Heimat
Das erste Gespräch, das ich mit dem serbischen Mädchen führte, handelte von Schuhen. Danach wusste ich, was mir seit meiner Ankunft hier gefehlt hatte
Sie saß im Schatten unter einer der zahllosen Palmen, es war ein unglaublich schwüler Tag, und ich sah sie, weil sie der einzige ruhende Punkt war inmitten all der Sonne und dem Staub. Und weil sie wirklich anders aussah.
Wir redeten nicht von irgendwelchen Schuhen, nicht von hässlichen oder schönen, nicht von teuren oder billigen, und schon gar nicht von Schuhen, deren Besitzer wir uns gern genannt hätten. Es waren Schuhe, deren Träger wir verachteten, weil sie zu einer Welt gehörten, deren Zugang wir nicht kannten und auch nicht kennen wollten, die uns aber – in verschiedenen Variationen, jedoch stets auf dem ersten Blick erkennbar – tagtäglich zu Hunderten begegneten, nur, um uns immer wieder daran zu erinnern, dass wir nicht dazu gehören konnten in ihre Welt der Souveränität. Selbst, wenn wir gewollt hätten.
Beide hatte uns der Zufall an diesen bedeutungslosen Ort in diesem viel zu heißen Land gebracht, und er hatte das unter Umständen getan, die in meinem Fall zu banal und in ihrem zu unglücklich erscheinen, um sie jetzt zu schildern. In Wirklichkeit waren wir wie Strandgut, zufällig angespült von einer jetzt so weit entfernten Welle lagen wir in der prallen Sonne und sahen das Meer nicht mehr. Und so blieb dem serbischen Mädchen und mir nichts anderes, als die Füße anderer Leute zu beobachten, um uns nicht über die Gedanken in unserem eigenen Kopf kümmern zu müssen. Ebbe.
Dann verloren wir uns für einige Zeit aus den Augen.
Die Zeit war eine sehr eigensinnige Sache in diesem Land. Nach dieser Begegnung verging sie, so wie sie immer verging, seitdem ich angekommen war, nicht langsam, nicht schnell, einfach nur zähflüssig. Ich hatte früh gemerkt, dass die Zeit hier seltsame Ansprüche erhob. Fast so, als hätte sie es satt, immer nur Zeit zu sein, ließ sie sich nicht in Tage oder Wochen gliedern, sondern nur in die verschiedenen Stadien des Wartens auf jene gnädige Tageszeit, in der sich der Vorhang aus Hitze erhob und den Blick frei gab auf den Himmel, der mich in seiner endlosen Weite hin und wieder daran erinnerte, warum ich hier war. Jeder einzelne Stern starrte mich dann vorwurfsvoll an, als wäre er eine der unendlichen Möglichkeiten, die ich nicht wahrnahm.
Gewartet wurde auch auf den nächsten Regen, der doch nie kam, und wenn er mal kam, war er so schnell wieder vorbei, dass er sofort vergessen wurde.
So wusste ich also nicht, ob Tage oder Wochen vergangen waren, als sie an einem weiteren dieser himmelblau-staubigen Tage vor meiner Tür stand und ich plötzlich spürte, wie einsam ich in der letzten Zeit gewesen war. Sie stand einfach nur da und fragte mich, wie ich ihre neuen Schuhe fand. Sie waren aus Stoff, leicht und blau wie das Meer, ich fand sie wunderbar und ließ sie herein, als täte ich das schon immer und als wäre es das Normalste der Welt. Und in gewissem Sinne war es das auch.
Von diesem Zeitpunkt an blieben wir beieinander. Ich fand das serbische Mädchen schön in ihrer nüchternen Ehrlichkeit, in ihrem Tiefgang, der sie von den Menschen unterschied, die mich bisher in diesem Land enttäuscht hatten. Und sie fand mich schön, weil ich anders aussah.
Abends, als der blauorangerosarote Himmel sich plötzlich seines Kitsches schämte und langsam dunkler wurde, gingen wir stundenlang durch die Straßen der kleinen Stadt, um die Hitze zu überlisten, die sich immer noch in meiner Wohnung staute. Es fühlte sich gut an, denn zu zweit waren wir unangreifbar, und die Gruppen der schwarzhaarigen hübschen Mädchen in den Parks, ihr ausgelassenes Lachen und die Oberflächlichkeit, die ihnen der seltsam singende Klang ihrer Sprache verlieh, konnten uns fast nicht mehr berühren.
Um die Mädchen nicht zu treffen, fingen wir an, in die Bars zu gehen.
Obwohl die einheimischen Männer dort nicht die uns verhassten Schuhe trugen, nannte das serbische Mädchen sie nur selten ihre Freunde, denn sie glichen dem Land zu sehr, sie wirkten schön und geheimnisvoll und waren dann doch vor allem flüchtig und ernüchternd. Sie gab es nie wirklich zu, doch ich wusste, dass sie sich anfangs blenden hatte lassen von zwei oder drei von ihnen, dass sie Sehnsucht gesehen hatte in ihren dunklen Meeraugen, wo doch nur Selbstmitleid war, und Versprechen, die nie dafür gedacht waren, gehalten zu werden, in ihrer Art zu rauchen. Ich sah ihre Verletztheit, als sie mit den Männern in spöttischem Tonfall über Themen diskutierte und von vornherein wusste, dass sie ihr widersprechen würden, nur, um danach immer wieder festzustellen, dass die Männer so fremd für sie waren wie das Land, in dem sie sich befand.
