herz.ist.trumpf. 26.11.2012, 22:17 Uhr 55 169

Fallsucht

Deine Ohren werden schmerzen von den lauten Klängen der Welt. Es ist die schönste Musik im Universum, das verspreche ich dir.

Vor 22 Nächten wachte ich auf und lief zum Kühlschrank. Alles war schwarz, die Nacht begrüßte mich mit ihrer zeitweiligen Eigenart, Dinge ihrer Farbe zu berauben. Der Holzboden knarrte, er war lauwarm, geschuldet der Hitze des vorangegangenen Tages. Es ist ein altes Haus, man entschuldigt viel. Der Kühlschrank stand in der hintersten Ecke des Raums, ich kam von links und ging die Schritte, die verlangt wurden, um die Kühlschranktür zu öffnen. Die weiße Farbe des Geräts leuchtete wie der Mond, wenn er einen bitteren Tag hat, eher weiß als gelblich.

Ich öffnete die Kühlschranktür. Neben Pauls Joghurt, den ich seit dem Vorfall noch nicht aussortiert hatte, stand die Milch. Ich mag Milch, sie erinnert mich an Dinge, wie zum Beispiel an Pauls Vorliebe für Kakao, und sie schmeckt. Langsam goss ich die weiße Flüssigkeit in ein Glas, sehr darauf bedacht, nichts zu verschütten. Das Glas wog mehr, als ein Glas Milch wiegen sollte, dachte ich noch, und ließ es fallen. Dann spürte ich die kalte Substanz zwischen meinen Zehen, unter meinen Fußsohlen und reinigte die Holzdielen erst, als die Milch längst getrocknet war.

Die nachfolgenden Tage ließ ich ständig Gegenstände zu Boden fallen. Mir wurde gesagt, es läge an meiner unkonzentrierten und sprunghaften Art und ich müsste mich dazu ermahnen, meine Motorik besser zu kontrollieren, jeder hätte Verständnis für meine Situation. Für mich war alles fragmentarisch, wie nicht zu Ende gesprochene Sätze. Ja, zu dieser Zeit hatte ich ein Problem mit Enden. Enden, die nicht ruhen. Wie der erste Herbstregen, den man noch gar nicht ernst nimmt. Nach einem langen, prächtigen Sommer.

Das erste Mal, dass ich was fallen ließ seit dem Glas Milch, war im Supermarkt. Ich suchte gefrorene Heidelbeeren, wollte neues Obst ausprobieren, denn ich konnte keine Äpfel mehr essen, ohne mich zu erbrechen. Der Donner legte sich gerade über die Straße und der Markt war noch sieben Minuten lang geöffnet. Ich wusste, dass das Personal das nicht so genau nimmt, und nahm mir Zeit. Gerade las ich mir die Herstellerinformationen durch, da glitt mir die Plastikverpackung der Beeren durch die Hände und zerplatze auf den harten Steinfliesen. Überall zerstreut sprangen blaue Punkte. Ich verließ den Laden, ohne mich umzudrehen.

Wieder auf der Straße wählte ich Pauls Nummer. Dann fiel es mir wieder ein. Ich legte auf und warf das Handy soweit ich konnte durch den Wind.
Paul fühlte meine Stimmung oft durch die Leitung des Telefons und war immer schnell da. Er war auch da, wenn man an schlechten Tagen keine Zweisamkeit bevorzugte, und das war wichtig. Paul entsprach nicht meinem Bild von einem Stein. Ich meine Stein, denn ich denke an Fels in der Brandung. Was ich sagen will: Er besaß immer eine andere Struktur. Paul war sanft und stabil.

Er war älter als ich, 42 Tage. Das entspricht sechs Wochen. Das war aber nicht entscheidend. Was entscheidend war, war, dass man es sofort bemerkte. Das er älter sein musste. Er führte sich so auf und das meine ich nicht wertend.

