MaedchenAufDerBruecke 30.11.-0001, 00:00 Uhr 58 119

Für meine Internetfreundin.

Wären wir uns damals im Frühling 2004 in einem Café begegnet oder auf der Straße, wir wären gedankenlos aneinander vorbeigegangen.

Liebe A, 

wären wir uns damals im Frühling 2004 in einem Café begegnet oder auf der Straße, wir wären gedankenlos aneinander vorbeigegangen. Vielleicht hätte ich mich irgendwann Deiner erinnert, wie man sich an den Mann hinten im Bus erinnert oder an die Frau, die einem die Tür aufhält. Du hättest mich für ein pubertierendes Mädchen gehalten, was ich war, damals vor neun Jahren. Ich hätte Dich nicht gesehen, zu sehr konzentriert auf mein inneres Geflecht und den Sitz meiner Frisur.

Aber wir trafen uns online. Du warst 23, eine junge Frau, zwei Jahre jünger als ich jetzt und wir akzeptierten uns gesichtslos, alterslos, oft auch intelligenzlos. Das Schreiben an Dich wurde zu einem alltäglichen, selbstverständlichen Ritual. In meinem Kopf warf ich meine Worte an Dich hin und her, jonglierte mit Deinen auf all meinen Wegen, zum Bahnhof, zur Schule, später zur Uni, nachts betrunken auf der Straße; überall lag ein Wort für Dich, ein Satz, ein Gedanke.

Wir schrieben einander über Bob Dylan, beinlose Spinnen und lärmende Hinterhöfe, zitierten Elliot Smith, wiegten uns zu Bright Eyes oder hielten die Köpfe hoch erhoben bei „Got to be real“. Die Jungennamen wechselten sich ab, wurden Männer, das Leid oder die Freude blieb, je nach dem, Weihnachten kam und wieder Geburtstag. Ich machte Abitur, schmiss ein Studium, begann ein neues, bekam ein Kind. Doch Du bliebst die Konstante in einem unsteten Alltag.

Du gingst mit, fort aus dem Haus meiner Kindheit, rein in die Großstadt, raus aus der Großstadt, ich schrieb dir vor gelben Wänden, vor apricotfarbenen, vor furchtbar kahlen, ich schrieb dir vom Hamburger Hafen, aus dem Kreuzberger Internetcafe, heimlich vom Schulcomputer. Ich schrieb dir des Nachts, früh morgens wie Thomas Mann, ich schrieb dir weinend, oh, wie oft schrieb ich dir weinend; mit hicksendem Stimmchen las ich mir leise das Geschriebene vor wie eine Irre. Dir war es egal.

Du bist Meine Sprache von Günter Kunert, Du bist 954 Seiten Word-Dokument, Du bist die betrunkene Stimme an Silvester 2006 im alten Sony Ericsson, Du bist die wunderschöne Handschrift auf Postkarten aus Barcelona, New York und Paris, Du bist Katie aus How to be good.

Du sagtest einst: „Es gibt halt Dinge im Leben, die passieren nicht, und wenn sie passieren würden, wären sie wahrscheinlich gar nicht so wunderbar wie der dazugehörige Traum.“ Du bist das Gegenbeispiel, du bist der Rettungsanker im Strudel der Befindlichkeiten, meine virtuelle Lösung. Du bist das Tagebuch, das ich nie hatte.

Wir haben uns ein bisschen aus den Augen verloren das letzte Jahr. Wir entflohen der Diktatur des Verkopfens, wie Du es immer nanntest, und leben mehr. Und auch wenn das manchmal traurig ist, ist es richtig so.
Denn egal was das wird mit dem Internet und uns, Dich wird es immer geben für mich hier. Denn du bist mein online, Du bist meine Playlist, Du bist das Geräusch, das meine Finger machen, wenn sie über die Tastatur haschen. Du bist mein Zuhause in einer vernetzten Welt.

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58 Antworten

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    So schön und ich liebe vor allem das Bild von den wechselnden Tapeten (:

    01.05.2013, 15:34 von bunteschaos
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    Sehr schön geschrieben, berührt, man will weiterlesen und besonders gefällt mit das: 

    "Du bist Meine Sprache von Günter Kunert, Du bist 954 Seiten Word-Dokument ... Du bist Katie aus How to be good."

    14.04.2013, 11:03 von DieKleineBlume
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    kenn ich zu gut!:) ich find immer nie die richtigen worte, um andere davon zu überzeugen, dass auch internetfreundschaften schön und wichtig sein können. du aber schon, danke dafür!

    13.04.2013, 01:16 von blindpilotwishes
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    schön:)

    01.04.2013, 19:34 von makelovenotwar.
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    kenne ich auch nur zu gut :)

    25.03.2013, 15:44 von ella_deva
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    ...ist eine hommage an die virtuelle welt (geworden).

    25.03.2013, 11:40 von impact
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    Toll geschrieben

    23.03.2013, 22:14 von Recklessheart
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    Großartig und anders.
    Die Geschichte an sich trifft mich - mir ist meine Playlist leider... verloren gegangen?! Auf jeden Fall ist er weg.

    23.03.2013, 19:40 von GnutellaO_o
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