Helmut 10.08.2006, 16:27 Uhr 0 1

Festival selbstgemacht

Wie alles anfängt, welche Steine sich auftürmen können, neue Verhaltensweisen von Freunden und das ständige Thema Nummer 1 - DER HEADLINER.

Nachtclub in angesagter Großstadt, schrammelige Live-Band - 3 Männer um die 30 lehnen an der Bar und geben sich bereits schon zum 100stenmal ihren Rock´n Roll-Träumen hin. 6,5 Bier machen das Philosophieren schillernd. Für vergangene Heldentaten, damals beim Hurrican oder wisst ihr noch beim Highfield, werden sich die Schultern geklopft. Denn am liebsten feiert man sich ja immer noch selbst. Schwere Rock´n Roll Gesten Luftgitarre, Kniefallbass und natürlich Trocken-Stage-Diving sind zu beobachten. Dann eine neue Bierrunde und … ein gewichtiger Händeschlag. Was wäre das Größte? – Natürlich! Ein eigenes Festival! Der Vertrag ist gemacht. Es gibt kein zurück mehr! Ein Handschlag am Tresen ist ja so etwas wie ne Heiratsurkunde – „Erstmal - für immer“.

3einhalb Treffen später gibt es 5 weitere Mitstreiter, ein wirklich passendes Gelände und einen unverwechselbaren Namen.
Erste Bandzusagen sind gemacht – richtige Kracher! Unfassbar! Die spielen bei Uns! Gefragt, gebucht und alles ist klar!
Mit der eigenen Homepage ist dann alles so richtig offiziell. Schnell sind die ersten Bandzusagen gemacht. Band-Bewerbung rollen fast lawinenartig ein. Unwirkliches kommt per mp3 Files ans Tageslicht. Von der 3 Mann Combo mit dem aufregenden Namen „Rock Abenteuer“, Altersdurchschnitt 48 und Spielpraxis im Rathauskeller von Bux… bis hin zum „interkulturellen Projekt, das aus professionellen bzw. semiprofessionellen Musikern besteht und abwechselungsreiche Musik“ im Programm hat, ist alles zu haben. An dieser Stelle wirklich ernst gemeint: „Werte Rockbands, keine Band ist ungeeignet! Nur unser Profil ist ziemlich eng gesteckt. Daher nicht böse sein! Stay tuned.“

In komplett unergründetes Terrain begibt man sich, wenn es um die Veranstaltungs- und Geländezulassung geht – Herzlich Willkommen beim Bundesdeutschen Behördenmarathon! - Gehen Sie nicht direkt, sondern wählen Sie den Umweg! -. Ob der Gesandte vom Ordnungsamt, dem Bauamt, dem Straßenverkehrsamt, der Polizei, der Feuerwehr, dem Immissionsschutz oder dem Umweltamt, jeder wird zu deinem neuen besten Freund. Einsichtiges Kopfnicken, kräftige (wir machen das auf jeden Fall so) Handschläge werden verteilt und immer dieses Bangen - hoffentlich wird alles gut.

Wer glaubt potenzielle Sponsoren sind so wie Bands, auch ganz schnell dabei - der irrt gewaltig. Sponsorenansprache kostet Zeit und jede Menge Geduld: anrufen, richtigen Ansprechpartner ermitteln, verbinden lassen, auf Mailbox sprechen, 3 Tage später noch mal anrufen. Ok. Erreicht! Kurz durchsprechen, Konzept zu schicken, 1,5 Wochen Bearbeitungszeit geben, nachtelefonieren und dann … Endlich! Termin in einer Woche! Bei 153 möglichen Sponsoren macht das kumuliert und durch die Gesamtanzahl geteilt summa summarum durchschnittlich 4,28 Wochen bis zum ersten Blickkontakt mit der Spezies Regionalvertreter des Produktes XY. Danach im Glücksfall: ... Herzlichen Glückwunsch! Wir gratulieren zu 3 Flaschen „Castro in Freiheit“!
Meine absoluten Lieblingssätze jedoch lauten: „Prinzipiell sind die Kontingente für dieses Jahr bereits vergeben. Im nächsten Jahr werden wir Sie auf jeden Fall berücksichtigen. Kommen Sie doch dann einfach noch mal auf uns zu!“ - „Neeeiiin! - Jetzt!, - jetzt!- , - jetzt!-

Ein-Team-Sein bedeutet: Wir-Gefühl! – Einigkeit! – Hand in Hand! – You never walk alone! – Lass mich Dein ... na ja ok. Reicht ja auch an dieser Stelle. Jedenfalls lässt sich, das sonst in allen Punkten so eingeschworene Festival-Organisationsteam mit nur zwei Stichworten komplett in Stücke zerreißen. Ungelogen! Ich sag´s ganz leise: “ PLAKAT-LAYOUT“ und „LOGO“. Da trifft introvertierter Grafiker auf leibundseele Rocker, sommer-stimmungs-verliebte Halbkreative auf ehemaligen Undercover-Metaler und Farbassoziationskünstler (Beispiel Rot=zu Partei mäßig, hellblau= gewerkschaftsmäßig usw.) auf Egal-Hauptsache-Groß-Typen. Die Folge: 47 Logo Entwürfe und leicht beleidigte Verhaltensweisen. ABER ES KANN DOCH NUR EIN LOGO GEBEN!!!
„Liebe Gruppe! Bitte nicht mehr traurig sein. Wir machen ne Ausstellung, ne Collage für die Bahnhofspassagen, ne Bildecke für den Schaukasten – das wird echt dufte. Alle Logos bekommen ihr Publikum. Versprochen!“

Richtig Aufregung im Team gab es, als das Bandbooking „Ähm, was going international“. Bands aus Dänemark, England ja sogar aus Italien und Ungarn erreichten uns. „Really!, Great!, That´s a good deal!“ Ach und wer macht jetzt gleich noch mal die Vorort-Betreuung? Beim Thema Bandbooking, Line up oder Running Order sei kurz bemerkt, dass Festivalvokabeln dieser Art und auch speziell technische Begriffe wie Wedge, Brummschleife oder Abkürzung wie P.A.Wings, FOH, CEE stets von einem Organisationsmitglied in Form eines allgemein verständlichen Wörterbuches zusammengehalten werden sollten, damit auch jeder mitreden kann.

Letztendlich scheint das jedoch das größte Problem eines Festivals DER HEADLINER zu sein. Der Oberkracher, der Bringer. Am Headliner wird ständig gearbeitet. Denn man will ja ein Festival mit nem messerscharfen Profil, mit nem hammerharten Style und nen echten Zieher! – Aber im Ernst wir sind dran und das ganz groß, an was ganz Großem. Ich sag nur: Mega bekannt, Richtig Rock´n Roll und ne echte Sensation.

Ich weiß jetzt, was "Festival machen" heißt (oder zumindest was "Festival vorbereiten" heißt): Locker bleiben! Kosten vergessen! Rock´n Roll leben!

In knapp 4 Wochen ist es soweit. Falls es schief gehen sollte - das erste selbstgemachte Festival -, dann denk´ ich einfach an den Club, die 6,5 Bier, das Schulterklopfen und an das nächste Festival - das wird dann auf jeden Fall noch cooler!

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