Ich brauche dich nicht mehr
„Ich bin heute Morgen aufgewacht, mein Freund, und etwas war anders, also wirklich anders, weißt du. Ich will nicht mehr Teil dieser Welt sein."
Eines Morgens wachte ein Freund von mir auf und etwas war anders. Das sagen viele und sie sagen es oft und meistens steckt gar nicht so viel dahinter. Meistens meinen Menschen dann, dass sich die Wahrnehmung von etwas geändert hat oder dass die Heizung kaputt war oder die Liebe auf einmal Futsch oder jemand hatte über Nacht überraschend das Haus auf der anderen Straßenseite in die Luft gesprengt und deshalb konnte man plötzlich die Sonne aufgehen sehen oder so ein Emozeug. Der Freund, mein Freund, wachte an diesem Morgen auf und merkte, dass wirklich etwas anders war. Er. Und das lag jetzt auch nicht an irgendeinem verrückten Traum oder daran, dass er eine neue Frisur hatte oder dass jemand eine wichtige dreiuhrfrüh SMS geschickt hatte oder sonst etwas, das Menschen wichtig erscheint. Nein, mein Freund war anders geworden. So richtig anders. Und als er das gemerkt hatte, stand er auf, blickte in den Spiegel, sah ein Gesicht aus grauem Marmor, versuchte damit zu lächeln, aber es funktionierte nicht.
Dazu muss man wissen, dass mein Freund keine Verwandten hatte, die sterben, und keine Freunde, die ihn enttäuschen konnten. Diesen Freund nenne ich auch nur Freund, weil ich ihn schon lange kenne, aber Freunde sind wir nicht, waren wir auch nie. Wir leben eher gezwungen miteinander, würde ich mal sagen. Ich kenne ihn gut und er mich, besser kennt einen vielleicht keiner. Aber das hält uns nicht davon ab, uns zu verarschen, zu hintergehen, zu betrügen, auf die Fresse zu hauen, uns anzuschweigen, uns die Tour zu vermasseln, die Butter vom Brot zu klauen und das Brot, das Messer, den Teller und den ganzen Hausstand gleich mit. Mein Freund ist also kein Freund und ich bin nicht für ihn verantwortlich. Ich erzähle nur seine Geschichte, weil ich sonst gerade nichts Besseres zu tun habe. Also dieser Freund hatte eigentlich niemanden, der ihn enttäuschen konnte, niemanden, an dem sein Herz hing, der es zu Stein werden lassen konnte. Dieser Freund hatte eigentlich nichts im Leben, was ihm wichtig war. Und daran hatte er seit Jahren gelitten. Er ist nicht hässlich, mein Freund, er ist klug und er kann sogar witzig sein, wenn er es zulässt. Also es liegt jetzt nicht daran, dass er irgendwelchen Vorstellungen der Menschen nicht entspricht, nein. Er ist irgendwie der Welt entrückt, so würde ich es ausdrücken. Ein Arschloch, aber eins, das seine Gründe hat.
Mein Freund hat Therapien gemacht, weil er auf der Straße Menschen angepöbelt hatte, obwohl sein sehnlichster Wunsch gewesen war, dass sie ihn umarmen. Er hatte picklige Teenagerjungs mit Clerasil übergossen und gerufen „Stirb, Warzenmann, stirb!“. Er hatte Frauen absichtlich das Herz gebrochen, nur weil sie schön waren und er sich schon rächen wollte für etwas, das sie ihm noch gar nicht getan hatten. Er hatte alte Menschen im Sommer im Park auf Parkbänken angesprochen, und sie an den Tod erinnert. Er hatte niemals zu irgendjemandem Vertrauen gehabt und deswegen die Menschen belogen: über seinen Job, über seine Vorlieben, über seine Meinung, über seine Wohnung, über sein Lieblingsessen und über seinen inneren Zustand. Jeder Therapeut hatte ihm am Ende gesagt, dass er reif für die Klapse sei. Mein Freund kam dann manchmal zu mir und weinte, dass er gern ein Teil dieser Welt wäre und dass er aber nicht anders könnte und nur das Schlechte in den Menschen sah. Und dass er deshalb seinen Platz nicht finden würde, es aber so gern wöllte. Ich hab ihm dann nur zugehört, meinem Freund, ich konnte ja nichts sagen, weil ich nicht sicher sein konnte, ob er mich nur verarscht. Er lag dann da, heulte, verschluckte sich an seiner Rotze und machte mir Löcher in mein T-Shirt mit seinen sauren Tränen. Meistens hat er mir nach solchen Nächten am nächsten Tag die Fresse poliert, hat dabei geschrien „Und du Idiot hast geglaubt, ich meine das ernst!!“ Ich hab das dann meistens einfach hingenommen, er war ja eigentlich gar nicht mein Freund.
