mädchen, das an ihren Büchern in Hülle und Fülle saß, setzte sich ihre Freundin, die ebenfalls Kopftuch trug. Wenn ich mich nicht täusche, ist Blau im Orientalischen eine Farbe des Schutzes. Die Wunderschöne trug ihr hellblaues, glänzendes Kopftuch und ich verstand diese Kultur mit einem Mal und weichem Herzen. Ihre Schönheit schrie mich an, betont durch ihre Verhüllung, nicht trotz, sondern gerade weil sie dieses edle Kopftuch um ihr Gesicht wand. Ich traute mich kaum noch aufzublicken, hinüber, über den löchrigen Metallgrenzstreifen, über dem die Scheinwerferzeile drohte. Würde ich sie ansehen, würde sie bemerken, dass ich sie gerne umarmen würde, vielleicht würde ich auch ihren Duft einsaugen, falls sie das zulassen würde. Das, was sie laut deutscher Slutwalkerinnen einengt, ist das, was ihre Schönheit am ersichtlichsten macht. Ihre Weiblichkeit, ihre tatsächlich physisch-schwache Weiblichkeit. Und das Geheimnis ihrer Stärke, ihrer weiblichen Stärke, jeden Mann von Herz und Verstand in Kämpfe und Kriege schicken zu können - und sei es, dass ihr Mann jeden Morgen um vier für den Laden zum Gemüsegroßmarkt fahren muss.

Meine Zeit war um. Fünf Stunden waren abgesessen - schon bald wollte ich die Säulenhalle der Bibliotheka Albertina verlassen. Aber anders verließ ich sie, glücklich und in Freude, denn als ich sie letztmalig ansah, über den Tisch und die Theorien und Forschungsarbeiten erhoben, lächelte die Wunderschöne lebendig und mit offenem Herzen, so dass ich ebenfalls lächelte und unsere Augen in Einverständnis silbern funkelten.


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27 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Also, ich finde den nicht schlecht. Mir gefällt die Beschreibung des Mädchens und die Gedankenabschweifungen. Dein Sprache ist anstrengend und sehr opulent, ich glaube, dass das nicht jedem liegt.
    Auch für den Fall, dass die Literaturfaschisten hier jetzt aufjaulen, ich mußte an die Jelinek denken wegen der sperrigen Sprache,der expliziten sexuellen Szenen und dem arroganten bis gleichgültigem Unterton.
    Man hasst es oder man liebt es.

    12.11.2012, 18:51 von cosmokatze
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  • 1

    So stand ich einst vor diesem Text, ihn anzuschauen,

    Und sagte nichts. Was hätt’ ich sagen sollen?

    Mein ganzes Wesen war in sich vollendet.

    11.11.2012, 20:16 von MaasJan
    • 0

      Wie meinen, bitte?

      11.11.2012, 20:51 von TilmannKleye
    • 0

      Hab ich so aus dem Text rausgelesen. Für das meiste habe ich Goethe gefragt, mein Anteil war recht klein.

      11.11.2012, 20:54 von MaasJan
    • 0

      Was denkst Du, wie man die dritte Zeile verstehen kann?

      Der Dichterfürst soll übrigens, besonders im letzten Lebensdrittel, ein sehr schwieriger Mensch gewesen sein - um nicht zu sagen: er war ein despotischer Rülps.

      11.11.2012, 20:59 von TilmannKleye
    • 0

      welche dritte zeile?

      11.11.2012, 21:01 von MaasJan
    • 0

      Stell Dich nicht dumm.

      11.11.2012, 21:02 von TilmannKleye
    • 0

      ich will nur präzise auf deine frage antworten. meine oder deine dritte zeile?

      11.11.2012, 21:04 von MaasJan
    • 0

      Nee, sorry:

      "Mein ganzes Wesen war in sich vollendet."

      11.11.2012, 21:07 von TilmannKleye
    • 4

      wofür entschuldigst du dich? man kann diese dritte zeile verstehen, wie man will, ich schreib dir und wirklich niemandem vor, was er denken sollte.
      aber ich denke mir dabei ungefähr folgendes:

      "er wird lange brauchen, bis er versteht. in der zeit amüsiere ich mich anderweitig."

      11.11.2012, 21:11 von MaasJan
    • 0

      Es wird eine Zeit dauern, bis der Text verstanden wird. hahaha

      Ich für meinen Teil habe noch viele, viele Schritte zu gehen.

      In welchen erhabenen Sphären Du Dich amüsierst, ist vielleicht mehr Wunschdenken als ein Zeichen von Reife und Überblick. Ich für meinen Teil habe auf beiden Gebieten ebenfalls noch nicht ausgelernt - doch der Versuch, sein Leben so zu nutzen, ist riskant, aber spannend.

      ...wenn ich Dich so oder so ähnlich richtig verstand... denn bewusst und betont "schleierhaft" oder einfach nur leicht ungelenk formuliert, war Deine Deutung ohne Frage.

      Ist der Part aus dem Faust?

      11.11.2012, 21:47 von TilmannKleye
    • 1

      kurz: das ist zu platt.

      11.11.2012, 21:55 von MaasJan
    • 0

      Egal, was Adenauer jetzt für'n Typ Mensch war, aber der sagte mal was, das passte wie "Arsch auf Eimer".

      "Manche Dinge werden klar, wenn man all das Komplizierte wegkürzt."

