Stjaernaflicka 30.11.-0001, 00:00 Uhr 4 12

Hasi Wants to Kill Herself

.. und ich starre auf das dunkelblaue Gefäß mit dem goldenen Rand, während der Wind mir Tränen anderer über die Wangen laufen lässt.

Du bist viel umgezogen. Ständig.
Kleinster Raum in wenig Kisten. Nur Dein E-Piano war beständig.
Du bist viel umgezogen – aber in dieser Stadt, die Dein Hafen war.
Jetzt bist Du ein letztes Mal umgezogen, weit weg, in eine Stadt, einen Ort, wo ich Dich nicht besuchen kommen kann. Dich nicht anrufen, keinen Brief schreiben, keine eMail und keine SMS.
Wahrscheinlich hast Du Dein neues Zimmer schon penibel geputzt, alles eingerichtet und akkurat an seinen Platz gerückt. Staub gewischt sowieso und Mr. Bifi, diese riesige Plüschbulldogge, sitzt vermutlich auch schon an seinem Platz und schaut Dir dabei zu, wie Du Dich prüfend umsiehst, um sicherzugehen, dass Du auch wirklich nichts übersehen hast.

               
Ich stelle mir vor, dass es ein ganz besonders schönes Zimmer in Blautönen ist, was Du Dir da ausgesucht hast und Du verdrehst vermutlich die Augen, wenn Du mitbekommst, was mir hier durch den Kopf geht, wie ich versuche das Warum? zu fangen, zu fassen, das über meinem Kopf schwebt. Aber Du hältst es an der Leine und ziehst es weg, sobald ich meine Hände danach ausstrecke. Und weißt Du was? Das ist okay. Wirklich.
An guten Tagen glaube ich mir das sogar. Bis es dunkel wird und ich mich daran erinnere, wie Deine Stimme geklungen hat. Dann zieht mein Herz sich so sehr zusammen, dass ich den Schmerz kaum aushalten kann, mich krümme, winde, nach Luft schnappe, verzweifelt einzuatmen versuche und – obwohl ich weiß, dass diese Mechanismen funktionieren – der festen Überzeugung bin, ich müsse jeden Moment ersticken. Ob Du es tun musstest? Ersticken? Oder hast Du schon vorher schlafen können, begleitet von der Musik, die Du Dir ausgesucht hast? Hat Dein Kopf geschmerzt, so wie meiner jetzt, weil ich jeden Muskel in meinem Körper angespannt habe, um mich gegen das zu stemmen, was auf mich niederbricht? Ich hoffe Du hast Dich nicht zu einsam gefühlt in diesem Moment, sondern angekommen und sicher in dem, was Du für Dich frei gewählt hast.

Und Du? Schüttelst den Kopf, sagst: Ach Hasi, und verdrehst die Augen. Ich solle mich nicht so anstellen, sagst Du in meinem Kopf und ich weiß ganz genau, welchen Tonfall Deine Stimme bei diesen Worten hat, das Leben ginge ja schließlich weiter - nur ohne Dich. Aber ohne Dich.
Ohne Mango Chai aus Müslischüsseln. Ohne Wellnesspesto, schlechte und noch schlechtere Hasi-Wortspiele, ohne vorwurfsvolle Blicke aus braunen Augen und ohne Fußballerwaden-kaschierende-Stulpen über Chucks.

Und das Atmen fällt mir so schwer.
Und das ichweißnichtwievielte Bier steht vor mir auf dem Tresen. Und der ichweißnichtwievielte Schnaps der ichweißnichtwievielten Sorte.
Du wirst eine ganze Weile warten müssen, bis ich wieder mit Dir anstoßen kann, Hasi. Gut, dass unser damaliges Stammcafé seinen Namen abgelegt hat und mit ihm sein Aussehen. Und trotzdem muss ich an der Ampel nach rechts schauen, um weder das Café noch die Erinnerungen sehen zu müssen. Und das Wissen, dass wir nie wieder dort sitzen werden, nicht mittwochs und an keinem anderen Tag, krallt sich an mir fest und hinterlässt halbmondförmige Abdrücke auf meiner Haut, die eine ganze Weile brauchen, bis sie wieder verschwinden.

Ich wünschte es wäre anders, aber das ist nur einer von vielen Konjunktiven, die in unbedachten Momenten so laut schreien, dass mir die Ohren klingeln, während ich über der Kloschüssel hänge und mit meinem Mageninhalt auch das Sammelsurium an Emotionen auskotze, bis ich mich erschöpft auf dem Fußboden zusammenrolle, in der Hoffnung in einen traumlosen Schlaf flüchten zu können. Aber Körper und Geist lassen mich nicht und so krümme ich mich wieder und wieder, bis ich so leer bin, dass ich nicht mehr flüchten kann.

Scheiße, denke ich.
Ach Hasi, sagst Du in meinem Kopf und lachst.

Mein Körper dröhnt und pocht, hämmert und schreit und ich starre auf das dunkelblaue Gefäß mit dem goldenen Rand, während der Wind mir Tränen anderer über die Wangen laufen lässt. Meine vermischen sich irgendwo in der Kanalisation mit meinem Mageninhalt und dem Abwasser, anstatt mit dem Fremdsalz auf meinem Gesicht.
                Ich habe Dir etwas mitgebracht. Geschriebene Worte, die ich säuberlich zusammengefaltet in einen Umschlag gesteckt habe. Und ein Päckchen Mango Chai. Einen Schmetterling aus Holz halte ich zusätzlich fester als nötig in meinen schwitzigen Händen. Weil es Dein Tier war. Einer, er ist königsblau, genau wie das Gefäß, auf das ich noch immer starre, hat sich sogar für immer auf Deinem Handgelenk niedergelassen. Und als ich mich schließlich hinknie, um Worte, Chai und Schmetterling zusammen mit einem Teil von mir in die Erde zu legen, erinnert sich mein Körper wieder an Badezimmerboden und Gefühlskotze, die mir hochkommt und sich in einer Tränenflut äußert, die in solcher Intensität als Letztes meine Kloschüssel hat sehen dürfen.

Scheiße, denke ich.
Ach Hasi, sagst Du in meinem Kopf.

.. and I would have stayed up with you all night

had I known how to save a life.

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4 Antworten

Kommentare

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  • 0

    ach hasi....
    es gibt keine pauschallösung...
    du machst es richtig. lass raus was raus will, sag was du sagen willst, leb wie du leben willst und schwuppdiwupp ist platz für neues

    18.08.2016, 23:29 von neuzeit
    • 2

      Haste ditte aus der Brigitte?

      19.08.2016, 11:06 von quatzat
    • 1

      Ich glaub nicht, daß die das drucken würden. Die würden den Text nämlich genauso wenig verstehen wie Du ihn verstanden hast ;-)

      19.08.2016, 21:06 von alter_hund
    • 0

      Nur gut, dass du verstanden zu glauben willst, was ich verstehen kann und verstanden habe.

      21.08.2016, 22:02 von quatzat
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