Er war wie ein großer Bruder
Wieso schreibe ich war, er lebt doch noch, oder?
Als ich ihn mit 14 kennenlernte schwärmte ich für ihn. Er sah unheimlich gut aus, mit seinen eisblauen Augen, den dunkelbraunen Dreads und seinen zerrissenen Klamotten. Im Winter 2004 trafen wir uns, um zusammen in die zu der Zeit angesagte ‚Disko’ zu gehen. Der Abend war mehr als verkorkst gewesen, er hatte Stress mit seiner damaligen Freundin, weil er gleichzeitig noch in ein anderes Mädchen verliebt gewesen war. Es endete darin, dass er sich an meiner Schulter ausheulte, während wir zu ihm nach Hause fuhren. Ich fand es unheimlich toll, dass er mit gerade mal 17 Jahren schon eine eigene Wohnung hatte. Diese sehr tränenreiche Nacht hat uns beide zusammengeschweißt.
Wir trafen uns fast jeden Tag, und gingen die Wochenenden gemeinsam weg. Mit seiner damaligen Freundin freundete ich mich recht schnell an, ja, sie wurde sogar zu meiner besten Freundin. Er wurde zu meiner Vertrauensperson, zu meinem besten Freund, er war wie ein großer Bruder für mich. Er passte immer auf mich auf, da ich in dem naiven Alter meinte, jedes Wochenende mit einem Typen rumzuknutschen sei angemessen. Dem einen Kerl verpasste er einen Denkzettel, als dieser mir an die Wäsche wollte. Ich war stolz, so einen Freund zu haben.
Im Herbst 2005 brach ich in einem Alkoholrausch in Tränen aus, und kam aus dem heulen gar nicht mehr heraus. Wie ungerecht die Welt sei, und warum in seinem Leben immer alles glatt laufen würde. An diesem Abend erzählte er mir zum allerersten Mal, dass er seit 3 Jahren ein Problem mit Heroin habe. Ich war geschockt, zwischendurch hatte ich mal vermutet, dass er Drogen nimmt, aber er hat es immer bestritten. Warum hast du nichts gemerkt? Vor lauter Verzweiflung, Angst und Sorgen ihn zu verlieren, heulte ich und es hat ewig gedauert, bis er und meine Freundinnen mich wieder beruhigen konnten.
Irgendwann im März 2006 machte seine Freundin Schluss. Gründe dafür gab es genug, andauernde Streitigkeiten, sie waren abhängig voneinander konnten aber gleichzeitig nicht mehr miteinander. Er gab sich die Schuld am Scheitern der Beziehung und erhöhte seinen Drogenkonsum. Ich glaube, damit versuchte er seine Probleme zu bewältigen. Zu der Zeit war er sehr launisch, wenn man nicht genau aufpasste, was man ihm erzählte, rastete er völlig aus. Einmal waren wir mitten in der Stadt gewesen, und aus heiterem Himmel trat er einen Mülleimer aus der Halterung. Ein anderes Mal, wir waren bei ihm zu Hause, nahm er seine geliebte Stehlampe und zerschlug mit ihr den Fernseher. Ich war völlig Perplex, ich hatte Angst. Angst, dass er mich auch irgendwann so behandeln würde. Ich kauerte still auf seiner Matratze und gab keinen Ton von mir, irgendwann hatte er sich beruhigt und meinte „Tut mir Leid, aber das musste jetzt sein.“. In einem völlig normalen Ton sagte er das und tat, als ob nichts geschehen sei.
Im Sommer versuchte ich mehr mit ihm zu unternehmen, ihn aus der Drogenwelt herauszuziehen. Sonnenuntergänge auf dem Parkdeck vom Saturn, sowie Frühstücken im Herrengarten und Kinogänge mit anschließenden McDonalds besuchen, die immer wieder in Diskussionen endeten, wie bescheuert die Erfindung von Fast Food Restaurants doch sei. Im Hinterkopf hatte ich immer meinen Exfreund, der nicht begeistert gewesen war, dass ich mich mit ihm traf. Was berechtigte Gründe hatte, aber davon wusste er nichts. Als er dann auf Reisen war, er reiste ständig quer durch Deutschland, hatte ich wieder mal die Hoffnung, dass er endlich seinen Traum verwirklichte und sich mit seinem Wohnwagen an die Nordsee zurückzog um dort eine Therapie machen zu können. Er wollte eine Ausbildung anfangen, er hatte Zukunftspläne.
Eine Jahreszeit später, war von diesen Plänen keine Rede mehr. Es wäre eh zu spät, warum solle er also mit den Drogen aufhören? Die reale Wirklichkeit, die er nur noch selten erlebte, da er ständig unter Drogeneinfluss stand, konnte er nicht leiden. Mehr noch, er hasste sie abgrundtief.
Einmal, als wir uns trafen um ein bisschen im Herrengarten zu quatschen, verschwand er drei oder viermal kurz. Eine schwache Blase hatte er nicht, nein, er nutzte die Zeit, in der er mir den Rücken zudrehte, um wieder ein wenig Heroin zu schnupfen.
Einen Tag bevor wir uns wieder treffen wollten, kam mein Opa ins Krankenhaus, Verdacht auf Herzinfarkt. Ich schrieb ihm kurz, dass ich meinen Opa besuchen wolle, anstatt mich mit ihm zu treffen. 2 Tage später sah ich ihn wieder und konnte ihm die erfreuliche Nachricht überbringen, dass meine Opa morgen wieder entlassen werde. Er schaute mich verächtlich an und sein einziger Kommentar war, dass er jetzt weiter müsse, er habe keine Zeit. Er hatte die Eigenschaft, immer wenn wir uns gestritten hatten Streit so zu drehen, dass er sauer auf mich war, obwohl eigentlich ich auf ihn sauer war.
Als wir uns 2 Monate später trafen, beachtete er mich nicht. Wir kamen gerade von einem Konzert, er mochte die Sängerin gerne, wir hatten früher immer das Album hoch und runter gehört, und er sprach kurz mit meiner Freundin. Diese meinte, wir sollen uns doch endlich wieder vertragen, ich erwiderte, dass habe keinen Sinn, da wir uns nicht einmal gestritten hätten. Trotzdem umarmte ich ihn und entschuldigte mich für etwas, was ich nicht getan hatte. Du hättest dich auch früher melden können. Dann war er verschwunden.
Ich habe ihn seit dem Tag nicht mehr gesehen. Eine meiner Freundinnen ruft er andauernd an, ob sie nicht mal was zusammen machen wollen, dass er mich vermisse. Ich glaube, er ist einsam. Es tut mir weh, das zu wissen. Und trotzdem kann ich nicht zurück, ich kann nicht mit ansehen, wie er an den Drogen elend verreckt. Er geht Stück für Stück daran kaputt. Immer wieder denke ich an die tolle Zeit mit ihm zurück, ich würde die Uhr gerne zurückdrehen. Und die Zeit festhalten. Wenn ich Fotos von ihm sehe, kommen mir die Tränen, wie gut er damals aussah.
Mit seinen eisblauen Augen, seinen dunkelbraunen Dreads und seinen zerrissenen Klamotten.
Die Klamotten sind heute noch zerrissen, die Dreads mittlerweile wieder dran, allerdings in einem undefinierbaren Farbenmischmasch, und die Augen.... die wunderschönen eisblauen Augen haben jeglichen Glanz der Lebensfreude verloren.





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