Hitzig
Kein Bett im Kornfeld
Die Sommerhitze verwandelte das Land in dürre Ödnis. Die Luft stand. Kein Wind, keine Wolke in Sicht. Insekten summten durch das Dickicht des Weizenfeldes, das bald abgeerntet werden würde. Bis dahin war es ihr Zufluchtsort. Zuflucht vor der Erwachsenenwelt, vor der Zukunft, die aus zu vielen Fragezeichen bestand. Es war ihr letzter Sommer in dieser gottverlassenen Gegend. Die Eltern hatten hier ihr Lager aufgeschlagen. Ein Dorf, das nach außen hin idyllisch aussah, jedoch innerlich ein Hexenkessel aus Gerüchten, Neid und Missgunst war. Sie hatten sich bewusst dazu entschieden, längere Anfahrtswege in Kauf zu nehmen und Bequemlichkeiten, die eine Stadt bot, hinten anzustellen, damit ihre Kinder sorglos, frei und unabhängig aufwuchsen.
Tobi riss eine Ähre ab und kitzelte Lena damit im Gesicht. Sie fuchtelte mit ihren Armen, stieß einen Kiekser aus und drehte sich auf den Bauch. Ihre tiefblauen Augen fixierten ihn, während sie sich mit den Ellenbogen auf dem Untergrund abstützte. Tobi, den alle für seltsam gehalten hatten. Tobi war der einzige, der schon immer in diesem Dorf zuhause gewesen war. Seine Eltern hatten einen großen Hof, auf dem sie in einem kleinen, angrenzenden Laden ihre Erzeugnisse verkauften. Seit Tobis Vater einen schweren Unfall hatte, musste der Junge noch mehr auf dem Hof aushelfen, damit das Geschäft lief und die Tiere versorgt waren. Tobi stand lange in Verdacht, für den Unfall verantwortlich zu sein, da sich niemand erklären konnte, wie das riesige Hinterrad des Traktors mit eigener Kraft und ohne fremde Hilfe über den Brustkorb des Vaters gerollt sein konnte.
Lena zog eine Flasche Wasser aus ihrer Tasche und nahm einen
kräftigen Schluck. „Willst du auch?“ Sie
streckte Tobi die Flasche entgegen. „Nein, danke. Ich habe keinen Durst.“ Tobi
fummelte an den Lautsprechern herum, die mit seinem Mp3-Player verbunden waren.
Seit er sie seiner Schwester nachgeworfen hatte, weil sie ungefragt in sein
Zimmer gekommen war und ihn wieder einmal aufgezogen hatte, dass er niemals eine
Freundin finden würde, hatten die kleinen Boxen einen Wackelkontakt. „Mach doch
das Lied rein. Du weißt schon, das Schöne!“ Lena hatte sich in den
Schneidersitz gesetzt und cremte ihre blasse Haut mit Sonnencreme ein. „Aber
nur, weil du es bist.“ Er zwinkerte ihr zu. Es knackste, dann füllte sich der Fleck,
den sie sich im Weizenfeld plattgedrückt hatten, mit Musik.
„Schade, dass Nina schon nach München gefahren ist. Ich vermisse sie jetzt schon.“ Ihre Freundin fing im Herbst mit ihrem Politikstudium an und hatte Mühe, aus der Entfernung eine passende Wohnung zu finden. Daher war sie zu ihrer großen Schwester gefahren, um sich vor Ort ein neues Nest zu suchen. „Franzi ist auch schon weg. Heute Morgen hat sie mich noch angehupt, als sie mit der vollgepackten Schrottkiste an meinem Fenster vorbeigefahren ist. Nur wir zwei sind noch da.“ Traurig sah Tobi Lena an. Er wollte ihre Hand nehmen, sie küssen, ihr die Tränchen aus den Augenwinkeln streichen, sie fest an sich drücken und ihr sagen, was er für sie empfand. Aber er konnte es nicht. Nicht einmal mehr einen Monat würde es dauern, bis auch Lena ihn verließ. Sie hatte einen Ausbildungsplatz als Mediendesignerin ergattern können. Auch sie würde ihn zurücklassen – allein mit dem Weizenfeldplatz, der uneinsehbaren Stelle am Badesee, dem verhassten Dorf und sich selbst. Trotz der flirrenden Sommerhitze fröstelte es ihn bei dem Gedanken.
