Simon89 30.11.-0001, 00:00 Uhr 6 15

Freundschaftsschwund

Wie soziale Netzwerke die intensive, bedingungslose Freundschaft zerstören.



Dass die sozialen Netzwerken fester Bestandteil unseres Alltag sind ist allgemein anerkannt. Fester Bestandteil ist genau genommen untertrieben. Vieles ist in unserem Tagesablauf verankert. Zähne putzen, die Boxer anziehen und die Türe aufschließen hat allerdings eher geringen Einfluss auf unsere Psyche und unsere Entwicklung. Facebook und Co prägen. Sie hinterlassen Spuren, verändern unser Verhalten und vor allem revolutionieren sie die Beziehungskultur.


Um zu verstehen welche Effekte und Gefahren ich hier genau meine, versuche ich erstmal ein Bild einer besten Freundschaft zu skizzieren- was sie ausmacht; quasi die Charakteristika. Klingt im ersten Moment öde, und wie ein „möchtegern“ psychoanalysierender Ansatz, allerdings wird sehr schnell deutlich werden, dass du  dich im Gesagten wiedererkennst, du angesprochen bist und vielleicht auch zum ersten Mal bewusst realisierst, was mit dir geschieht, ohne dass du dich je dafür entschieden hast; vielleicht ist es dir sogar fremd, unangenehm und etwas, was man gerne verdrängt- vielleicht sehe ich die Dinge aber auch zu drastisch.

Freunde sind fürs Leben, beste Freunde sind wohl die treuesten Wegbegleiter, die bedingungslos zu dir stehen, dich unterstützen und vor allem, die dich kennen. Kennen- das ist wohl das Stichwort, das hier ausschlaggebend ist. Laut sozialen Netzwerken kennen wir sehr viele Menschen. Das Kennen, das ich meine bedeutet sich jemandem ohne Maske zu zeigen, sich jemandem anzuvertrauen, Geheimnisse preiszugeben. Jede Offenbarung bringt uns näher, macht uns verwundbarer und vor allem bindet sie. So war es zumindest. Erhöhte Intimität war gleichzusetzen mit Tiefe und Aussage der Freundschaft.

Wir kennen es eigentlich nur aus der Welt der Promis; die Boulevardpresse leistet hier absolute und grenzenlose Aufklärung; und ja, die  meisten von uns wollen es so. Es sollte uns bewusst sein, dass viele dieser Skandale inszeniert sind, genutzt werden um Absatz für Musik, Filme und andere gewinnbringende Geschichten einzutreiben; aber trotzdem wissen wir sehr viel, teilweise intime Details der Biographien einzelner Persönlichkeiten. Geheimnisse mit Menschen zu teilen und somit Vertraulichkeit zu schaffen fällt diesen Personen in der Öffentlichkeit folglich schwerer. Freundschaften, zumindest echte Freundschaften sind hier schwerer zu entwickeln.

Das klingt nach Grund genug, um glücklich zu sein, dieses Schicksal nicht zu teilen; allerdings ist das ein Trugschluss. Wir, die wir doch um einiges freier und uneingeschränkter leben, schaffen uns genau die Atmosphäre, die genau das unmöglich macht. Wir prostituieren uns im Internet; für alle, die es interessiert. Natürlich ist Selbstdarstellung hier das Hauptkriterium. Die Suche nach Aufmerksamkeit, nach Fame, nach Menschen, die sich für uns interessieren. Dabei werden Grenzen oft überschritten- bewusst und teilweise geschmacklos; private Details  werden öffentlich gemacht, jede Gefühlslage zur Diskussion bereit gestellt und fremden Menschen die Lebensgeschichte offenbart.

Fatal ist dabei, dass die meisten Menschen gar nicht bemerken was dabei passiert- sie denken, sie machen sich besonders, quasi zum Gossip; einzelnen mag das auch gelingen, aber die Mehrzahl der Nutzer verursacht nur eines- sie machen sich langweilig, zugänglich für jeden.

Oft genug ist schon debattiert und diskutiert worden, dass das Leben eines Manchen sich nahezu ausschließlich in der Onlinewelt abspielt. Hier gilt eine alt bekannte Weisheit:

Qualität vor Quantität.

Der Krankheitsverlauf einer Grippe ist sicherlich nicht qualitativ einzuschätzen, der sich wöchentlich ändernde Beziehungsstatus ebenso wenig und Liebeserklärungen an den Partner sollten sich nicht an einer Pinnwand befinden.

Ich füge eine andere (weise) Aussage hinzu:

Authentizität ist echt. Ansonsten spiel Second Life.

Mal ehrlich- wer von uns hat in einer Unterhaltung nicht schon mal Sätze verloren oder gehört wie „ ... der ist online sowieso ganz anders.“ Oder ... „ ... das hätte die sich mir gegenüber nie getraut zu sagen.“ Wir verlieren Hemmungen- das gilt wohl mehr oder weniger für jeden von uns.

Aber eine komplett andere Persönlichkeit?

Menschen, flüchtige Bekannte oder die Schulkameradin, der man beim Vorbeigehen manchmal ein Hallo zuwirft, erzählen einem plötzlich Geheimnisse, ohne dass vorher je eine Vertrauensbasis aufgebaut wurde; schon gar nicht eine reale.

Und das ist nur eine Seite der Medaille. Man vertraut sich immer schneller, verkalkuliert sich immer tiefer und verliert sich selbst dabei.

