Mrs.McH 09.11.2012, 18:19 Uhr 40 17

forstwege

Eine kurze Geschichte.

Wenn man schläft, ist es egal, wie und wo man liegt. Nur der Schlaf kann Schmerzen ausblenden. Diese Gedanken gingen ihr durch den Kopf, als sie daran dachte, wie und wo sie gerade aufgewacht war.

Genau genommen hatte sie nicht geschlafen, sondern war ohnmächtig gewesen. Ohne Macht über sich selbst. Den Schlaf hatte sie schon immer skeptisch betrachtet, empfand ihn als kleinen Tod, obgleich diese Zeit die einzige war, in der sie schmerzfrei sein konnte. Ohnmächtig zu sein, hatte eine völlig andere Qualität. Ein fieser Vorbote der Endlichkeit, der ungefragt daher kommt. Doch darum ging es nicht. Viel wichtiger und aufschlussreicher war, wo sie aufgewacht war, ob aus Schlaf oder Ohnmacht war irrelevant.

Sie erinnerte sich daran, wie sie viel zu lange Zeit durch den Wald geirrt war. Bisweilen fröhlich spazierend, manchmal eine Melodie dabei pfeifend. Viel öfter aber rannte sie gehetzt oder panisch von einer Lichtung zur nächsten, ohne sich jedoch dabei bewusst zu sein, dass sie rannte. Es kam ihr mehr wie ein Stolpern vor, hier und da knickte sie um, fiel hin, die Hände schmerzhaft in trockene Tannennadeln krallend den Fall abfangend. Tränen, Tränen. So viele Tränen, die sie einfach laufen ließ, jedes aufkeimende Schluchzen sofort unterdrückend. Lautlos weinen war ihre Spezialität. Dann auf die Knie, durchatmen, aufstehen, weiterlaufen. Zweige, die ihr ins Gesicht schlugen. Immer wieder. Sie hasste diese Zweige und brauchte sie zugleich. Am Tag verletzten und demütigten sie sie, doch in der Nacht boten sie ihr Schutz und sogar Wärme.

Wenn es ihr zu viel wurde, begab sie sich auf die ausgetretenen, holprigen Pfade der Wanderer und folgte ihnen eine Weile. Monotones Hinterhergelaufe. Doch nur solange, bis ihre tiefsten Wunden aufgehört hatten zu nässen und das Salz ihrer Tränen nicht mehr brannte. Sie fühlte sich dort nicht wohl und die Fußstapfen der anderen passten ihr nicht. Es machte keinen Sinn die endgültige Heilung abzuwarten, wusste sie doch, dass sie zurück musste in den Wald ohne vorgegebene Wege und Spuren. Sich durchzuschlagen war ihr Schicksal. So dachte sie lange Zeit. Bis sie ihn plötzlich fand.

Sie hatte ihn nicht sofort als das erkannt, was er war. Er wirkte zunächst wie ein normaler Wanderweg, der ihr wie üblich ein wenig Entspannung verschaffte.  Erst nach und nach, als sie bereits einige Zeit auf ihm gegangen war, bemerkte sie den Unterschied. Der Weg war befestigt und alles andere als zufällig durch das Betreten tausender eifriger Wanderfüße entstanden. Sie befand sich auf einem Forstweg. Sie stellte fest, dass es sich plötzlich viel leichter laufen ließ, sie brauchte nicht mehr darauf zu achten, ob etwas sie zu Fall bringen oder verletzen könnte, denn der Weg war geradlinig und eben, von kluger Hand geplant und ausgerichtet. Er war großzügig angelegt, hielt sie in der Spur und gab ihr gleichzeitig dennnoch ausreichend Raum sich zu entfalten. Er bot ihr Möglichkeiten, Aus- und Durchwege, ohne dafür einen Wegzoll zu verlangen.

Der Augenblick als ihr dies bewusst wurde, muss der Moment gewesen sein, als sie ohnmächtig wurde. Wahrscheinlich eine Art Selbstschutzreaktion, denn wie sie sich kannte, wäre sie andernfalls  sofort losgerannt, hin und her immer wieder, voller Euphorie darüber, dass sie ihn gefunden hatte, nicht ahnend, dass sie ihn überhaupt gesucht hatte.

Sie wurde wach, weil ihr ein kleines Steinchen in die Wange pikste und offenbar ihre Helix in Mitleidenschaft gezogen worden war. Ihr Kopf ruhte schwer auf ihrer umgeknickten Ohrmuschel und es war sehr unangenehm mit diesem Schmerz zu Bewusstsein zu kommen. Sie richtete sich auf und sah sich verwirrt um. Als sie erkannte, wo sie war, legte sich augenblicklich eine unglaubliche Ruhe über ihr aufgewühltes Ich und sie bemerkte erstaunt, dass der Schmerz bereits am Abklingen war.

