Glückskind (Dritter Teil)
Das ist der letzte Teil des Textes "Glückskind". Zum Verständnis muss man die vorherigen Teile lesen. Es geht ums Atmen, Weinen und einen Löwen.
Ich atme... zwar immer noch heftig, aber ich atme.
Atme ein und aus. Eine gute Freundin hat mir auf meine Frage "Was soll ich tun, wenn ich nicht weiter weiß?" als Antwort gegeben: "Atmen."
Ich sitze vor meiner Wohnungstür. In meiner Wohnung befindet sich ein Löwe, ich lehne mit dem Rücken an der Tür im Treppenhaus und ich atme. Ein und aus. Und versuche nachzudenken. Oder mich zu sammeln. Oder einfach nur das Zittern meines Körpers zu beruhigen.
Atmen - ist ein Anfang. Oder eigentlich die Grundvoraussetzung. Für alles Weitere.
Ich überlege, ob ich bei der Polizei, beim Veterinäramt, beim Zoo anrufen soll - da fällt mir ein, dass mein Handy noch in der Wohnung ist - und dann höre ich so was wie ein Kratzen auf der anderen Seite der Tür, nicht aggressiv, eher wie: Hallo, ich bin noch da.
Aber irgendwie bin ich nicht sicher, ob der Löwe noch da ist, wenn ich die Polizei oder andere Sicherheitskräfte rufen werde.
Wie sagte Glückskind: Er ist mein Tier.
Kann man sich sein Tier aussuchen? Dann hätte ich mir eine Katze gewählt oder meinetwegen ein Eichhörnchen. Es dürfte wild sein, aber nicht gefährlich. Ok, ich habe ein Take-A-Walk-On-The-Wild-Side-Plakat im Klo hängen, aber das ist als Witz gemeint.
Ich atme, sitze ausgesperrt im Treppenhaus meiner Wohnung und merke, ich kann zu keinem Nachbarn gehen. Ich habe kein besonderes Verhältnis zu ihnen. Sie wohnen über und unter mir, das hat mir bislang zur Orientierung gereicht, sind alles Spießer. Die wissen nicht wie man lebt.
Weiß ich es?
Ich könnte ein Bier gebrauchen. Da schabt wieder was von der Tür.
Warum hocke ich immer noch an dieser gotverdammten Tür? Warum kann ich nicht aufstehen?
Weil ich nicht weiß wohin.
Weil ich auch sonst nichts weiß.
Und ich denke an die Frau im Erdgeschoss. Sie war Sachbearbeiterin und ging auf die Rente zu. Mit ihr habe ich mich immer mal unterhalten, wenn ich sie traf. Sie erzählte kleine Geschichten eines kleinen Lebens, aber sie erinnerte mich irgendwie an ... Kleinstadt, ganz einfache Menschen, die sich mühen in ihrem Leben. Vielleicht habe ich ihr nur zugehört, um das Gefühl zu haben, was Gutes zu tun und um mich besser zu fühlen, weil mein Leben doch so viel aufregender als ihres war. Ich glaube nicht, dass ich auf sie heruntergeblickt habe; wenn dem so war, bitte ich um Verzeihung. Weil in ihrer skurillen Einfachheit war sie ... es war ja nicht nur so, dass ich wahrscheinlich der Einzige war, der ihr in diesem Haus zugehört hatte (das weiß ich aber nicht), sie war auch die Einzige, die mir in diesem Haus zuhörte. Auch wenn ich sie nicht verstand, sie mich nicht verstand. Dennoch hielt ich immer inne, wenn ich sie traf. Dann erkrankte sie an Krebs. Wenn ich sie traf, trug ich ihr ihre Sachen in die Wohnung und sie erzählte von der Chemotheraphie. Sie war so hoffnungsvoll, denn schließlich stand sie kurz vor der Rente. Das konnte doch nicht alles gewesen sein, denn ihr kleines Leben sollte noch ganz groß werden...
Plötzlich laufen mir Tränen aus den Augen.
Ich habe Schuld auf mich geladen, denn ich habe nie einfach bei ihr an die Tür geklopft, einfach mal so. Ich habe mit ihr gesprochen, wenn ich sie traf. Und zu meiner Entschuldigung kann ich nur sagen, dass ich ihre Hoffnung einfach glauben wollte (weil es für mich dann einfacher war?).
Aber so war es nicht. Ich wollte keine Verantwortung übernehmen. Das Treffen im Treppenhaus war unverbindlich. Aber wenn ich aktiv geworden wäre, hätte ich Verantwortung übernommen.
Ich heulte.
So heulte ich zum letzten Mal als Kind.