Jedenfalls, dieser Freund wachte eines Morgens auf und etwas war anders. Er ging nach seinem Blick in den Spiegel nach draußen auf die Straße, stellte sich vor seine Haustür und wartete, auf den ersten Menschen, der ihm entgegen kam. Es war eine junge hübsche Frau mit einem Hund, die gerade telefonierte. Im Vorbeigehen säuselte sie in ihr Telefon: „Ja Schatz, und heute Abend komm ich zu dir. Ich freu mich schon so drauf.“ Dabei lächelte sie süß, ihr klackender Absatzschritt wurde etwas schneller, wie als wollte sie in der Zeit schneller vorwärts kommen. Mein Freund schaute ihr nach und fühlte nichts. Normalerweise hätte er jetzt Wut bekommen, sie verteufelt dafür, dass sie den armen Mann erst einwickelte um ihn dann bei lebendigem Leibe und bei GZSZ und Rotwein einzusperren. Er hätte ihre Schönheit verabscheut, weil er ihr so hilflos ausgeliefert war. Hätte sich kurz vorgestellt, wie sie mit ihm schlafen würde und sich gleichzeitig gehasst für diese Schwäche, die ihn immer wieder an den Rand des Verderbens brachte, nämlich in die Arme anderer Menschen. Aber da war nichts. Sie war ihm egal, Absolut egal. So egal, wie die von einem Pilz befallene Rinde eines Baums irgendwo in Turkmenistan. Ihre blonden Haare flogen um eine Ecke und mein Freund war ganz ruhig. Er beschloss ein paar Schritte zu gehen. Alle Menschen, die ihm begegneten, entsprachen seinen Feindbildern. Aber alle Menschen, die ihm begegneten, waren ihm egal. Ihn störten ihre lästigen Smartphones nicht, ihre komisch gebundenen Schals, ihre Schlagzeilen auf den Zeitungen, ihre verzerrten Münder beim Lachen, ihre stinkenden Ungerechtigkeiten, ihre großen Autos, ihre leeren Blicke, ihre Lügen, die sie auf ihren Lippen herumtrugen, ihre Respektlosigkeit vor den Leben der anderen. Das alles war ihm auf einmal egal. Zwischendurch sah mein Freund immer wieder sein versteinertes Gesicht in den Schaufenstern der Cafes, der Supermärkte und der Modeboutiquen. Da war nichts, was außer Kontrolle geriet. Kein falsches Lächeln, keine rasende Wut, in seinen Gesichtszügen herrschte Ruhe. Er sah in keiner Sache mehr den freien Platz, auf den er sich aus Angst einfach nicht setzen konnte.