Die Fünf waren über viele Jahre beste Freunde. Die Mädchen und er. Tobi hatte es genossen, dass die Jungs an der Schule eifersüchtig auf ihn waren, weil er so viel Zeit mit Franzi, Nina, Lena und Marie verbringen durfte. Es war eine unbeschwerte Kindheit und Jugend, bis das mit Marie passiert war. Es war ein Volksfest im Nachbarort, auf dem gebrannte Mandeln und Liebesäpfel verkauft wurden, das Bierzelt bereits mittags überbordend voll war und die Fahrgeschäfte Kinderaugen zum Leuchten brachten. Sie waren lange dort geblieben, waren abwechselnd Kettenkarussell und Autoscooter gefahren und waren, durch das Bier beschwipst, lachend in Schlangenlinien heimgefahren. Am nächsten Morgen hatte man Marie am Dorfrand gefunden. Ihr Kopf war in zwei Hälften zerteilt. Der Anblick hatte für so großes Entsetzen gesorgt, dass das Wehklagen bis in die nächste Stadt gehallt war und so die Aufmerksamkeit verschiedener Lokalblätter auf sich gezogen hatte. In dieser Idylle, wo jeder jeden kennt. Alle waren sich einig, dass jemand vom Volksfest ihr aufgelauert haben musste. Ein Durchreisender vielleicht. Es gab keinerlei Anhaltspunkte und somit wurde ihr Fall nach Monaten zu den Akten gelegt. Dieser Vorfall hatte die Freunde noch mehr zusammengeschweißt. Anfangs hatten sie versucht, auf eigene Faust zu ermitteln, um der Wut, dem Entsetzen und der Fassungslosigkeit die Stirn zu bieten. Aber die Drei tappten im Dunkeln und mussten lernen, mit dem Loch, das Marie in ihren Herzen zurückgelassen hatte, zu leben.
Kaum hatten sie die Vergangenheit etwas ruhen lassen, wurden sie mit ihrer Zukunft konfrontiert. Das letzte Schuljahr hatte Maries Tod etwas in Vergessenheit geraten lassen - zu groß der Druck, die Erwartungen und die Vorfreude auf das Danach. „Schau nicht so traurig!“ Tobi wurde aus seinen Gedanken gerissen. Das hübsche blonde Mädchen, deren Sommersprossen ihn immer anzulächeln schienen, knuffte ihn in die Seite. „Du kannst mich immer besuchen kommen, das weißte doch.“ – „Lena?“ Sie hob ihren Sonnenhut, um ihn besser ansehen zu können, dann schob sie sich die Sonnenbrille auf den Nasenrücken. „Lena, ich liebe dich.“ Er saß steif vor ihr und war sich im ersten Moment nicht bewusst, dass er sein jahrelang gehütetes, doch für alle offensichtliches Geheimnis laut ausgesprochen hatte. Ruckartig setzte sie sich auf. Sie musterte ihn und ihre blauen Augen verloren ihr Strahlen. „Hör mal… das ist lieb… aber…“ Lena rang nach Worten. Zu überrascht war sie von der Liebeserklärung. Tobi war ihr Freund, jemand, mit dem sie alles teilen konnte. Sie hatte jede Menge Gefühle für ihn, brüderliche, freundschaftliche – Liebe fühlte sie jedoch nicht. Als Tobi dämmerte, dass er soeben Jahre voller Vertrautheit, Gemeinsamkeit und Nähe aufs Spiel gesetzt hatte und seine Liebe nicht erwidert werden würde, ärgerte er sich. Die Wut auf ihn selber – sie brachte sein ohnehin heißes Blut zum Kochen, schnürte ihm die Kehle zu. Er ballte unbemerkt die Faust.
Lena saß ihm mit hängenden Schultern und tränenerfüllten Augen gegenüber. Wie sollte es weitergehen? Dieser Gedanke flirrte über den Köpfen der Beiden, wie die heiße Luft, die sie umgab. „Nicht weinen! Ich habe dir etwas mitgebracht.“ Tobi hatte es nie ertragen, einen anderen weinen zu sehen. Als Marie unter ihm gelegen und um ihr Leben gefleht hatte, hatte er die Augen geschlossen, ehe er die Axt seines Vaters auf ihrem Kopf ansetzte. Dieser Moment, an dem er feststellen musste, dass er nicht genügte, nicht geliebt wurde, er machte ihn kraftlos und stark zugleich. Kraftlos, sich der Realität zu stellen und zu akzeptieren, jedoch stark genug, seiner Enttäuschung mittels Kraftakt freien Lauf zu lassen. Es war ihm nicht schwergefallen, im Rückwärtsgang auf seinen Vater zuzufahren. Die Schläge und Tritte, die Beleidigungen, die er, seine Schwester und seine Mutter über sich ergehen lassen mussten, wenn der Vater getrunken hatte, waren sein innerer Motor gewesen.
