ssanni 30.04.2006, 22:20 Uhr 11 3

Film, Fiktion und kein happy End

Im Film ist alles immer ganz leicht. Was aber, wenn der Anspruch ans eigene Leben dem nicht standhält? Wo bleibt der persönliche Drehbuchschreiber?

Dieses Schweigen. Dein Blick, unsicher, rastlos. Kein Wort von Dir. Deine blauen Augen sagen soviel, aber dein Mund bleibt still. Es zermürbt mich, dieses Schweigen. Deine Unsicherheit lastet auf mir. Macht mich unfähig, dem etwas entgegenzusetzen.

Dein Zimmer ist unaufgeräumt wie immer. Kleidung liegt herum, eine Schachtel Ferrero Küsschen – halb leer – steht auf die Schreibtisch, daneben die leere Flasche Wein, die wir gestern nacht getrunken haben. Der Fernseher läuft, wie immer. Irgendein Film. Einer der zahllosen, die Du siehst. Ablenkung. Ablenkung und Verdrängung – ja, darin bist Du meisterlich. Mit Filmen kennst Du Dich aus. Namen von Schauspielern, deren Lebensläufe – das Lexikon dazu bist du. Fremde Szenen aus Kinofilmen werden zu den deinen. Sie machen Dich handlungsunfähig. Die Berieselung ist ja auch einfacher – nicht wahr?

Ich seufze. - Registrierst Du es überhaupt? Nein. Du liegst neben mir, halbnackt. Deine Augen haben sich von mir abgewandt, blicken nun geradeaus in die Bildröhre. Robert de Niro sagt gerade die üblichen gestylten Sätze. Ist ja auch einfach, er hat ein Drehbuch. Zu schade, dass Du nicht an deinem arbeiten magst.

Ich mustere Dich von der Seite. Zärtlichkeit und Hilflosigkeit überrollen mich, vermischen sich. Wie Du so daliegst, den rechten Arm wie zur Abwehr zurechtgelegt, die Bettdecke zurückgeschlagen, so dass ich sehen kann, wie sich deine Bauchdecke beim atmen hebt und senkt. Ein wundervoller Bauch, nebenbei bemerkt. Du hast neben den Filmen noch genug Zeit zu schwimmen und trainierst außerdem. Der schönste Körper, der je neben mir geruht hat, schweißnass auf mir lag und Ekstase mit mir teilte... Der erregendste Geruch, der je meine Nase kitzelte. Soviele Küsse, die mich fast wahnsinnig machten, dein so zärtlicher Mund – und doch, Du bliebst mir so seltsam fremd. Allein dieser Moment, in dem ich nur deinen Geruch atmend deine Nähe auskoste macht mich fast irre.

Ich liebe Dich so sehr. Es schmerzt mich so, dich nah zu wissen und gleichzeitig unerreichbar. Sprich doch mit mir, verdammt! Dein Blick hat soviel Gefühl, warum findest Du keine Worte? Warum scheine ich so an Dir abzuprallen? Sind sie nicht kinofilmtauglich genug, um für dich mehr als eine Nebenhandlung auszumachen? Kann ich denn keine Hauptrolle in deinem Leben haben?

Robert de Niro hat seinen Monolog beendet. Du schaust noch immer wie gebannt zum TV.
Natürlich, auch wenn der Film gleich zuende ist – der nächste kommt –bestimmt.

Mich fröstelt. Langsam stehe ich auf, gehe durch dein zu kleines Zimmer und öffne meinen Koffer. Kleide mich langsam, fast bedächtig an. Meine Jeans muss ich erst suchen. Im Gefecht der letzten Nacht ist sie neben dem Sessel gelandet, unter einer Menge anderer Sachen. Deiner Sachen. Ich ziehe sie darunter hervor und registriere selbst an ihr deinen Geruch. Die Socken bleiben verschollen, ich gebe die Suche auf – macht in dem Halbdunkel deines Raumes wenig Sinn. Nur das Geflacker des Fernsehers und die kleine Bettlampe spenden etwas Licht. Du rührst Dich noch immer nicht, liegst in derselben Pose da und starrst in die Bildröhre. Selbige zeigt gerade, wie ein paar böse Jungs vermöbelt werden –natürlich von den Guten - die mit den coolen Sprüchen. Von Robert de Niro ist nichts zu sehen.

Ich fische neue Socken aus meinen Koffer und dazu den hellen Pulli, den Du so magst. Das Ankleiden ist geschafft, jetzt naht der schwerere Part. Das Gehen.

Es schnürt mir das Herz ab. Ich will nicht fort von dir und doch – ich muss. Ich sehe zu Dir hinüber, suche Deinen Blick. Du wendest den Blick vom Fernseher ab, schaust mich an. Bis ins Mark trifft mich das Blau deiner Augen.

„Du musst los?“ fragst Du. « Ja.» sage ich. „Ich muss gehen.“ – „Na denn. Warte, ich bring Dich noch zum Bahnhof.“ – „Nein, lass. Bleib ruhig liegen.“ Ein letzter Kuss. Nun stehst Du doch auf, packst Du mich und hebst mich hoch – über deinen Kopf. Ich berühre fast die Decke. Das machst Du immer - immer dann, wenn ich gedanklich schon fast fort bin, kommt eine solche Aktion, die mich aus dem Grübeln reißt und zum Lachen bringt. Ein letztes Mal.

Du lachst, küsst mich – noch einmal. Dann kehrst Du zurück ins Bett, den Arm wie zum Schutz angewickelt, wie immer. Dein Blick geradeaus. Der Abspann läuft, der Film ist zuende. Nicht schlimm. Der nächste fängt sicher gleich an.