Langsam begriff sie, wie lange sie sich unnötig selbst gegeißelt hatte, indem sie immer wieder zurück in den Wald gegangen war. Sie verstand, wieso ihr die von anderen bereiteten Pfade nicht hatten helfen können. Sie waren lieblos angelegt worden, um Ziele zu erreichen, die nicht ihre waren, sie waren nicht für sie bestimmt gewesen.

Die Folgen ihres Sturzes in die Ohnmacht würden sie noch eine Weile begleiten. Doch sie wusste, dass diese Abschürfungen vorerst die letzten Verletzungen sein würden, die sie zu ertragen hatte. Sie würde auf dem Forstweg bleiben, ihm folgen und vertrauen. Endlich vertrauen in sich selbst.

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40 Antworten

Kommentare

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  • 0

    ich war zuerst skeptisch, wo das hinführen sollte, bin aber froph, weitergelesen zu haben. gut umgesetzt die schöne idee.

    15.11.2012, 20:32 von verpixelt
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  • 1

    Ein schöner Text!! Ich verstehe nur den Teil noch nicht ganz "wäre sie andernfalls 
    sofort losgerannt, hin und her immer wieder, voller Euphorie darüber,
    dass sie ihn gefunden hatte", wäre sie dabei vom Weg abgekommen und hätte ihn womöglich nicht wieder gefunden, oder was wäre schlimm daran gewesen?!
     

    12.11.2012, 19:24 von Buttercup12
    • 0

      Typischer Fall von Betriebsblindheit beim Schreiben :)
      Was Du schriebst wäre eine Möglichkeit, ich meinte jedoch eher, dass sie schon genug gerannt ist und es besser für sie war, zur Ruhe zu kommen. Ihr Körper hat sie quasi vor sich selbst geschützt. Ist das irgendwie verständlich?
      Vielen Dank für Dein Herz + Feedback, freut mich sehr!

      12.11.2012, 23:20 von Mrs.McH
    • 0

      Ja, jetzt verstehe ich!! Danke für die Erklärung!! :)

      13.11.2012, 09:18 von Buttercup12
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  • 3

    ...und doch wird es immer wieder Irrwege geben, sonst wäre das Leben nicht Leben, verdammich. Aber solange einem bewusst ist und bleibt, dass man nur dieses eine Leben hat - übersteht man auch die dämlichsten, schmerzvollsten Verirrungen und findet bestenfalls wieder zurück. Zu sich selbst. ^^

    11.11.2012, 13:56 von derHalbstarke
    • 0

      Dem ist nichts hinzu zufügen, ich danke Dir!

      11.11.2012, 14:02 von Mrs.McH
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  • 1

    Nach langer Suche und schmerzvollen Irrwegen durch's Unterholz, endlich angekommen zu sein, das lese ich aus diesen etwas "rätselhaften", wohldurchdachten Zeilen. Auch interpretiere ich den Forstweg, als Symbol für einen guten Menschen, der einem den Weg bereitet. Den Lebensweg gut begehbar macht.


    "denn der Weg war geradlinig und eben, von kluger Hand geplant und ausgerichtet. Er war großzügig angelegt, hielt sie in der Spur und gab ihr gleichzeitig dennnoch ausreichend Raum sich zu entfalten."

    11.11.2012, 10:18 von Jackie_Grey
    • 1

      100% richtig :) Ich danke Dir!

      11.11.2012, 10:22 von Mrs.McH
    • 0

      Sehr gern! Das freut mich nun wirklich sehr, dass ich "richtig" lesen konnte :D

      11.11.2012, 10:24 von Jackie_Grey
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  • 2

    Oh wie schnell verfalle ich in Ohnmacht, wandere ich auf abwegigen Pfaden, die nicht meine sind ...immer wieder schwer dies zu erkennen.
    Also ich muss noch einmal sagen, dass ich ja wundervoll finde, wie du schreibst. Ich bewundere, dass du "dich" und den "roten Faden" in der Geschichte nicht verlierst, mannomann. Sie ist nämlich wieder einmal schön differenziert eben so richtig Mrs,-mäßig! Ist vielleicht etwas öde, dass ich nicht mehr anbringen kann, aber so empfinde ich es.

    11.11.2012, 09:06 von Sultanine
    • 1

      Gar nicht öde, ich bin sehr happy, dass es rüberkommt, was ich ausdrücken möchte. Vielen Dank!

      11.11.2012, 09:10 von Mrs.McH
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  • 1

    Den Schmerz der umgeknickten Ohrmuschel konnte ich mir gut vorstellen.

    09.11.2012, 19:42 von Tanea
    • 0

      Ist auch echt fies! :)

      09.11.2012, 21:39 von Mrs.McH
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  • 1

    Das ist ein so schön gesponnener Text, da will ich nicht ABER schreiben.


