jo_flow 29.07.2012, 01:24 Uhr 22 5

Günther und die Hunde

Die Sonne stand schon hoch im Himmel an diesem kühlen Novembermorgen. Günther warf den Ball, so weit und fest er konnte, doch er kam nicht zurück.

Die Sonne war gerade aufgegangen. Günther, in seinem viel zu großen Regenmantel eine obskure Figur darstellend, hob den nassen Ball auf und seufzte kaum hörbar. Dieser Morgen war für den unbeteiligten Beobachter wie jeder andere Novembermorgen. Der durchschnittliche Typ, Durschnittseinsfünfundachtzig, Durchschnittsfrisur, eher unauffällig sollte es später heißen. Dass für eben diesen Mann gerade eine Welt in begriff war zu zerfallen würde dieser Beobachter nicht bemerken, wird über Glück oder Unglück doch meist in Sekunden, Augenblicken entschieden.

Günther atmete noch einmal tief ein. Die ungeahnt warmen und sanften braunen Augen unter buschigen Augenbrauen schauten gedankenverloren in die Ferne. Wie er es gewohnt war, hatte er heute Morgen die Zeitung geholt, am kleinen Tisch bei einer Tasse starken Kaffee (wenig Milch, keinen Zucker) gelesen und war dann mit Browny, seinem Labrador Mischling, an den Fluss gegangen. Browny kam hechelnd auf ihn zu - rennend mit dieser Ausgelassenheit, Lebensfreude und Gegenwartsliebe wie sie in dieser reinen Form, wie Günther fand, wahrscheinlich nur Hunde empfinden können. Es gab nicht viel, was Günther faszinieren konnte, aber dessen war er sich sicher. Und er war fest entschlossen sich an seinem Rüden ein Beispiel zu nehmen. Er fühlte sich morgens nicht alleine.

Im vollen Büro war mal wieder dicke Luft – jemand hatte einen Termin nicht eingehalten (ich bin untröstlich, aber...), der Chef konnte mal wieder nicht umhin es an jemandem (Günther) auszulassen. Günther bekam von alledem nicht viel mit. Er war noch immer in Gedanken unten am Fluss. Der schlaue Beobachter würde feststellen dass Günther nicht war und nicht behandelt wurde wie alle anderen im vollen Büro – Günther war anders und das schon sein Leben lang. Er war meistens weit weit weg, „in seiner Welt, eben“. Der Chef des vollen Büros half Günther, einen geregelten Tagesablauf zu haben und schaffte das auch ganz gut – Günther durfte Briefe tüten und Kaffee kochen und andere Dinge, solange sie nicht zu unerwartet oder zu schwierig waren. Wie geht es Ihrem Hund (Standartfrage)? Günther nickt. Gut. Und da ist der gestresste Chef auch schon wieder weg. Es geht ihm wirklich gut, dem Hund, dachte Günther.

Günther erinnerte sich. Die Sonne war gerade aufgegangen. Günther hatte den Ball geworfen. Er warf ihn, weit, weit weg, weil er sich sicher sein konnte dass er zurückgebracht wurde. Wann kann man sich denn schon so sicher sein? Der Hund ist so treu, der würde mich nie im Stich lassen, dachte Günther. Er dachte auch manchmal an Frauen. Aber Frauen verstanden ihn nicht und er verstand sie nicht. Helena hatte sich einst seiner erbarmt, wie es ihm vorkam. Sie hatten sich wochenlang getroffen und geredet. Aber Günther hatte nicht verstanden wie es dann weiter gehen sollte. Er wollte sie mitnehmen, ihr zeigen wie es morgens am Fluss war wenn die Sonne alles in ihr goldenes Licht tauchte und sich der nasse Hund schüttelte (dabei entsteht nämlich immer dieser kleine Regenbogen) aber sie hatte seine Nähe gesucht und wollte „wissen was ihn ihm vorging“. Er wusste nicht, was Nähe war und auch nicht, was ihn ihm vorging, also hat sie ihn alleine gelassen. Deshalb fühlte er sich abends immer alleine.

Wie geht es dem Hund heute? Günther, aus diesem Tagtraum unsanft erwacht, schaute auf und blickte den Chef des vollen Büros lange schweigend an. Na, ich muss dann jetzt weiter, vergessen Sie bitte nicht, diese Briefe zu verschicken.... und der Moment war vergangen. Der Moment an dem Günther klar sah, was der Chef von ihm wollte – er wollte nicht wissen, wie es dem Hund ging. Er wollte, dass Günther sicher sein konnte, dass alles beim alten, alles gut war – aber das war es nicht.

