Ich bin der Fisch im Wasser — Das Wasser der Tequila & der Fisch die Zitrone
Inzwischen war es mir auch egal. Ich hatte mich meiner Umgebung restlos angepasst und war blau wie der Ozean.
Das Erste was mir an Felix auffiel, war seine extreme Hässlichkeit. Melanie, meine allerbeste Freundin, hatte ihn allerdings zuerst gesehen. Manchmal glaube ich, dass sie so etwas wie ein 'Drittes Auge des Mitleids' hat. Ihr erster Kommentar, mit nicht ganz eindeutig zielweisendem Zeigefinger, lautete "Och Gottchen, wie armseelig is denn dit?!" gefolgt von "Een Glück sin hier die meesten Kerle nur uff Kerle aus!" und einer schäbigen Lache. Als ich ihn erblickte, war es bereits zu spät um zu flüchten oder sich zu übergeben. Wie ferngesteuert torkelte er unwillkürlich auf mich zu und blieb eine Bierfahnenlänge vor mir stehen. Somit wurde mir das ganze Ausmaß einer Laune der Natur deutlich. Felix' genetische Masse war wie eine Art Naturkatastrophe. Das Haar schien einem Hurrikan zum Opfer gefallen zu sein und das Gesicht musste schweren Hagelschaden erlitten haben. Ungefähr 10 Meter vor uns erstrahlte das sexy Gesicht von Brad Pitt. Das es sich dabei um ein schlichtes Plakat an der Wand handelte, schien Melanie aufgrund der schon eingeschränkten Hirnaktivität nicht mehr wahrzunehmen. Sie riss sich zu meinem Erstaunen aus meinem doch recht kräftigen Handgriff und als hätte ich es nicht schon geahnt, landete sie keine Sekunde später mit dem Gesicht nach unten auf dem mit klebrigen Resten aus Bier, Asche und Salzstangen verzierten Boden. Dabei schaffte sie es, ihren Intimbereich - nicht gewollt aber dennoch gekonnt - in Szene zu setzen. Mund und Augen weit aufgerissen, machte mir Felix den Eindruck, als hätte er zum ersten Mal den biologischen Unterschied zwischen Mann und Frau entdeckt. Während ich mir eine Fluppe ansteckte, fragte ich mich, wie ich die betrunkenen Kilos lebloses Fleisch nach Hause bekommen und den genetischen Unfall daneben loswerden würde. 4 Tequila Sunrise, 6 Jägermeister und eine Schachtel Kippen später hatte ich noch immer keine Antwort auf meine Frage, doch ich war auch nicht mehr in der Lage darüber nachzudenken. Inzwischen war es mir auch egal. Ich hatte mich meiner Umgebung restlos angepasst und war blau wie der Ozean. Innerhalb weniger Augenblicke hatte ich den gesamten Schuppen röntgenartig durchsucht. An der Bar trampelten sich die Leute die Füße platt und nur wenige Meter vor uns bot sich ungewöhnlich ausreichende Sitzgelegenheit. Eine versiffte Couch, die nur noch aus feuchtem Schaumstoff zu bestehen schien, dessen Alkoholgehalt dem eines selbst gebrannten Schnapses wohl in nichts nachstehen würde. Direkt neben den Toiletten. Vielleicht nicht gerade die VIP-Lounge, allerdings meine einzige Rettung. "Ja, setz sie da drüben auf die Couch", befahl ich mit Hilfe von Gebärdensprache. Wohl wissend darüber, dass mein Gegenüber mit Worten allein nicht mehr viel anfangen konnte. Umso überraschter war ich, dass Felix es vor allem so schnell schaffte, Melanie über die Schulter zu schmeißen, wenn zugleich auch galant wie einen Müllsack. Er peilte die Couch in der vernebelten Ecke an, stampfte los und während er um irgendwelche imaginären Hindernisse herum eierte, nahm ich in Ruhe meinen nächsten Tequila Sunrise entgegen. Felix hatte mir soeben eine schwere Last abgenommen und so nutzte ich diese Verschnaufpause für einen Absacker auf dem Barhocker, der gerade frei wurde. Ich schlürfte an meinem Glas und beobachtete Melanie, die kopfüber wie ein nasser Sack an Felix' Schulter herunterbaumelte und zur Couch geschleppt wurde. Die Wochenenden sind doch irgendwie immer gleich, dachte ich mir. Ich bin der Fisch im Wasser — das Wasser der Tequila und der Fisch die Zitrone. "Böser Alkohol", lachte ich in mich hinein und verschwand zum durchatmen an die frische Luft.
Tags: Tequila, Bar, Wochenende, Betrunken





Kommentare
gelungener Text. Ich fands witzig.
01.01.2013, 23:58 von knaustlganz amüsant beschrieben. aber bist du nun Fisch und Zitrone gleichzeitig?
28.12.2012, 16:38 von Mrs.McHTequila
30.12.2012, 01:29 von SteveStitches