DasIndividuum 06.09.2012, 19:37 Uhr 5 13

Etwas, das bleibt

So schnell stirbt man nicht, hat Oma immer gesagt.

Wenn es Sommer ist und die Luft um einen herum lau. Wenn es abends ist und man weiss, man ist da. Man ist da, wo man sein soll. Ich sitze hier oben, das kalte Eisen der Brücke unter meinem Hintern  und unter meinen Füssen nichts. Meter für Meter nichts und dann das Wasser, das sich kräuselt. Vielleicht ist es warm, aufgeheizt von wolkenlosen Tagen. Aber eigentlich ist das egal. 

Es ist Sommer und wir sind da. Haben es geschafft, wieder ein Jahr hinter uns gelassen. Das letzte Jahr, von dem wir wussten, wie es sein wird. Wir sind gerannt von Woche zu Woche, von Tag zu Tag, von Moment zu Moment. Doch meistens reichte uns der Augenblick nicht aus, wir wollten mehr. Die Texte, die wir lasen, interessierten uns nicht wegen des Inhalts, sondern wegen der Noten, die sie uns einbringen sollten, damit später, später, später. Alles gut wird.

Es ist der Sommer, indem wir angekommen sind. Hinter uns liegt eine Reise, das meine ich nicht metaphorisch. Wir sind gereist, um hier unseren Abschluss zu feiern und melancholisch an das zu denken, was hinter uns liegt. Als wir mit einem Zitroneneis in der Hand am Meer sassen, sagten wir: „Weißt du noch?“  In den Zügen, wenn alle nach der Gummibärchentüte grabschten, dann fühlte sich das an, wie Klassenfahrt. Aber als wir gestern vor der rot angestrichenen Hütte standen, fühlte ich mich wie eine geschälte Banane; Das, was mich bis jetzt immer eingehüllt hatte, fiel von mir ab und ich sah plötzlich schärfer, hörte klarer. Ich glaube, den anderen ging es genauso. Abends begrüssten wir unseren Nachbarn, der uns mit seinen Nichten und Neffen zum Essen einlud. Die Moskitos drückten von aussen gegen das Licht, das hinter der Scheibe lag und den Tisch beschien, der gerade mit kleinen Gläsern und dem Selbstgebrannten gedeckt wurde. Der Abend wurde zur Nacht und die Nacht zum Morgen, als wir ins Bett gingen.

Ich habe lange geschlafen, sodass ich den ganzen Tag nicht mehr richtig wach wurde. Ich gähne und sehe die anderen drei neben mir, wie sie auf dem Brückenrand sitzen. Höre, wie sie über meine Witze lachen und sehe, wie sich ihre Lippen bewegen. Mein Kopf ist angenehm beduselt. Die Flasche Wein, die wir mitgebracht haben ist beinahe leer. Ich würde jetzt gerne ein Foto von uns machen. Zu viert sind wir vor ein paar Wochen in den ersten Zug gestiegen, haben uns in engen Schlafwagen an die Menschen gedrückt, die uns am wichtigsten sind, und sind los gefahren, hinaus in die weiteweite Welt. Es ist viel passiert, wir haben viel gesehen, erlebt, endlich selbst gelebt. Irgendwann werden wir wieder nach Hause müssen, werden woanders hingehen, studieren und Geld verdienen. Aber daran will ich jetzt nicht denken, denn wenn es soweit ist, ist das hier vorbei. Jetzt schwören wir uns auf ewig die Freundschaft, aber vielleicht reden wir in einigen Jahren schon nicht mehr miteinander. Dann sehen wir uns die Fotos unserer Reise an, lächeln vielleicht und fragen uns, was aus den anderen geworden ist. Ich habe keine Ahnung, wie mein Leben dann sein wird.

Unter der Brücke fährt ein kleines Boot hindurch, das erste an diesem Abend. Der Mann am Steuer winkt uns zu, wir winken zurück. Er hält an einem Bootssteg, steigt aus, verschwindet in einer Hütte und wir sind wieder allein. Unsere Stimmen schneiden ausgelassen Löcher in die Stille und schmückt den Wind mit unserem Lachen. Und dann hat einer eine Idee.

Die Kleider legen wir hinter uns auf die Brücke. Wir werden sie später holen müssen. Ich klettere über die Brüstung, mein Herz klopft. Ich bin noch nie höher als vom Dreier gesprungen. Wir stehen nackt nebeneinander, grinsen uns an. Das soll etwas sein, das bleibt. Das Geländer im Rücken, lehne ich mich nach vorne, spüre das Adrenalin durch meinen Körper pumpen, fühle mein linkes Bein zittern. So schnell stirbt man nicht, hat meine Oma immer gesagt. Ich kneife die Augen zusammen, löse meine Finger gleichzeitig von der Brücke wie die anderen. Mein Mund wird trocken, sauge scharf die Luft ein, kralle meine Zehen in den rauen Asphalt.

Und dann springe, schreie, falle ich.

13

Diesen Text mochten auch

5 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 1

    Hab zufällig dieses Lied gehört, während ich den Text las. Betont auf eindringliche Weise die melancholische Note deiner Erzählung, irgendwie hab' ich sogar die Dynamik als passend empfunden. Ob ich den Text auch ohne Musik gemocht hätte, weiß ich nicht. Aber so gefällt er mir.

    07.09.2012, 21:43 von justanotherpicture
    • 1

      wow, das Lied passt.

      08.09.2012, 13:52 von LeendeEli
    • 0

      Ja, das Lied passt wirklich. Hatte beim schreiben eine ähnliche CD gehört.


      08.09.2012, 17:24 von DasIndividuum
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Alles wird gut, keine Sorge.

    Nur für das Springen von einer Brücke in eine Fahrrinne muss ich dich tadeln.

    07.09.2012, 19:59 von wordmage
    • Kommentar schreiben
  • 0

    :')

    07.09.2012, 18:46 von verpixelt
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
10. Juni 2013

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android