FloorSound 30.11.-0001, 00:00 Uhr 31 32

Ich bin dann mal allein

Vor euch konnte ich weinen, ungeschminkt und in Jogginghose. Einfach, weil es unwichtig war.

Wir saßen so oft in unserer Küche: tranken Tee, aßen zu viel und quatschten den lieben langen Tag. Eigentlich haben wir studiert, aber manche Gespräche waren wichtiger als eine Vorlesung oder das Seminar. Wir hatten uns, wir hielten zusammen. Zusammen durch tagelange Bib-Lern-Sessions, Klausurenmarathone und Semesteropeningpartys. Wir haben zusammen gefeiert, gelacht, geweint. Einfach alles.

Manchmal kamt ihr in mein Zimmer, ohne klopfen, einfach so, nur um zu schauen was ich so mache. Wie früher, als wir Kinder waren und wir uns zu unseren Geschwistern in deren Zimmer geschlichen haben; um nicht alleine zu sein.
Oft haben wir zusammen gekocht, zusammen gegessen, zusammen Zähne geputzt. Wir haben Grillpartys geschmissen, waren so oft die Gastgeber für unsere gemeinsamen Freunde und unsere Wohnungstür war für jeden offen.

Wir haben zusammen verzweifelt vor Rechnungen gesessen, Einkaufslisten geschrieben, Waschmaschinen repariert, oder naja, es zumindest probiert. Erwachsenenzeug eben. Was man so tun muss. Aber zusammen war es halb so schlimm. Ich konnte mich bei euch über meinen Bafög-Antrag auslassen, über unfaire Benotungen und Streber-Kommilitonen. Ich konnte mit euch über Literatur diskutieren, Studien vergleichen und darauf zählen dass ihr jede Hausarbeit Korrektur lesen werdet.

Ihr habt alles mitbekommen, jedes Männerproblem miterlebt, vor euch gab es keine Geheimnisse. Wir haben so viel diskutiert, uns Trost gespendet und Mut gemacht. Vor euch konnte ich weinen, ungeschminkt und in Jogginghose. Einfach, weil es unwichtig war.

Wenn ich an mein Studium denke, dann denke ich an euch. Wir haben in der Uni so viel gelernt, mussten dabei aber durch etliche Höhen und Tiefen gehen. Zusammen war es irgendwie nicht so schlimm. In unserer kleinen Unistadt war die Uni immer präsent und ihr habt mit mir Student-Sein "gespielt". Wenn wir nach Goffman gehen, doch auch nur eine unserer Rollen. Dies zu verstehen, uns zu verstehen und zu wissen, dass wir noch so viel nicht wissen und viele Dinge nie verstehen werden, hat uns zusammen geschweißt. Wir haben uns Halt gegeben, damit uns die Uni nicht den Boden unter den Füßen weg reißt.

Wir sind zusammen erwachsen geworden und doch sind wir doch erst Mitte 20. Ihr seid zu meiner Familie gewachsen und ich bin so stolz auf uns, auch darauf dass gerade jeder durch diese neue Erwachsenenwelt schwirrt und versucht nun hier seinen Platz zu finden.
Mein Handy klingelt den ganzen Tag, wir haben uns so viel zu erzählen. Unsere WG gibt es nicht mehr, nach unserer Abschiedsfeier, ausmisten und Wände streichen, mussten wir die Schlüssel abgeben und damit unser Studentenleben. Ich habe so sehr geweint und meine Augen werden immernoch nass, wenn ich daran denke, dass wir nie wieder zusammen wohnen werden. Ihr seid meine Familie, ich hab euch so gern und doch sitze ich nun alleine in einer Großstadt, spiele Erwachsen-Sein und vermisse euch.


Tags: Freunde, Freundschaft, WG, Zusammen sein, Großstadt
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