Immer wenn es mir nicht gut ging, kam Paul und brachte Bier und Äpfel. Ständig sagte er, dass man im Leben nicht mehr braucht, als Bier und Äpfel und ein wenig Wind. Wenn er dann meine Wohnung verließ, fand ich oft eine Notiz von ihm. Er hinterließ gerne Spuren. Es waren kleine Gedankenstützen wie „Bring den Müll raus und vergiss nicht, deine Mutter anzurufen“. Zu besonderen Anlässen bekam man von Paul immer einen Brief. Das, was er zu sagen hatte, empfand er als wesentlich.

Das nächste Mal, dass ich was fallen ließ, war in der Bibliothek. Ich war auf der Suche nach Büchern um mich abzulenken. Fünf lagen übereinandergestapelt in meinen Händen, schon übergab ich sie feierlich dem Boden. Ich entschuldigte mich bei der Bibliothekarin, berief mich auf die Schwerkraft und das verstand sie, da konnte sie nichts sagen. Schwerkraft ist Schwerkraft und niemand traut sich, diese infrage zu stellen.

Ich setzte mich dann in ein Café und las. Ich hätte gerne gesagt, dass ich viel lese, aber das stimmt nicht. Paul sagte immer, lesen kommt von selbst. Man macht es, oder eben nicht, es sei wie Sport treiben. Ich trieb keinen Sport. Ich versuchte es einige Male nach dem Vorfall, um meine Gedanken zu vertreiben. Dann entschied ich mich zu schwimmen. Zum einen, weil ich las, das Wassersport jede Muskelgruppe in Anspruch nimmt und zum anderen, weil ich es mochte, wie es in Badeanstalten riecht. Nach Chlor und anderen Menschen. Ich fragte mich dann immer, welche Menschen dieses Wasser schon berührten und ob ich diese Menschen vielleicht von woanders her kannte. Ob dieses eine Mädchen aus meinem Kunstseminar vielleicht hier war. Und welche Farbe ihr Badeanzug trug.

Allgemein empfand ich diese Wochen als Auftakt. Für was genau weiß ich nicht, doch ich spürte, dass das Wetter wilder wurde und mir das Atmen zunehmend schwerer viel. Der Sommer war vorbei und es würde nun mehr regnen, dessen war ich mir bewusst. Dann bemerkte ich den ganzen Staub, der in der Luft lag. Es war wie ein Flimmern. Mir wurde auf einmal klar, was ich überhaupt atmete. All diese Dinge waren da. Ich bildete mich neu. Es war nicht so, dass ich dies beabsichtigt hätte. Es war kein vorsätzlicher Prozess. Es war da und begleitete mich wie ein Schatten.

Paul und ich kannten uns sechs Jahre. Wir stritten damals um dasselbe Mädchen. Danach tranken wir Bier. Er hatte einen Apfel, wir teilten. Später sagte er mir, dass das Teilen eines Apfels sein freundschaftliches Ritual war. Er sagte oft, Teilen würde uns irgendwann im inneren zusammenreißen und ich glaubte ihm. Die Wochen darauf waren wild und hemmungslos, immer bedacht und voll mit Momenten, die mich wachsen ließen und meinen Charakter bildeten. Mit ihm wurde ich erwachsen. Ein Mann.

Vor 30 Tagen schloss ich meine Wohnungstür auf. Die Luft war stickig. Gerade entledigte ich mich meiner Schuhe, da riss mein Telefon mich aus dem Rausch eines normalen, stressigen Arbeitstages. Es war Pauls Schwester. Sie wirkte unruhig und ich verstand sie kaum. Sie sagte Jan, Paul hatte einen Autounfall und liegt im Sterben. Dann bemerkte ich ein Loch in meinem Strumpf und die Fliege, die um die Kaffeetasse vom Morgen herumschwebte. Ich überlegte, was ich zum Frühstück gegessen hatte und ob das Auto abgeschlossen war. Dann bat ich sie um Wiederholung und sie wiederholte den Satz. Ich bedankte mich für die Information und legte auf. Das Telefon zersprang in viele Teile als es den Boden berührte und ich rannte los.

Ich schreibe das auf, denn es führt mich zu heute. Heute ist es einen Monat her, dass mein bester Freund starb. Ich habe heute Geburtstag. Ich werde achtundzwanzig und fühle mich einsamer als je zuvor. Ich bekam Besuch und wollte ihn nicht. Den Apfelkuchen empfand ich als Beleidigung. Alle gingen und es setzte mir zu. Mein Bett war kalt und unbequem. Ich sprach mich von allen Möglichkeiten frei.