In deiner Welt habe ich keinen Platz. In deinem Film gibt es zwar eine Hauptrolle zu besetzen, aber die wird nicht die meine sein.

Als die Tür ins Schloss fällt, laufen die Tränen. Ich gehe die Treppen hinunter, im Gepäck die Erinnerung an deinen letzten Kuss. Ich dreh mich nicht noch einmal um. Nur kurz durchzuckt mich die Frage: wo bleibt mein Happy End?

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11 Antworten

Kommentare

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    der Text regt einen zum Nachdenken an.

    Gruß

    10.02.2008, 14:09 von Lew
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    Ist jetzt zwar schon etwas her, aber ich wollte Dir nur sagen: DeinText gefällt mir echt gut, weil er berührt und mitnimmt. Hoffe, dass es Dir jetzt besser geht und Du die richtige Entscheidung getroffen hast. Manchmal muss man wohl loslassen, um glücklich zu werden ... auch wenn es bestimmt verdammt schwer fällt. Liebe kann schon sehr wehtun ... Alles Gute weiterhin und nochmal ein großes Kompliment für den gut geschriebenen Artikel. LG, Caro

    10.08.2006, 13:28 von luka21
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      @luka21
      .. hab deinen Comment erst jetzt gesehen - da sieht man mal, wie nützlich bisweilen die Erinnerungshilfen von Neon so sind.

      Loslassen ist ein gutes Stichwort. Es fällt schwer, diesen Schritt zu tun, aber: ohne sich an etwas zu klammern, hat man beide Hände frei und es ist erstaunlich, wieviel mehr man dann in selbige schließen kann - ohne es festzuhalten. Auch eine Art Glück. Kurz: man bekommt soviel mehr, wenn man die Leine der Erwartungshaltung aufgibt.

      14.11.2006, 19:32 von ssanni
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    Zunächst mal was zum anfang: "Wo bleibt der persönliche Drehbuchschreiber"...tja, den gibts nicht..man selbst schreibt sein eigenes Drehbuch des Lebens...dass man dabei nicht immer das richtige schreibt, ist abzusehen...

    was den rest des textes angeht..tja..ein toller körper macht nunmal allein keinen guten partner aus...das werde ich an manchen frauen nie verstehen...wieso wird auch in deinem text wieder viel von der körperlichen seite geschrieben?....was nutzt der schönste körper, wenn der geist und die emotionen die ihn bewohnen keine reaktion zeigen?

    "dein blick hat so viel gefühl, warum findest du keine worte"...ein weiteres problem...ein männerproblem....ich denke vielen männern fehlt es schwer emotionale zuneigung oder aussagen dem gegenüber zu sagen..ich kenne das selbst...ich kann die schönsten songtexte schreiben, aber krieg sonst die klappe nicht auf...

    insgesam gefällt mir der text sehr..ist gut geschrieben und leider traurig, aber hier sieht man einfach, dass man, was liebe angeht, vielleicht nicht zu viel erwarten sollte, sonst wird man schnell enttäuscht...

    13.05.2006, 13:38 von Bleak
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    Dein Happy End kommt in der Fortsetzung...in diesem Teil war ER der Held und sein Happy End ist, dass du endlich gegangen bist und er den nächsten Film in Ruhe sehen kann ohne von einer stummen Pessimistin unentwegt gemustert zu werden....

    11.05.2006, 16:45 von mud_brain
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    schnapp dir die Fernbedienung, mach den Fernseher aus und rede mit ihm !!!

    Fast noch schlimmer als dieses ständige Fernsehen deines Freundes ist das apathische Danebenliegen von dir .....

    11.05.2006, 16:27 von Composer
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    vielen dank für diesen wundervolle text... habe mich leider sehr darin wiedergefunden- allerdings in der position deines cineasten.
    ... es tut weh zu lesen, was dieses verhalten beim anderen bewirkt

    11.05.2006, 15:14 von demstoll
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    eigentlich bin ich doch eher von der hardgesottenen sort und lass mich nicht von texten beeinflusst, aber dieser hier ... ach du schande war das heftig ... was für ein gefühl in der magengegend. und wenn man sich dann noch vom verhalten ein bisschen wiedererkennt, und das nicht im autor. ganz grosses kino!

    10.05.2006, 23:01 von TheFhainer
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    Fühl dich in den Arm genommen, kleine Sanni, habe eine Menge Respekt vor deinen Schattensprüngen. Meine Meinung dazu kennst ja inzwischen zu genüge. Es tut weh, und es wird auch noch eine ganze Weile weh tun... aber eines Tages liegst du neben jemandem, der seinen Arm nicht anwinkelt, und der nicht den Fernseher, sondern deine Augen anschaut, dann wirst du an diesen Moment zurückdenken, und stolz auf dich sein, dass du diesen Schritt gegangen bist. Er hat dich einfach nicht verdient...

    Sehr gut geschriebener Artikel, bin stark gerührt. Mag die Filmmetaphern...

    10.05.2006, 18:01 von CitizenErased
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    Eine beschissene Situation, du weißt gar nicht, wie sehr ich dich verstehe...ich wünschte ich wäre so konsequent...

    Hast es wundervoll getroffen...

    10.05.2006, 16:17 von Prinzessin_der_Nacht
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    Ich sitze hier vor dem Computer und heul. Der Text hätte von mir sein können. Danke ich seh jetzt alles ein bisschen klarer, werde aber nichts unternehmen, weil ich nicht kann.
    Lg 13

    10.05.2006, 14:30 von ichliebedie13
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