Der Junge wischte die Erinnerungen weg, wie die Schweißperlen, die sich auf seiner Stirn angesammelt hatten. Tobi wählte ein anderes Lied auf dem Mp3-Player an und kramte anschließend in seinem Rucksack, während Lena sich auf die Seite gelegt hatte und ihn erwartungsvoll ansah. Nichts sollte sich ändern, niemand sollte ihn verlassen, er wollte sie nah bei sich haben - für immer, dachte er sich.
Noch nie hatte er ihre Augen so tiefblau und aufgerissen gesehen, als er ausholte und die Axt mehrmals in Lenas blassem Körper Halt fand.




Kommentare
"Schön", dass die Redaktion eine eigentlich spannende Geschichte schon vorweg genommen hat. Ausgang war ja dank des redaktionellen Teasers erahnbar, Glanzleistung!
31.08.2012, 22:00 von topfbluemchenHast dich beschwert? Viell. bringts ja was
05.09.2012, 12:47 von halbkindmfHaben ja schon so viele, und dann kommen immer so Argumente im Sinne das sei deren Sache (mehr oder weniger klang es wie "das ist unsere Seite, also können iwr das auch ändern"). Selbst Autoren selber haben sich ja schon beschwert, oder aufgrund dessen nen Spitzentext wieder von der Startseite nehmen lassen, weil die Redaktion IHREN Teaser beibehalten wollte.
05.09.2012, 19:15 von topfbluemchenSchön gruselig.
Leider lies der Teaser aber die Auflösung schon erahnen.
31.08.2012, 07:52 von MarvbaerIrgendwie habe ich mit gerechnet, dass es Tobi ist, als das mit Marie kam... Im weiteren verlauf der Geschichte habe ich den Gedanken aber wieder verworfen und war dann am Ende doch überrascht, dass er es war!
Toll geschrieben!
31.08.2012, 07:14 von Lia89Es war schon ein ganz kleines bisschen zu erahnen, als es zu Anfang hieß, dass Tobi von allen für seltsam gehalten wurde.
31.08.2012, 11:21 von Toraklasse formulierungen und stil! nicht so plump, wie man das erwarten würde von einer so psychophatischen geschichte ;)
30.08.2012, 21:30 von verpixeltArr, ich mag so Geschichten. Mehr davon!
30.08.2012, 21:13 von Juliiegerne gelesen und mir dafür die zeit gestohlen.
30.08.2012, 20:39 von jetsamSorry, ich muß an das hier denken....
30.08.2012, 19:08 von cosmokatzeIch mag das Lied sehr sehr gerne!
30.08.2012, 19:25 von Bender018...ich verbinde damit zärtliche Kindheitserinnerungen.
30.08.2012, 19:27 von cosmokatzeIch auch. Und der Irrsinn kommt im Vergleich gut hin.
30.08.2012, 19:27 von Jackie_GreyOh Gott, ja, das passt sehr gut!
30.08.2012, 19:28 von ToraMein Kommentar ging an @Bender018 :-)
30.08.2012, 19:28 von Jackie_GreySiehste ?
30.08.2012, 19:29 von cosmokatzeNiemand wird Dich finden...Du bist bei miiiir !!!
Egal, passt ja alles irgendwie ;o)
30.08.2012, 19:29 von cosmokatzeTrotz' des Schocks durch den Psychopathen eine irgendwie wunderschöne Erzählung!
30.08.2012, 18:45 von Tora"Isch 'abe gar keine Axt!" ;-)
30.08.2012, 13:03 von PhilantropStimmt, in Wahrheit wars sicherlich ein Beil, eine Axt ist zu groß als dass sie in einen Rucksack passt.
30.08.2012, 18:13 von CyroPhilanthrop: Muss ich mir Sorgen machen?? ;)
30.08.2012, 18:15 von Bender018NEIN!
30.08.2012, 18:16 von PhilantropNettes Bild ... zum Glück glaube ich nicht an so was wie Wiedergeburt, so dass der Spruch "Warte nur ein Weilchen, dann kommt der Haarmann mit dem Beilchen" wieder benutzt werden kann, um Kindern Angst einzujagen.
30.08.2012, 19:05 von CyroCyro: 1924 ist aber schon ein paar Jährchen her. Hat man das dir damals eingebläut? Gruselig!
30.08.2012, 19:27 von Bender018Nicht mir, aber die Generation vor mir konnte davon erzählen.
30.08.2012, 20:31 von CyroHätt mich jetzt auch ein bissl gewundert ;)
30.08.2012, 20:34 von Bender018Naja,. der Link auf Jeanny von Falco ist da schon zeitgemäßer und auch treffend, der Link der cosmokatze gefällt mir darum gut .. hab das Lied gerade laufen.
30.08.2012, 20:39 von Cyro