Die andere Seite, die mindestens genau so fatal ist, ist die des Freundschaftsverschleiß. Ein recht eigener Neologismus, einer den wir alle durchleben. Er bezieht sich sowohl auf Freundschaften, als auch auf Beziehungen.

Wir alle kennen das Gefühl der Suche; nach Liebe, nach Nähe, nach Sinn und nach Verständnis; sowohl in Beziehungen, als auch in Freundschaften ist es ein Dauerzustand.

Zuweilen ist diese Suche zu befriedigen; zumindest war sie es. Es ist ein Phänomen der neuen Zeit, der schnellen Zeit, der des Verlebens. Eine Zeit, in der die Suche immer weiter geht, weil sie keine Grenzen kennt, weil uns vorgemacht wird, dass es immer noch etwas Besseres, Größeres gibt, das auf uns wartet- irgendwo.

Irgendwo ist in diesem Fall ein Wort, das Illusionen schafft. Hoffung ist ohne Zweifel ein Hochwertwort und treibt an. Aber nach jeder Trennung zu wissen, irgendwo ist jemand anderes, kann zugespitzt dazu führen, dass wir aufhören uns zu bemühen, schneller aufgeben, Konflikte mit Kompromissen scheuen, stattdessen lieber nach I do it my way leben und abschließen.

Leicht übertrieben, das ist mir bewusst; aber stellt man diese Eigenart in Kontrast zu dem Verhalten unserer Großeltern, die sich quasi auf dem Land, in ihrem Dorf gesucht und gefunden haben, und das auch wegen begrenzter Auswahl, sieht man den Unterschied.

Durch unsere neue Lebensweise, die von uns erfordert mobil und flexibel zu sein, müssen wir ja auch sozial darauf reagieren. Es ist logisch, dass bei häufigem Wechsel der Arbeit oder des Ortes das soziale Umfeld sich mitverändert.

Wir müssen nur darauf achten, dass wir nicht verlernen beste Freundschaften aufzubauen. So etwas kann man nicht mitnehmen und ich denke, man kann es auch nicht an jedem Ort finden.

Es erfordert viel Zeit und Vertrauen und auch sehr viel Wille. Leichtigkeit und Schnelllebigkeit zerstören die intensive Freundschaft, die ja gerade die Aufgabe hat, in einer Zeit, die sich durch eben genannte Charakterista auszeichnet, Halt zu geben.

Es ist also ein Teufelskreis, zumindest, wenn man sich darauf einlässt und die Freundschaft verlebt. Ist dieses Phänomen erst einmal angekommen, wird es so etwas wie ein Merkmal unserer Generation, dann erweitert sich der Teufelskreis; es überträgt sich- wird vorgelebt und internalisiert.

Noch ist nicht jeder infiziert mit dem Virus.

Das wird auch so bleiben, wenn man begreift, dass Freundschaft ein Wert ist, ein Gut- vielleicht das wichtigste und beständigste. Eines wo Effizienzgedanken nichts verloren haben- weder Kontaktdenken und Nutzenanalysen, noch Pro und Contra und Aufrechnen der Freundschaftsleistungen.

Bedingungslos, vertrauensvoll und mit dem Herzen. Klingt wie der Einband eines billigen Kitsch- Romans; aber vielleicht ist so ein Kitsch in einer Freundschaft gar nicht verkehrt. Mit Sicherheit ist eine vom Kopf geführte Bindung nichts, das den Namen Freundschaft würdig wäre und letzten Endes ein zu bedauernder Charakterzug des Erfolgssuchtmenschen.

Lebensabschnittspartner ist ein anerkanntes, uns geläufiges Wort. Lebensabschnittsfreunde noch nicht.

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6 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Zwar kein sonderlich erkenntnisreicher Text, aber für deine jungen Jahre die Thematik schon recht gut beleuchtet.

    04.01.2012, 01:45 von justanotherpicture
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  • 0

    Die Möglichkeiten der neuen Medien verführen. Die Gründe, die du in deinem Text angegeben hast, die gegen die Offenbarung persönlichster Informationen in der medialen Öffentlichkeit sprechen, halten auch mich bisher davon ab soziale Netzwerke wie facebook zu füttern. Man wird inzwischen von einigen Mitmenschen als altmodisch und technisch unfähig angesehen, wenn man nicht jeden Trend mit macht. Das ist mir aber egal. Hoch lebe die Freundschaft aus Fleisch und (Herz-)blut.

    03.01.2012, 10:38 von limpstone
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    Stimmt schon was du schreibst. Habe mich mit meinen 300 Facebook Freunden sofort angesprochen gefühlt und ein schlechtes Gewissen bekommen. Diese Entwicklung lässt sich wohl kaum aufhalten. Trotzdem bin ich mir sicher, dass jeder unter seinen 300 Bekannten zumindest einen richtig guten Freund hat.

    03.01.2012, 00:15 von Kunsti
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    es muß nicht etwas damit zu tun haben, aber vor einiger Zeit ist mir bei ein paar Musikstücken (30 seconds to Mars- Closer to...; Way- Back -Raiders... andere, würde auch Lana del ray dazu zählen) eine Note, eine Stimmung aufgefallen, die ich so bisher in/bei Musik nicht kannte ein ~, schwelgen in unerfülltem Strebem´ (man will wohin, weiß/ahnt man wird nicht hinkommen, schwelgt dabei/daran/damit)

    mir kam es vor, als wäre dies (auch wenns sehr vage ist) ein Zeitgeist, charakteristisch für jetzt

    die Absätze ab "Zuweilen..." erinnerten mich daran

    02.01.2012, 23:10 von Nem
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