summerbird85 11.08.2017, 22:17 Uhr 16 5

Gehen wir einen Kaffee trinken?

Authentizität – Wenn das Handeln einer Person nicht durch äußere Einflüsse bestimmt wird, sondern in der Person selbst begründet liegt.

Ihr mangelndes Verständnis für Ironie brachte meine beste Freundin Miriam schon in so manche heikle Situation. Ich kann ein Lied davon singen, bin ich doch ihre erste Ansprechpartnerin für all die Fälle, in denen Männer mit Halbwahrheiten, Verlegenheitsfloskeln oder im schlimmsten Fall großspurigen Grobheiten auf Miriam zugehen und ihr Handeln nicht in Einklang mit ihren Worten bringen können. Dann taucht Miriam konsterniert bei mir auf, um sich die Sachlage erklären zu lassen. An deren Ende steht meistens die Einordnung eines Mannes in die Kategorie „nicht authentisch – Finger weg“, und zwar einhergehend mit großer Verwunderung, weil Miriam damit überhaupt nichts anfangen kann.

Miriam nimmt die Menschen immer beim Wort. Das führt natürlich immer dann zu Irritationen, wenn ihr Gegenüber Dinge sagt, die nicht so gemeint sind, wie es die Worte wiedergeben, wie es ja bei der Ironie der Fall ist. Aber auch emotionale Unzulänglichkeiten bei Personen, oder sagen wir es doch gleich gerade heraus, bei Männern, die sich über ihre Gefühle nur sekundär Gedanken machen und dazu neigen, ihre Lust mit Komplimenten, Bewunderung und Fürsorge einher gehen zu lassen, um das Ziel Sex zu erreichen, führen bei Miriam immer wieder zu Verständnisschwierigkeiten.

Würde ein Mann klipp und klar sagen, dass er sie umwerfend fände und ob sie gern eine Nacht mit ihm verbrächte, gäbe diese Klarheit Miriam ein Instrument in die Hand, mit dem sie adäquat reagieren könnte. Sie hätte dann nicht das geringste Problem zu sagen: „Danke für das Kompliment, aber nein“, oder „Lass uns doch mal schauen, ob ich das Gleiche von dir sagen kann. Da vorn ist eine Bar und wenn dein Esprit und deine Fantasie mich zum Lachen bringen, komme ich mit.“ Das mag für die meisten Menschen vielleicht befremdlich klingen. Bei näherem Hinschauen würde diese Art von Kommunikation aber viele Missverständnisse vermeiden helfen.

Miriam ist eine Totalromantikerin, die sich andauernd in jeden verliebt. Da ihre einzige Regel im Umgang mit dem anderen Geschlecht „Authentizität“ lautet, geht sie davon aus, dass auch ihr Gegenüber authentisch ist. Oft leider vergeblich, denn beziehungsfähige Mannsbilder, die sich im Klaren über ihre Gefühle sind, sind rar. Für Miriam ist das sehr verwirrend und faszinierend zugleich. Deshalb stürzt sie sich immer wieder in neue Kernlernprozesse, um zu ergründen, wie die Männer ticken. Meistens mit schmerzhaften Folgen.

Am Anfang eines Kennlernprozesses hört Miriam gern den Satz: „Wollen wir mal einen Kaffee trinken gehen?“ Das gibt in gemütlicher Atmosphäre Raum für geistreiche Gespräche, um die Seelen in einen Resonanzzustand zu bringen. Miriam willigt also immer gern ein. Allerdings, um Kaffee trinken zu gehen, denn es geht ihr nicht um Eroberung, sondern es geht ihr darum, glückliche Zeiten zu verbringen. Lautet die imaginäre Übersetzung des Satzes „Wollen wir mal einen Kaffee trinken gehen?“ beim Mann allerdings „Wollen wir mal Sex haben?“, sind Missverständnisse vorprogrammiert. Sollte der Abend mit Begleitservice bis zu Miriams Haustür führen, darf sich der „nicht authentische – Finger weg“-Mann nach der obligatorischen Frage „Gehen wir noch auf einen Kaffee zu dir rauf?“ nicht wundern, eine erstaunte Miriam antworten zu hören: „Wieso? Wir haben doch gerade Kaffee getrunken.“

So ist sie, die Miriam. Sie ist, was unsereins als naiv bezeichnen würde. Und dabei ist sie eigentlich nur absolut authentisch. Ich muss auf sie aufpassen. Und ich tue das sehr gern. Manchmal wünschte ich, ich wäre so authentisch wie sie. 


Tags: Authentizität
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16 Antworten

Kommentare

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  • 3

    Gibt ja viele  Ausprägungen, die manchmal schon leicht in autistische Bereiche gedrückt werden. Da fehlt dann irgendwie eine Ebene oder mehere. Vielleicht angenehm leicht, wenn man sich über vieles gar keine Gedanken machen kann. 

    12.08.2017, 21:50 von Bergfenster
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  • 3

    Ich finde das eher traurig, wenn ein Menschin seiner Persönlichkeitsentwicklung keinen Schritt weiter geht sondern irgendwie in naiv-kindlichen Traumvorstellungen verharren zu scheint und nicht aus Erfahrungen lernen kann oder will. Das Resultat ist, dass man immer irgendeine Mutti und später wahrscheinlich einen Papa als Beschützer neben sich braucht. Man ist absolut "ungefährlich" aber auch abhängig...

    12.08.2017, 21:20 von Gluecksaktivistin
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  • 0

    Wenn Sie doch gerade Kaffee hatte, voll logisch und geradezu faszienierend.

    12.08.2017, 17:42 von Freyr
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  • 0

    nicht so viel denken, einfach sex haben

    12.08.2017, 17:30 von green_tea
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  • 0

    Miriam ist ein schöner Name.

    Ist sie mit Michaela verwandt? 

    12.08.2017, 10:22 von sailor
    • 0

      Meinst du Michaeeelaaa Aha? :)

      12.08.2017, 18:22 von Freyr
    • 2

      Nee, ich mein Michaela...

      12.08.2017, 19:59 von sailor
    • 1

      chrchrchr...großartiger Song, großartige Band

      14.08.2017, 10:39 von chiral
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  • 3

    Zwischen authentisch und autistisch gibts schon noch Unterschiede...

    12.08.2017, 08:55 von quatzat
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  • 0

    Kernlernprozesse,

    Ich nehme mal an, da soll ein *n hin.

    Kurzweilig, gern gelesen.

    11.08.2017, 22:51 von Fin_Fang_Foom
    • 0

      Den Kern der Sache kennen zu lernen, ist nicht unwichtig... 

      12.08.2017, 10:19 von sailor
    • 0

      Auch wahr. :)

      12.08.2017, 11:51 von Fin_Fang_Foom
    • 0

      Ich glaube es sollte Kerllernprozess heißen.

      Wo hat der Pudel seinen Kern, wenn überhaupt?

      12.08.2017, 17:30 von Freyr
    • 0

      Das Wichtigste ist die Hauptsache.

      12.08.2017, 17:45 von sailor
    • 0

      Die Nebensache ist das Unwichtigste?

      12.08.2017, 17:50 von Freyr
    • 0

      Manche sagen Hauptsache Nebensache. :)

      12.08.2017, 18:01 von Freyr
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