    Du beschreibst den Schlaf und die Ohnmacht oben sehr gut. Doch unten finde ich keine Beschreibung als Begründung für die Ohnmacht, wo sie doch ihren Weg gefunden hat und ihr Adrenalinspiegel keine Ohnmacht verursachen kann. Oder war sie davon so überwältigt?


    Andererseits lässt der Text so viel Gedankenspielraum zu, dass ein Begründung und weitere Beschreibung nicht nötig ist.


    Ach was Mrs. , das ist einfach ein verdammt guter Text geworden!!! und Punkt 

    09.11.2012, 19:39 von jetsam
    • 1

      Herzlichen Dank, es freut mich besonders, da mir der Text sehr am Herzen lag. Die Begründung für die Ohnmacht ist im Text "Wahrscheinlich eine Art Selbstschutzreaktion". Ich habe es mir so vorgestellt, dass eine Erkenntnis oft schmerzhaft ist und es manchmal zuerst nocheinmal schlimmer wird, bevor es besser wird. Dass sie davon überwältigt war trifft es daher ganz gut.

      09.11.2012, 21:39 von Mrs.McH
    • 0

      Hast Recht. Ich sollte mal wieder auf meine Insel fahren. Kannst du jetzt nicht verstehen, aber ich könnte ich dort nachvollziehen. ;)  

      09.11.2012, 21:51 von jetsam
    • 0

      Ich-bin-eine-Insel... war mal ein Username von mir in einem anderen Forum... ;-)

      09.11.2012, 21:54 von Mrs.McH
    • 0

      Und ich habe eine Insel, wo mir Kilometerweit kein Mensch begegnet. ;) bin nur viel zu selten dort :(

      09.11.2012, 21:58 von jetsam
    • 0

      Ich habe auf einer Insel DEN Vetrag unterschrieben :) Aufm Leuchtturm.

      09.11.2012, 22:00 von Mrs.McH
    • 0

      Auf einen Förderturm hätte ich dir organisieren können :D

      09.11.2012, 22:05 von jetsam
    • 0

      Ölplattform? Oder wie heißt das... BOHRINSEL?

      09.11.2012, 22:08 von Mrs.McH
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  • 3

    Ja, ich will. :)

    09.11.2012, 19:05 von forst
    • 1

      so?

      09.11.2012, 21:31 von Mrs.McH
    • 1

      Werd ich ja fast neidisch. ;)

      11.11.2012, 17:49 von Danny0511
    • 0

      Für dich is immer Platz Danny!

      11.11.2012, 17:51 von forst
    • 0

      öhm... ja, natürlich!! *grübel*
      (forst: ins Besprechungszimmer! aber ZZ!)

      11.11.2012, 17:53 von Mrs.McH
    • 0

      Nen Dreier? Uuuhh... hat ich lange nicht. :D Nein Mrs. ich bin nicht betrunken. ;)


      11.11.2012, 17:54 von Danny0511
    • 0

      Aber ICH glaube werde mich jetzt bei dieser Vorstellung ins Delirum... schreiben ;-)
      Ach Danny, bitte mehr Details. Aus Recherchegründen.

      11.11.2012, 17:56 von Mrs.McH
    • 0

      Oh Yes! Hat da jemand am Zucker geschleckt? :)

      11.11.2012, 18:01 von Danny0511
    • 0

      mir fallen jetzt nur Antworten ein, die meinen Ruf vollends zunichte machen würden...

      11.11.2012, 18:02 von Mrs.McH
    • 1

      Dann wären wir ja schon zwei. Gibt bestimmt den/die ein/eine oder anderen/andere, welche unsere Inteamgespräche schon vermisst und lange vermisst haben. Das Feuer erlischt, also lass uns Holz nachlegen. Sorry Forst... das Holz muss seine Aufgabe haben. :)

      11.11.2012, 18:06 von Danny0511
    • 0

      Mein Feuer erlischt niemalsnie, ich bin nicht so eine, sondern voll die treue Seele. Du könntest nochmal ein Foto vom letzten Strandnachmittag posten.

      11.11.2012, 18:12 von Mrs.McH
    • 0

      Hast du dich am letzten schon satt gesehen? :)

      11.11.2012, 18:16 von Danny0511
    • 0

      "Schon" ist gut. Ich bin doch mehr so der Typ unersättlich, da hält 1 (EIN) Bild net lange vor. Also wirklich...

      11.11.2012, 18:32 von Mrs.McH
    • 0

      Ich fühl mich unter Druck gesetzt, so geht das wirklich nicht. So wird das nichts, ich brauch eine Pause. :D:D:D:D

      11.11.2012, 18:38 von Danny0511
    • 0

      tja...

      11.11.2012, 18:42 von Mrs.McH
    • 0

      I know <3 :-P

      11.11.2012, 18:44 von Danny0511
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