Einatmen und ausatmen im regelmäßigen Wechsel. Das Senken und Heben meiner Brust als Lebenszeichen. Ich versuchte nun meinen Schlaf besser wahrzunehmen, bevor ich mein Erwachen bemerkte. Dann öffnete ich das Fenster, setzte mich auf die Fensterbank. Die Luft war kalt und schneidend und hieß den Abend willkommen. Mein Körper saß aufrecht und fest verankert mit dem Fensterbrett. Die Nachbarin führte ihren Hund aus, einen Spitz, der auf den Namen Lucky hört.

Das Klingeln der Tür bemerkte ich nicht. Erst, als die Melodie durchgehend eine Liedlänge lang meine Stille durchbrach, löste ich mich und öffnete die Tür. Ida, Pauls Schwester stand davor. Sie betrat meine Wohnung und fragte, ob sie die Schuhe ausziehen soll, draußen hätte es geregnet. Ich antwortete ihr nicht und ging zurück in mein Schlafzimmer.
 Ida sagte, dass sie nicht lange bleiben könnte. Sie hätten Pauls Wohnung geräumt und einen Brief gefunden, auf dem mein Name stünde. Sie wollte ihn mir nur geben. Ida legte den Brief, adressiert an Jan, auf den Tisch und verabschiedete sich. Ich konnte sie nicht ansehen. Sie haben die gleichen Münder und Wangenknochen. Ich wünsche mir, ich könnte mich fallen lassen, ganz wie die Heidelbeeren, wie das Glas Milch, wie die Bücher.

Der Brief war in einem länglichen Kuvert. In blauer Tinte stand mein Name, Großbuchstaben, eindeutig Pauls Schrift. Es war mein Geburtstagsbrief. Ich wusste das, weil er seine Geburtstagsbriefe immer mit blauer Tinte schrieb.

Langsam setzte ich mich auf den Holzstuhl links neben dem Tisch, dann schloss ich meine Augen und versuchte, meinen Körper zu erspüren. Fühlte, ob meine Beine richtig standen, ob meine Hände die richtige Anzahl der Finger aufweisen konnten und wie glühend heiß sich meine Bauchgegend anfühlte. Der eigentliche Brief war auf rauem Papier geschrieben. Die Anrede beinhaltete nur meinen Namen und ich fing an zu lesen.

Jan,

Setz dich gerade hin. Die Schultern zurück und den Rücken durchstrecken. Die Wirbelsäulenmuskulatur anspannen und durchatmen. Schließ deine Augen und denk an all das, was noch vor dir liegt. Die Zeit ist bereit für dich. Du musst dich trauen, irgendwer zu sein. Ich werde das nicht bewerten, es wird so sein, wie es ist. Du wirst die Zähne knirschen lassen und dich vor Wut übergeben. Du wirst auf deine Zunge beißen. Dich öfter verschlucken als beabsichtigt. Wichtig dabei: genieße jede Sekunde. Du bist der, der lebt. Niemand raubt dir deine Zeit, nur du selbst.

Deine Ohren werden schmerzen von den lauten Klängen der Welt. Es ist die schönste Musik im Universum, dass verspreche ich dir. Es wird immernoch weiterhin schwer sein. Es wird einfacher werden, doch deine Definition dafür wird sich differenzieren. Deine Lippen werden schmerzen vom Reden und wund sein vom Küssen. Die Hände rau wie das Meer. Alles wird sich geben.

Besuche eine Stadt, von der dir bisher niemand erzählte. Gehe dort zu 
einem Haus und mach dich mit den Besitzern bekannt – sie werden Dir großartige Geschichten erzählen, die besten und tollsten und ehrlichsten, die du je hörtest. Besser als jedes Märchen. Besser als die Brüder Grimm. Sogar besser als Kästners Sachliche Romanze.