Vor kurzem erst ist sie gestorben. Ich erfuhr es nur, weil vor der Tür ein Transporter stand und ihre Mutter, eine vitale 80jährige, die Wohnungsräumung dirigierte. Und ich dachte noch, welch großer Unterschied zwischen dieser Mutter, mit der ich kurz sprach, und der so unscheinbaren Tochter bestand.
Und während ich weine, muss ich aufstehen und gehen.
Wie automatisch gehe ich zum Südfriedhof. Dort liegt meine Omi mütterlicherseits. Sie war die "Starke" gewesen in einer komplizierten Familie. Die Geschichten vorgelesen hat und mir immer mal Geld zusteckte. Sie hatte ihre Familie ohne Mann aufgezogen, war ungeduldig, war aber auch die liebende Oma genauso wie die zornige. SIE wußte immer, was getan werden muss. SIE konnte sich keine Zweifel erlauben. WOZU zweifeln, das war doch nur Zeitverschwendung.
Als Kind hatte ich immer auch Angst vor ihr, da sie streng sein konnte, andererseits konnte man sich immer auf sie verlassen. Sie starb zu früh für mich, als dass ich sie als Mensch hätte verstehen können. Sie war mehr ein Orakel für mich. Das sagte: Richtig, falsch.
Ich könnte nicht sagen, dass ich sie liebte.
Aber wenn es Gott gibt, hat er durch meine Oma zu mir gesprochen.
Denn ihre Liebe war nicht lasch, sie war fordernd und ungezähmt. Ihre Liebe war nicht bedingungslos. Sie sagte klar, was ihr nicht passte.
UNd dann stand ich vor ihrem Grabstein.
Und ich glaubte ihre knötrige Stimme in meinem Kopf zu hören: "Die Angst zeigt dir den Weg."
Inzwischen war ich schon ganz weit weg von Gut und Böse.
Ich bin ein Mann.
Ich hatte mein Gefühlsreservoir für diesen Tag aufgebraucht.
Daher folgte ich dem Weg.
Der führte mich in einen Park mit einem chinesischen Garten, wo ich auf einem Rasen eine Gruppe von Alternativmenschen wahrnahm, die Tai Chi ausprobierten und in ziemlich anstrengend aussehenden Posen verschiedene Körperteile der Sonne entgegenhielten, und in einem Sandkasten eine Schar von Kindern.
Da hörte ich ein Stimmchen: "Du bist doch noch gekommen!" und in der Kinderschar sah ich Glückskind, die auf mich zurannte und mich zum Sandkasten führte.
Das Kinderpack machte maulend Platz, damit ich mich dazu setzen konnte. Glückskind hatte eine Spielzeuggießkanne in der Hand und strahlte mich an: "Wir waren gerade bei der Teezeremonie. Willst du auch eine Tasse?"
Ich muss wohl genickt haben, denn eines der Kinder formte mit einem PLastikförmchen eine Tasse auf meiner Hand. Alle schienenen sich prächtig zu amüsieren, während sie mit "Noch ein wenig Tee, der Herr?", ""Noch ein Törtchen?", "Der Preiselbeerkuchen ist dieses Jahr wieder besonders herzhaft" durch die Reihen liefen.
Kinderkram.
Als ob ich nichts Wichtigeres zu tun hätte!
(Hatte ich nicht)
Diese Kinder nervten mich. Glückskind nervte mich, weil es in dieser Kindergärtner-Parodie verhaarte.
Also sagte ich mit einem sehr rauen Ton: "Was würdet ihr tun, wenn ihr einen Löwen in der Wohnung hättet?"
Ein Mädchen lachte: "Ihn kämmen."
Ein Junge sagte: "Totschiessen und sein Fell an die Wand hängen."
Glückskind sah mich neugierig an und sagte dann: "Nur mit geschlossenen Augen sieht man richtig."
???
Egal.
Ich schloss die Augen.
Ruhe.
Die Geräusche der Außenwelt, das Plärren der Kinder - wird leiser.
Ich sehe Horizont.
Sehe Wüste.
Sand.
Kein Kasten voll, sondern eine Wüste voll.
Und Sonne, eine ganze Wüste voll.
Ich bin allein.
Die Zeit vergeht.
Ich bin allein.
Ich will die Augen öffnen. Es geht nicht. Ich bin allein.
Dann bildet sich um mich herum eine Arena. So wie in Rom halt. Auf den Zuschauerrängen die Kinder von eben. Ich will die Augen öffnen.
Da kommt der Löwe.
Eigentlich nicht kommen, er schreitet.
Stolz.
Jubel von den Kindern.
Der Löwe schaut mich an.