Mein Freund, und deshalb weiß ich das überhaupt alles, beschloss dann, zu mir zu gehen und nachzuschauen, ob seine neue Egalität auch bei mir funktionierte. Denn komischerweise war ich der einzige, bei dem ihm manchmal was raus rutschte aus der perfekten Tarnung. Es klingelte, es klopfte, ich machte auf und vor mir stand mein grauer, marmorfarbener Freund und fragte, ob ich kurz Zeit für ihn hätte. Ich bat ihn hinein, er setzte sich in meine kleine schäbige Küche und fragte lustlos nach einem Kaffee. Ich kochte einen echt schäbigen Kaffee für meinen Freund, servierte, machte einen Kaffeefleck auf den Tisch und setze mich zu ihm. Er schaute mich an, trank aus seinem Kaffee. Früher waren nach so einem Schweigen oft Tränen über meinen Küchenboden geflossen. Normalerweise kam mein Freund nur zu mir, wenn er eine Verwendung für mich hatte. Meistens hatte er volle Tränensäcke. Ich glaube ja im Nachhinein, dass das damit zu tun hatte, dass er mich in einem seiner schwachen Momente kennengelernt hatte. Damals hatte ich ihn in einer dunklen Ecke sitzend entdeckt, in Tränen aufgelöst. Er hatte ungefähr zwei Kästen Bier im Blut gehabt und mir in dieser Nacht alles erzählt, mich aber sofort danach verprügelt, so wie er es dann immer getan hatte. Und jetzt saß er wieder hier und ich erwartete das übliche Spiel. Doch er war anders diesmal, so viel war ja schon von Anfang an klar. Er musterte mich und sagte dann: „Ich bin heute Morgen aufgewacht, mein Freund, und etwas war anders, also wirklich anders, weißt du. Ich will nicht mehr Teil dieser Welt sein, so wie sonst immer. Ich war draußen, habe eine Frau gesehen, die mich an sie erinnert hat, war unter Menschen, denen meine Einsamkeit egal war und ich habe nichts mehr gefühlt. Sie haben mir nichts bedeutet, ich wollte keiner von ihnen sein. Ich glaube es ist jetzt gut, die Welt hat sich endgültig an mir vorbei gedreht. Ich brauche dich nicht mehr.“ Ich schaute ihn fragend an, damit hatte ich nicht gerechnet. Dann stand er auf, zog aus seinem Beutel eine Pistole, lud sie durch und schoss mir in den Kopf. Zweimal. Damit hatte ich auch nicht gerechnet. Ich fiel zu Boden, landete seitlich mit dem Kopf auf meinen Küchenkacheln und spürte, wie ich auslief. Ich sah aus dem Augenwinkel, wie sich eine Blutlache rot über das Weiß legte und wie mein Freund langsam in den Flur und dort aus der Tür ging. Und wenn mich nicht alles täuscht, hat er gelächelt, als er sich noch mal kurz umgedreht hat.
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Kommentare
Mit der Wendung hab ich ehrlich nicht gerechnet. Ich weiß auch gar nicht genau, womit ich gerechnet hätte, um ehrlich zu sein. Aber die bedrückende Stimmung, die Charaktere, alles ist top übermittelt worden. Ich war in jedem Satz "drin" und daher mein Herz für diesen Text.
18.01.2012, 21:59 von topfbluemchen09.01.2012, 11:15 von Jingeling89
noch nich*
09.01.2012, 11:16 von Jingeling89(Nebenbei: WO is die Editierfunktion?)
Eigentlich mag ich den Text. Er ist bildhaft geschrieben und hat ein überraschendes Ende.
08.01.2012, 23:55 von Lady_HopeAber: "Und wie er das gemerkt hatte, stand er auf,
blickte in den Spiegel (...)" Als! Nicht wie!
danke. is geändert.
09.01.2012, 16:46 von hibgut. :)
09.01.2012, 16:47 von Lady_Hope"Er hatte Frauen absichtlich das Herz gebrochen, nur weil sie schön waren und er sich schon rächen wollte für etwas, das sie ihm noch gar nicht getan hatten."
Für mich ein super Satz. Ansonsten kann ich mit diesem Text leider so gar nichts anfangen.
08.01.2012, 23:03 von Jackie_Greydu sprichst mir aus dem herzen!
09.01.2012, 06:45 von GluecksaktivistinMit Texten ist es wie mit Düften und Songs: Man mag sie auf Anhieb oder eben nicht.
09.01.2012, 11:06 von Jackie_Greyhmmmmm
09.01.2012, 16:52 von Gluecksaktivistinjedenfalls ist das auch der einzige satz, der mir sofort ins auge sprang.
Sehr bildlich... wunderbar!
08.01.2012, 21:30 von meintextDie Story an sich gefällt mir gut, nur irgendwie sind mir die Gestalten zu gewollt böse im Umgang, das schwächt den Effekt etwas ab, bei mir zumindest. Aber gut geschrieben, ohne Frage.
07.01.2012, 23:09 von EliasRafael