Als mir dann schwindlig wurde von dem süßen Wein, der den Durst nie wirklich löschte, sagte ich, das ist Sünde, was wir da trinken, ich hörte mich dabei an wie in einem billigen Film und ich wusste das, nein, sagte sie, es ist Vergessen.
Vergessen bis zum nächsten Morgen. Dann erzählte sie mir wieder von Frühling und grünen Wäldern, vom Schnee, den ich im Gegensatz zu ihr nicht vermisste, und von guten Menschen, Geschichten über Serbien, das sie nie beim Namen nannte. Sie sagte einfach nur "mein Land", und es war klar, dass sie kein anderes damit meinen konnte. Einmal zeigte sie mir Fotos, ich sah nichts als staubige Straßen und verfallene Häuser und ich verstand sie nicht und dann doch, verstand auf einmal alles, den Unterschied, den die kleine Vorsilbe "un" vor meinem "freiwillig" machte, die Welten, die zwischen dem lagen, der seine Heimat unwiederbringlich verloren glaubte und dem, der nie etwas zu verlieren hatte.
Ich fühlte mich unglaublich lächerlich.
Es war einfach, einen Flug zurück für einen der folgenden Tage zu finden. Zum Abschied schenkte sie mir ihre blauen Schuhe, du wirst sie brauchen, ich weiß, was sie meinte, ich schaute ihr nicht in die Augen. Ein paar Stunden später war ich in Deutschland, es war Sommer, und es war unglaublich heiß.





Kommentare
Dein Schreibstil erinnert mich ein wenig an Paulo Cuehlos Stil. Gefällt mir sehr gut. Vielleicht hätte ich noch mehr die Schuhe als Mittel zur Veranschaulichung benutzt. Gerade so banale Kleinigkeiten können manchmal einen ganzen Lebensumstand erklären.
25.07.2009, 10:47 von See_Emm_Why_KayAuf jeden Fall habe ich den Artikel gern gelesen! Empfehlung!
Ich hab in meiner Schulzeit mal nen Aufsatz geschrieben, bei dem ich auch erst im letzten Absatz das eigentlich Thema behandelt habe. Wegen dem Geschwafel drum herum habe ich ne 4- bekommen: "Thema verfehlt". Irgendwie fiel mir das bei dem Text ein ...
24.07.2009, 14:09 von AelgkalvSuper schön geschrieben
23.07.2009, 22:44 von Dina-LisaÄh, check ich nicht.
23.07.2009, 22:14 von SupergalaktischIch finds sehr schön. Und dabei muss ich gar nicht wissen, in welchem Land ihr euch getroffen habt.
23.07.2009, 19:50 von kaltefuesseGut geschrieben, und erklär bitte nichts.
23.07.2009, 18:40 von Freydisschön
23.07.2009, 18:21 von derdickebaersehr schön, wirklich!
23.07.2009, 17:07 von rotkaepcheneine Empfehlung von mir!
du arbeitest viel mit Farben, was einen total einlullt mit seinen Zauber.
besonders schön: die Beschreibung der Schuhe:Sie waren aus Stoff, leicht und blau wie das Meer,
langweilig.
23.07.2009, 14:16 von AloisiaVor dem Hintergrund des Krieges Ende der 90er im ehemaligen Jugoslawien, vor dem Hintergrund des Ausgeschlossenseins aus unserer Konsumgesellschaft (für viele kaum bis gar nicht vorstellbar, denke ich) ist der Text gleichzeitig schön und traurig.
23.07.2009, 14:14 von CyroDas gesamte Bild ist in sich schlüssig für mich.
Heimat ... die blauen Schuhe sagen doch viel aus ... nicht nur über das serbische Mädchen, sondern auch über die Autorin zum Thema Heimat und Gesellschaft. Spätestens als sie die Schuhe geschenkt bekommt mit dem Hinweis, dass sie sie brauchen wird.
Eine kleine Geschichte über eine Freundschaft, mit süß-bitterem Nachgeschmack und Freiraum zur Interpretation.
Die eine hat ihre Heimat (physisch) verloren, die andere (emotional) nie gefunden.
Die eine kommt aus einer Konsumgesellschaft, kann oder will nicht dort mitspielen, die andere hat keine Möglichkeit dort mitzuspielen. Doch beide vereint ein Gefühl im Hier und Jetzt, das mir aus dem Text entgegenkommt, das der Text besser beschreibt als ich das kann.
Mich hat dieser Artikel beeindruckt, denn er nahm mich für einen Moment durch fremde Augen sehen lassen und Bilder gezeigt, die ich nicht alltäglich sehe oder manchmal auch sehen will. Es ist für mich ein im positiven Sinne bemerkenswerter Text.