Leckt sich die Pfote. Wenn er jetzt eine Rede halten würde, wäre ich nicht erstaunt. Mich verwundert nichts mehr.
Reality is not for me.
Der Löwe nähert sich mir. Knurrt. Ist angriffslustig.
Ich rufe: "Hilfe."
Ein Kind ruft "Buschmesser" - und ich habe eins in der Hand, mächtig, in der Sonne strahlend, eisern. Ich schwinge es bedrohlich hin und her.
Ein anderes Kind ruft "Luftpumpe". Statt dem Buschmesser habe ich... Whatthefuckisthis? Eine Luftpumpe?
Ein drittes: "Gewehr." Und ich wechsle schnell in die Position, in der man in Filmen mit so'nem Ding schiesst....
da höre ich Glückskind "Nein" rufen, der Löwe greift mich zeitgleich an, ich schmeiße das Gewehr weg und versuche den Löwen mit meinen bloßen Händen abzuwehren.
Sein Speichel spritzt mir entgegen. Die Zähne sehen ... heftig aus. Ich habe Angst. Wir wälzen uns durch den Sand. Der plötzlich ein Strand ist. Und ich würge keinen Löwen mehr, sondern meinen Vater.
DAS ist mir so strange, dass ich erschrecke und ihn loslasse. Außerdem merke ich, dass mein Körper relativ klein ist.
Ich schaue an mir herunter. Ich bin 6 Jahre alt. Und mein Vater 30 Jahre älter. Und er stürmt auf mich zu, muss wegen irgendwas stinksauer sein.
Und dann erinnere ich mich an jenen Abend, wo ich empfand, dass ich meinen Vater so wütend gemacht hatte, dass ich glaubte, er wolle mich erwürgen, weil er so außer sich war. Stattdessen würge ich ihn, zeige ihm mal, wie das so ist. Ich bin STARK, ER KOTZT MICH AN - mit seiner Engstirnigkeit, mit seinen Regeln, mit diesem ICH-WEISS-BESCHEID-GELABBER. Ich will IHN TÖTEN, um Ruhe vor ihm zu haben. Die Angst ist der Weg!
"Ist auch die Wut ein Weg?" höre ich ein Stimmmchen.
Zart.
Leise.
Unscheinbar.
Ich würge meinen Vater, der mich entsetzt ansieht.
Tränen laufen mir aus den Augen (DAS wird zur Gewohnheit).
Mit weinenden Augen sieht man nicht richtig, aber ich sehe SEIN GESICHT.
Und es macht mir keine Angst mehr.
Ich stosse ihn weg.
Er fällt zu Boden.
Ist kein Löwe mehr.
Die Zuschauer jubeln.
Und ich kann die Augen wieder öffnen.
Und habe auf beiden Händen feuchten Sand, der entweder Tee, Tasse, Kuchen oder sonstwas darstellen soll. Ich klatsche meine Hände aneinander und
im Sandkasten steht der Löwe (derselbe, mit dem ich gekämpft habe oder ein anderer? ich weiß es nicht, irgendwie sehen sie für mich alle gleich aus; dennoch wirkt dieser hier eher wie Clarence, der Löwe aus Daktari) und die Kinder streichen ihm übers Fell, als würden sie ein Pferd striegeln.
Ich bin nassgeschwitzt und habe dieses Nachzittern wie eben nach einer großen Anstrengung, das Nachbeben der Muskeln. Und das Gefühl, ich hätte etwas Großes (zumindest für mich Großes) geleistet. Ich bin erschöpft und erleichtert.
Und Glückskind stellte sich vor mich und meinte: "Das war gar nicht schlecht - für einen Erwachsenen." Und lacht, als würde es mich auslachen, aber freundlich und weise.
Und ich muss auch plötzlich lachen, ohne zu wissen warum. Und es erscheint mir, als würde der Löwe auch lachen, aber wahrscheinlich gähnt er nur wieder mit seinem großen Maul.
Und ich wuschele ihm durch die Mähne und ganz vorsichtig legt er mir seine Pranke an die linke Wange.
IRGENDWAS, was ich nicht beschreiben kann, fühlt sich verdammt gut an.
Und Glücksind strahlt: "Das ist aber erst der Anfang."
Und klatscht in die Hände.
"Das ist das Tolle. Alles fängt immer wieder an."
Und DAS ist so was von wahr, dass ich einfach vor Glück schon wieder weinen muss, während mir der Löwe mit seiner Pranke über das Gesicht fährt...
als wolle er meine Tränen sanft über mein Gesicht verreiben.





Kommentare
Schoen :) erinnert mich ein bisschen an den kleinen Prinz...
19.11.2008, 21:38 von kleines_franzilein