Knutschke 21.02.2014, 17:51 Uhr 5 5

Frau Bittner

Ich erinnere mich daran, als ob es gestern war…denn Zeit spielt keine Rolle.

Der kalte Linoleumboden ist mir zuwider. In schützendem Isolierschuhwerk stolziere ich hermesartig hinüber, nachdem ich gerufen wurde. Hier ist alles so kalt, steril. Ich auch, ganz in weiß. Lediglich bakteriell und unsichtbar ist die wirkliche Reghaftigkeit und Einfachheit des Lebens hier - unserer Blicke entzogen. Der Rest arbeitet beflissen gegen den Tod, nicht für das Leben. Wessen Leben sind wir eigentlich gewahr? Hier wird es in die Einfachheit zurück gesandt. Ich taufe dich „Frau Bittner“, denn…nun ja, dieser Name steht auf deiner Akte – hier werde auch ich in die Einfachheit zurück gesandt.

 

Mit einem freundlichen Lächeln betrete ich den Raum, wie immer. Obwohl sich jeder, mich eingeschlossen, fragt, warum ich überhaupt lächle. Mit zittrigem Gliederwerk erhebst du dich und ich spüre, wie unter all dieser wehenden Anstrengung ein weiteres Blatt deinem Geäst entfällt. Ich stütze dich. Dein Zittern geht auf mich über - dein Dasein zwar nicht nachvollziehend, aber erahnend.

 

Mit behutsamer Standfestigkeit lenke ich deine schwache Existenz in den sicheren Sitz. ich führe deinen gebrechlichen Körper mit der Leichtigkeit moderner Mobilität entlang vorgeschriebener Gänge – Pfade deiner Endlichkeit. Du spürst, dass es bald soweit ist, dass du bald ankommst. Du fragst mich nach meiner Jugend und ich vernehme, dass du etwas davon aufsaugen willst. Ein kleines Stück. Dass dir jemand davon erzählt, wie es ist, jung zu sein, da du dich nicht mehr daran erinnern kannst. Selbst, wenn es nur durch die unbeschwerte Gleichgültigkeit gegenüber dem Alter spricht. Doch ich bin gefügig. Bin gerne dein Schwiegersohn, dein potentieller Liebhaber. Gerne habe ich mit dir Sommerabende gemeinsam verbracht. War mit dir Reisen und werde es auch in Zukunft noch tun. Ich leihe dir gerne etwas von mir, das für mich allgegenwertig, für dich aber verlorenes Stückwerk ist. Und so ließ ich einen Teil von mir bei dir und nahm etwas von dir dafür in mir auf. Ich fand, dass es dir einfach gut steht. Und mir steht deine Sehnsucht. Und deine Akzeptanz. Es schien, als wüsstest nur du, was ich habe. Und für einen kurzen Moment schien es, als wüsste nur ich, was du nicht hast.

 

 

Es sind zwei Wochen vergangen. Ich bekam die Meldung. Funkwellen setzen mich über das Ableben deiner Biomasse in Kenntnis, Frau Bittner. Bin ich so etwas wie dein Destruent? Es ist soweit, ich gehe zu dir, jetzt. Am Rand meines Pfades sitzt ein alter Mann mit einer Zeitung, deren mir zugewandte Rückseite das Ableben hunderter Menschen bei einem politisch motivierten Anschlag verkündet. Sie sind mir egal, Frau Bittner. Ich steige in den Fahrstuhl und schicke mich hinauf. Ich komme deinem Himmel ein stückweit näher. Gleichgültig zeigt mir die Schwester den Weg, den ich bereits kenne. Ich betrete das Zimmer, welches vor geraumer Zeit noch mit deinem Atem beseelt war. Ich lächle nicht und jeder, mich eingeschlossen, weiß, wieso. Mit professioneller Zielgenauigkeit taxiere ich deine rudimentären Überreste in Richtung Endstation. Als ich im Fahrstuhl stehe, ich ganz alleine, eine Person, zwei Körper, nehme ich die Decke von deinem Kopf. Du siehst so aus wie zu dem Zeitpunkt, an dem ich dich das letzte Mal gesehen habe, nur leer. Ich hatte gehofft, etwas von dem, was ich dir daließ in deinem Gesicht zu finden, doch es gab nichts. Was gibt es mehr über uns zu sagen, als dass wir leben und irgendwann sterben und all dies vom Wind und Steinen nicht wahrgenommen wird? Mechanisch ziehe ich die Decke wieder über deinen Kopf. Wir sind ganz unten angekommen, wir beide. Ich öffne die Tür der Kammer. Mir wird kalt, als ich dich passgenau in die Ecke stelle. Die Erhebung der Decke steht in keinerlei Proportionalität zu dem Nichts, welches ich in dir gesehen habe. Ich atme tief aus, sodass du von oben vielleicht die Größe meiner Lunge erahnen könntest und schließe dich zusammen mit meinem letzten beseelten Atemzug in die Düsternis ein.


Tags: Tod
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5 Antworten

Kommentare

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  • 1

    letzteres :) das Adjektiv kann aber trotzdem an die zweite Erklärung angeheftet werden :D

    21.02.2014, 18:50 von Knutschke
    • 0

      ;)




      21.02.2014, 18:53 von Tora
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    wunderschön geschrieben!

    Bist du ein gefühlvoller Krankenpfleger oder ist das nur eine Verarbeitung eines schweren Themas während deiner Zivildienst-Karriere?

    21.02.2014, 18:49 von Tora
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