Sommerregen03 31.10.2011, 22:41 Uhr 2 5

Ich gratuliere!

Ich stehe vor der kleinen Kneipe und rauche bereits die dritte Langeweilezigarette. Ich weiß, sie wird mal wieder nicht kommen.

Schon seit Jahren verband uns Freundschaft. Zu Schulzeiten tranken wir morgens schlechten Automatenkaffee für 35 Cent unten bei den Heizungen und als wir älter wurden, tanzten wir zusammen die Nächte durch und hielten uns beim Kotzen gegenseitig die Haare. Sie war es, die mich nach Hause fuhr, wenn ich aus Liebeskummer zuviel getrunken hatte, sie hörte sich auf dem Heimweg die immer gleichen Phrasen von mir und meinen Männern an, mit denen es mal wieder nicht so richtig gut lief. Sie tröstete mich und als ihr Ex-Freund überraschend mit ihr Schluss gemacht hatte, rief sie mich an, als sie nachts weinend und alleine auf dem Heimweg war.

Über Jahre hinweg verband uns Freundschaft, von der heute nicht mehr viel übrig ist.

Der Grund dafür heißt Andrej, ist 1.90 m groß und nimmt ihr jetzt liebenswerterweise alle Entscheidungen ab, die sie bisher auch ganz gut in Eigenregie treffen konnte. Zum Beispiel diejenigen, die ihre Wochenendgestaltung betreffen. Ihre Freunde kann sie immerhin die ganze Woche über sehen, ihn nicht - zumindest theoretisch. Was ist da naheliegender, als Geburtstage, Kneipentouren und Feste, auf die wir schon gemeinsam gegangen sind, seitdem wir 16 waren, sausen zu lassen? Auf meine Nachfragen hin - immerhin hänge ich schon ein wenig an einer Freundschaft, die seit über 10 Jahren Bestand hat - antwortet sie mir stets: "Tut mir leid, ich habe schon etwas anderes vor."

Sie sagt nie, sie sei bei ihm, meint aber jedes Mal genau das damit. Damit verwandelt sie meinen stillschweigenden Wunsch, sie als gute Freundin abends auch mal dabei haben zu wollen, in einen nicht ausformulierten Vorwurf. Die Dinge zwischen uns verirren sich in den nicht ausgesprochenen Worten, sie verlieren sich zwischen den heruntergeschluckten Enttäuschungen und allzu kreativen Interpretationen einer Mail oder SMS. Wo wir uns früher alles sagen konnten, wird jetzt lieber einmal mehr geschwiegen. Man möchte die andere ja nicht verletzen, denkt man sich dann und wird von der Eigenlüge für den Moment ein wenig besänftigt.

Einmal hat sie ihn dann doch abends mitgebracht, ein Freund von uns lud zur entspannten Runde im Irish Pub ein. Unsere Jungs hätten ihn herzlicher nicht aufnehmen können, das muss man ihnen lassen, konnte er sich doch auf intellektueller Ebene glänzend über Zigarren, Australiens Naturschönheit, die Fußballergebnisse des Tages und sämtliche Biersorten des Pubs unterhalten. Letztere wurden an jenem Abend einzeln durchprobiert, die Stimmung hätte besser nicht sein können, meine Freundin aus Kindertagen war glücklich. Dabei störte es sie auch nicht, dass er für sie die falschen Chips bestellte ("Schatz, Cheese & Onion schmeckt widerlich, Paprika ist viel besser!"), ihr Cider statt Bananenweizen orderte ("Weißt du noch, als du es letztes Mal so schlecht vertragen hast?") und dabei selbst eine Zigarette nach der anderen wegrauchte, obwohl er wusste, dass sie den Geschmack beim Küssen hasste. Aber immerhin waren wir an jenem Abend in einem Irish Pub, legitimierte das nicht alles?

Ich weiß, dass sie ihn liebt und anhimmelt.
Ich weiß, dass er es auch ganz gut zu vermitteln weiß, dass es ihm mit ihr ähnlich geht.
Ich weiß, dass die Beziehung der beiden zeitlich begrenzt ist, denn er ist ein Lebemann und Blender.

Er will alles von der Welt sehen, aber einen zu hohen Preis dafür bezahlen will er bei Gott nicht. Er will Freiheit, er will Eigenregie in seinem und vor allem auch in ihrem Leben führen, denn er ist klug und belesen. Deswegen war es an jenem Abend im Irish Pub auch vollkommen legitim, dass er und sie früher nach Hause gefahren sind, und zwar mit einem Freund, der mit uns zuvor etliche Runden goldenen Tequila getrunken hat.
Am nächsten Tag fragte ich sie, ob sie eigentlich noch ganz bei Trost sei.
Sie sagte, sie hätte nicht bei ihm einsteigen wollen.
Er dagegen meinte, ich hätte keine Ahnung und wäre nun auch noch verantwortlich für seinen Streit mir ihr. Sein Freund sei ein glänzender Fahrer, auch unter Alkoholeinfluss. Ich erkannte, dass es mit seinem Intellekt schon verdammt weit her war.

Jetzt stehe ich vor der kleinen Kneipe, in der wir uns treffen wollten, und rauche bereits die fünfte Langeweile- und Wartezigarette.
"Lass uns reden", hatte sie am Telefon gesagt.

Ich weiß, dass die beiden nicht auf Ewigkeit zusammenbleiben werden.
Er ist freiheitssüchtig, ihre Eltern reden bereits von Hochzeit und Enkelkindern. Ihren Ex-Freund mochten sie dagegen nie so recht, er sei zuviel Träumer gewesen, viel zu unseriös, er hätte es mit ihr nicht einmal ernst gemeint. Ich kenne ihn gut. Ich halte ihn für einen sehr zerstreuten Menschen, der den Kopf stets in den Wolken hat. Aber ich weiß auch, dass er ein herzensguter Kerl ist, der sie über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus geliebt hat.

Irgendwann wird Andrej das abhängige Wesen, zu dem sie in den letzten Monaten geworden ist, langweilen. Früher konnte sie Kontra geben, heute segnet sie nur noch ab, was er sagt, denkt und tut. Sie hat den Reiz eines eigenen Kopfes verloren, sie trifft ihre Entscheidungen nicht mehr selbst, sie gleicht sie nur noch dem an, was in seinem Kopf vor sich geht. Dabei bewegt sie sich in seinen Kreisen und na klar, wirklich nette Leute sind das. Nur dumm, dass sie im Zweifelsfall ihm die Treue halten und nicht ihr, denn Ex ist nun mal Ex. Was fandest du auch bloß die ganze Zeit an ihr?

Ich trete meine letzte Zigarette auf dem Aspahlt aus und greife nach meinem Mobiltelefon, das mir eine neue Nachricht anzeigt.

Es tut mir leid, ich schaffe es heute nicht mehr.
Andrej geht es nicht gut, verschieben wir unser Gespräch?
Kuss, C.


Resigniert tausche ich Zigarettenschachtel gegen Autoschlüssel und mache mich langsam auf den Heimweg. Immerhin war die Nacht kurz, denke ich und weiß beim Losfahren, dass ich ihre Tränen in ein paar Wochen, Monaten, vielleicht auch Jahren dennoch trocknen werde. Immerhin hat sie mir mit 16 die Haare beim Kotzen gehalten, das bin ich ihr schuldig.


Tags: Eigenregie, Beste Freundin, Selbstbestimmung
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2 Antworten

Kommentare

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    Seh ich genauso. Toll beschrieben (:

    21.11.2011, 13:52 von favoriteIsabella
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    yesss, wer kennts nich...

    31.10.2011, 23:10 von nic.is.listen
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