Es werden deine Geschichten sein. Schließ die Augen während du sie hörst und stell sie dir vor. Ich meine nicht vorstellen im Schnelldurchlauf. Ich meine bildlich. Jedes Detail. Und tu das immer. Frag dich: Welche Farbe hat der Pullover der Frau, die dir neulich das Taxi wegnahm. Wie waren die Schuhe des Mannes geschnürt, der neulich an der Kasse vor dir stand. Er bezahlte nur mit Münzen, wirst du deinen Kindern einmal erzählen. Und die werden es ihren erzählen. So etwas nennt man Geschichte. Und ich meine die große Ganze.

Lass dich nicht beeinflussen von Gesichtern oder einem zu dick gezogenen Lidstrich. Nicht alles ist so wie es scheint. Ich verrate dir ein Geheimnis: Nichts ist so wie es scheint. Alles ist ein Spiel und du bestimmst die Richtung. Aber es ist nicht so, als hättest du je eine Wahl.
Achte auf dich. Putze dir regelmäßig die Zähne und nimm deine Füße in die Hand, kein Bahnticket. Wein schmeckt, auch wenn eine Fliege in ihm landet. Verrücke deine Bücher um ein paar Millimeter. Es wird nur dir auffallen und es wird sich großartig anfühlen. Vergiss nie einen Bleistift. Hast du deinen täglichen Apfel gegessen und den Wind gespürt? Vergiss nie ein gutes Buch. Fang an, nicht jedes Buch zu lesen, was andere gut fanden. Meistens sind sie schlecht. Vergiss nie den Geschmack von frischer Luft. Such dir deine Räume und nutze sie. Verlass niemals einen Menschen, obwohl er dein Zuhause ist. Du wirst immer mein Zuhause sein.

Dein Paul.

Ich legte den Brief beiseite und wischte mit dem Handrücken über mein Gesicht. Nach all den Sachen, die ich fallen ließ, fiel nun etwas von mir ab. Und ich stellte mich ans Fenster. Und ich aß einen Apfel. Und ich lächelte. Und atmete das erste Mal wieder durch. Und ging der Aufforderung nach. Und war bereit.

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55 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Die Geschichte von Paul und Jan gehörte fortgeführt, davor und auch danach. Hatte das Gefühl, ich lese gerade einen Auszug aus nem guten Buch! :)

    24.02.2013, 14:37 von buffy555
    • 0

      dann empfehle ich dir "Klare Linien" von mir zu lesen und vielen Dank!

      24.02.2013, 19:30 von herz.ist.trumpf.
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  • 2

    Ich weiß nicht, wann ich das letzte mal so gefangen von einem Text war. Wow.

    23.02.2013, 19:15 von Finano
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  • 0

    immernoch mein Lieblingstext hier..<3

    13.01.2013, 23:31 von Sanne19
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  • 0

    Meiner Meinung nach sollte der Text nicht gekürzt werden!
    Die Idee mit dem Fallen ist sehr schön...
    Und jeder, der so einen Brief bekommt, kann sich wirklich glücklich schätzen! (Übrigens auch jeder, der in der Lage ist, einen zu schreiben).

    07.12.2012, 20:12 von virGinnya
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 3

    Gänsehaut. Ich habe bisher nichts hier gelesen, das mich mehr berührt hat.

    03.12.2012, 18:26 von Mopsfidel
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  • 4

    "Verlass niemals einen Menschen, obwohl er dein Zuhause ist. Du wirst immer mein Zuhause sein." diesen Satz werde ich seit Tagen nicht mehr los :)

    02.12.2012, 12:38 von cociduh
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  • 0

    Schön. Ehrlich. Traurig.

    01.12.2012, 21:16 von frl.sommersprosse
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  • 0

    Der Brief ist super schön. Fand allerdings auch, dass es sich sehr nach einer Frau anhört, die das schreibt und eben nach einer Beziehungsstory. Der erste Absatz klingt irgendwie holprig, mit Kühlschrank, Mond und Nacht etwas zu gewollt. Ansonsten find ich den Text echt super!

    30.11.2012, 12:44 von MissesBiscuit
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  • 0

    Wow.....authentisch.

    29.11.2012, 22:52 von Maldamalnich
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