Die Sonne war aufgegangen und stand schon hoch im Himmel an diesem kühlen Novembermorgen. Günther warf den Ball, so weit und fest er konnte, doch er kam nicht zurück. Sekunden vergingen bis der Ball unsanft im matschigen Boden aufschlug. Schweigend schritt Günther den Weg entlang. Heute Morgen fühlte er sich so alleine wie noch niemals zuvor in seinem Leben. Nichtmal in seiner Welt ist Platz für ihn, denn seine Welt existiert nicht mehr. Niemand wird mehr den Ball zurückbringen. Da wird keiner mit kalter Schnauze seine Hand streifen, niemand sich so freuen, wenn er von der Arbeit nach Hause kam. Eine Träne schimmert in den Augenwinkeln des plötzlich um Jahre gealterten Mann. Dann drehte sich Günther um und kehrte der Sonne und der Welt des unbeteiligten Beobachters den Rücken zu.


Tags: Hund Trauer Freundschaft Alleine
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22 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Den Schluss in die Unterunterschrift zu packen war nich so geil, ne?


    Außerdem warte ich immernoch auf den Amoklauf.

    01.08.2012, 11:12 von Lie-On
    • 0

      schluss in unterüberschrift? wo? welcher amoklauf, wieso? :)

      02.08.2012, 12:21 von jo_flow
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  • 0

    Das Glückj sieht aus wie ein Hund, würde ich sagen. Ich find den Text echt prima!

    01.08.2012, 00:51 von Kiralaska
    • 0

      merci :)

      01.08.2012, 09:54 von jo_flow
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  • 1

    ich mag die Idee. auch wenn von Anfang an klar war, wie es enden wird (was ja nicht unbedingt schlecht sein muss)
    dennoch fehlt mir leider irgendwas.

    01.08.2012, 00:34 von Ansotica
    • 0

      okay. danke...was glaubst du was fehlt? etwas konkretes in der geschichte-details?

      01.08.2012, 09:54 von jo_flow
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  • 3

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      Um Nirvana (falsch) zu zitieren: Smells like Sockenpuppe. ;)

      31.07.2012, 23:14 von TheFray
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      wieso falsch? das haben die doch gemeint :)

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      31.07.2012, 23:16 von jo_flow
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      Um nicht falsch verstanden zu werden: Du kennst den Begriff Sockenpuppe, respektive seine Bedeutung im Netz? ;)

      31.07.2012, 23:19 von TheFray
    • 0

      soll ich ehrlich sein oder meine unwissenheit was internetsprache angeht nicht raushängen lassen? :) wikipedia hilft ja bekanntlich in allen lebenslagen...mal sehen

      31.07.2012, 23:21 von jo_flow
    • 0

      also...da ich den begriff nicht kannte wäre ich auch nie auf die idee gekommen sowas zu praktizieren :) ich bin die person in unschuld :)

      31.07.2012, 23:23 von jo_flow
    • 0

      ganz-schnell ist

      offline



      Mitglied seit: 31.07.2012

      01.08.2012, 01:18 von TheFray
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  • 1

    merci für die kritik.

    stotternd ist wohl so mein ding. klar, liegt nicht jedem. jeder darf selbst entscheiden ob er weiterliest und was er damit macht, wenn er's doch durch geschafft hat. werde auf jeden fall nochmal nach grammatik und rechtschreibhung schauen :P :)

    31.07.2012, 15:21 von jo_flow
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  • 0

    eher
    unauffällig sollte es später heißen

    Wann später? Irgendwie hab ich das Gefühl, da fehlt was. Ich komm da nicht mit. Beim ersten lesen hab ichs nur bis zum 2. Absatz geschafft. Habs nun doch durch und denke so: "Hä? Wasn passiert?"

    31.07.2012, 09:23 von Tanea
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ich mag die Grundidee und auch das Ende. Aber du solltest den Text nochmal auf Grammatik- und Rechtschreibfehler prüfen, das wäre auch besser für den Lesefluss, denke ich.

    30.07.2012, 23:47 von Lady_Hope
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  • 3

    Der Text stottert so vor sich hin. Man kommt sich beim Lesen ein wenig so vor, als würde man mit dem Fahrrad über Schotter fahren. 

    30.07.2012, 22:28 von wittchenschnee
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  • 7

    diesen Mann
    gerade eine Welt in begriff war zu zerfallen

    hä?

    ansonsten lese ich den Text und fühle mich wie eine Fliege im Kleber.
    Man kommt nicht weiter, liest und liest und weiß nicht mehr.

    Wie sieht auf deiner Tastatur die Taste zwischen M und ./: aus?

    benutz mal!

    30.07.2012, 18:07 von Surecamp
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 1

      kommata setzen das war wohl noch nie meine stärke. obwohl... lebensretter sind sie schon, die kleinen schlingel. so wie komm wir essen opa! :)

      31.07.2012, 15:26 von jo_flow
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