      Das Naheliegende haut desöfteren mehr hin, als wenn man irgendwelche augurisch gemeinten Sentenzen hinschwafelt, in der ganzen Kryptik mächtig weise wirken möchte und am Ende keinen mü mehr kapiert hat, als so mancher, der vermeintlich unter einem steht. Ein LKW-Fahrer oder ein versoffener Eckkneipenwirt hat so manchen Akademiker mit Stock im Arsch und schwuppig-arrogantem Be-lächeln eine ganze Menge voraus - und wenn es Lebenserfahrung ist.

      Damit meine ich nicht Dich im Speziellen, sondern alle, die mächtig wegen ihres Bachelor,- oder Masterwisch abspritzen oder rumsquirten.

      Das stark sexuell aufgeladene Vokabular erinnert mich noch an eine kleine Besorgung, die ich heute noch machen muss. höhöhö

      11.11.2012, 22:18 von TilmannKleye
    • 6

      hamse irgendwie vergessen, dich in der abizeitung zu erwähnen oder was genau ist kaputt?

      11.11.2012, 22:24 von MaasJan
    • 0

      Nee, hab ich mich gedrückt vor. Übrigens war ich Sonderschule. Und die Jungs und Mädels dort hatten wirklich was zu sagen - was Organisches hatten die zu berichten. Zum Glück war ich nich auf Ginnasium - die hatten immer Angst auf'm Schulweg, die Gymnasispasten.

      11.11.2012, 22:31 von TilmannKleye
    • 0

      Und, Du weise Eule:

      Auch Du hast es auf meine Persönlichkeit abgesehen - zu meinem Text hast Du nichts Klares äußern können.

      Es mag jetzt klar geworden sein, dass wir uns nie kennen lernen werden. Deshalb sag' was zu meinem Text - wenn Du mich subtil verärgern möchtest, bin ich wieder Mal der falsche Adressat!!!

      11.11.2012, 22:35 von TilmannKleye
    • 2

      alter..du bist nicht tilmann kleye. du bist kay one!!

      11.11.2012, 22:43 von MaasJan
    • 0

      Irgendso'n Master of Clash?

      Na, jetzt schlaf'mor alle 'ma drüber und morgen scheint wieder die Sonne.

      11.11.2012, 22:46 von TilmannKleye
    • 0

      Wenn schon doitsch-Rap mit Eiern, dann dieser junge Gent:

      http://www.youtube.com/watch?v=eW9M7GRD_Bo

      11.11.2012, 22:48 von TilmannKleye
    • 1

      du_verstehst_es_nicht.
      um zu deinem text zu kommen. überdenk nochmal den ansatz, die umsetzung. die sprache und den inhalt ebenfalls. bis dahin ist jeder, wirklich jeder kommentar und diesem lyrischen machwerk angenehmer zu lesen als dein text.

      11.11.2012, 22:54 von MaasJan
    • 0

      Ja, jetze geh 'nem andern offn Sack.

      Anner Uni wichtig tun, unverständliche Pseudo-Weisheiten rauslatzen, sich selbst heimlich als beste Autorin Baden-Württembergs ansehen und während der ganzen Schreiberei nicht wissen, dass das erzählende Ich nichts mit dem Erzähler-Ich zu tun hat.
      Also ab in die Bibliothek und mal unter "impliziter Autor" nachschlagen. Dieser Text verlangt es, ganz ohne mich, da zu stehen, wie er da steht, nachdem er zig Mal überarbeitet und von einem Lektor ernsthaft geprüft wurde.
       
      Dann liest Du mal für'n Anfang intensiv noch'n büschen Kafka, Th. Mann, Rilke uvam, schreibst seit 16 Jahren mindestens fünf Texte pro Woche und dann kommen wir erneut ins Gespräch.

      Jetzt ist für Dich Schlafenszeit - im Seminar sind Kopfkissen noch nicht erlaubt.

      11.11.2012, 23:05 von TilmannKleye
    • 2

      es is müßig.

      11.11.2012, 23:07 von MaasJan
    • 4

      ja @Jan, mach das mal: 16 Jahre mindestens fünf Texte pro Woche!! Alles andere wäre echt schwach.

      12.11.2012, 00:07 von Mrs.McH
    • 1

      Die mutige Katzenfrau hat ihre Wunden geleckt, ihre Krallen geschärft und springt schon wieder leicht daneben. Schade eigentlich...

      12.11.2012, 00:19 von TilmannKleye
    • 9

      Ach Til... ich weiß, dass es Dein feuchter Traum ist, von mir besprungen zu werden... aber Du bist mir einfach bißchen zu... slutty, nimm es nicht persönlich.

      12.11.2012, 00:34 von Mrs.McH
    • 0

      Nee, Katzenfrau, Du hast eine zu bizarre Frisur. Wenn ich mich zu Fellatio durchringen kann, musst Du den Dienstbotenaufgang nutzen. Nimm's nicht persönlich - der Gäg ist phätt.

      12.11.2012, 20:58 von TilmannKleye
    • 0

      Um noch mal auf den Text zurückzukommen:

      Also ich finde den herrlich.

      Und ich habe hier im neon-Café in der Besenkammer zum Glück noch ein Fettnäpfchen gefunden:

      Ich werde in zehn Sekunden meinen eigenen Text a bisserl selberr herzerln.

      12.11.2012, 21:54 von TilmannKleye
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