Henry.Kafur 18.01.2013, 11:12 Uhr 15 34

Eisbrecher

Sein Name war Håkon und vergessen werde ich ihn niemals.

Als ich vor zwei Jahren Urlaub in Norwegen machte, traf ich ihn das erste und letzte Mal.Damals wollte ich nur etwas ausspannen und wieder an die frische Luft. Weg von der Großstadt, hinein in die Natur, wenn auch nur für eine Woche.

Ich wohnte in einem kleinen Dorf das im Lappland liegt, den Namen weiß ich jedoch nicht mehr. Erinnern kann ich mich aber an das strahlende Polarmeer, welches ich jeden Tag nach dem Aufstehen sah. Es war zugefroren, doch die ersten Risse im Eis waren unübersehbar.

Wir lernten uns am ersten Tag kennen. Er saß am Strand, auf einem kleinen Holzstuhl. Dick eingewickelt in Decken und eingepackt in einem festen klobigen Mantel. Seine Kleidung sah ramponiert aus und mir schien, als ob er schon ewig dort sitzen würde.

Entgegen meiner Art ging ich zu ihm und grüßte vorsichtig. Er sah mich an und grüßte zurück. Eine Weile standen wir nur da und schauten uns an. Ich kann heute nicht mehr sagen wieso, doch irgendwas bewegte mich dazu neben ihm Platz zu nehmen.

Er machte keine Anstalten mich davon abzuhalten, nein ich glaube sogar er war froh über etwas Gesellschaft. Wir redeten mehr schlecht als Recht, denn ich konnte die heimische Sprache nicht, aber mit Englisch ließ es sich gut überbrücken.

Die darauffolgenden Tage setzte ich mich immer zu ihm. Den Stuhl nahm ich aus meinem Haus, zusätzlich schnappte ich mir eine Thermoskanne mit heißem Tee, ein paar Brote und Kaminwurzeln, selbstgestopfte Zigaretten, sowie Taschenwärmer.

Somit saßen wir beide Tag für Tag am Nordpolarmeer und vertrieben uns die Zeit, doch meistens schwiegen wir nur und ließen unsere Blicke auf dem Eis tanzen. Als ich ihn fragte wie lange er schon hier sitzt sagte er, „Dieses Jahr werden es 10 Jahre."

„Warum tust du das?", fragte ich ihn weiter.

„Warten.", meinte Håkon.

„Warten."

Und das taten wir, die ganze Zeit. Mir wurde auch nie langweilig, denn ich genoss seine Gesellschaft sehr.

Dann, vor meinem letzten Tag in Norwegen, erzählte er mir von seiner Frau. Vor 10 Jahren war er mit ihr auf dem Polarmeer unterwegs, er war Kapitän eines Eisbrechers gewesen und nahm sie eines Tages mit auf See. „Ich liebe sie so sehr.", sagte er und brach in Tränen aus. Er sackte zusammen und vergrub seine Fäuste im Schnee. Ich half ihm hoch, umarmte ihn und drückte ihn fest an mich, und wie wir so dasaßen kamen auch mir die Tränen. Sie gefroren sofort auf meinen Wangen und zersplitterten beim wegwischen.

Seine Frau war ins Meer gefallen, soviel verstand ich. Möglichweise war ein starker Wellengang schuld und sie stürzte, wurde durch die Wucht des Schiffes unter Wasser gedrückt und verschwand. Man hat sie nie gefunden, erzählte er mir. Und deshalb wartet er hier seit 10 Jahren auf ihre Rückkehr. Er sah alt und ausgemergelt aus, die Falten im Gesicht waren tief und grob. Aber seine Augen leuchteten immer noch. Die Liebe zu seiner Frau erstarb nie.

Der letzte Tag brach an und ich ging wieder zum Strand, diesmal um mich von Håkon zu verabschieden. Ich sah seinen Holzstuhl aber sonst nichts weiter. Niemand zu sehen, der Strand war leer. Ich setzte mich, schaute in die Ferne und begann zu lachen. Lautstark lachte ich und schrie die Euphorie aus mir heraus.

Mir kamen die Tränen und ich lachte weiter, während am Horizont die Eisbrecher ihre Bahnen zogen.

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15 Antworten

Kommentare

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  • 0

    feine schreibe, find ich.

    30.01.2013, 17:57 von impact
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  • 0

    mitreißend.

    29.01.2013, 21:20 von Eulalie
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  • 1

    Die Geschichte aus der Frauenperspektive: Mana/Muelle de San Blas 

    20.01.2013, 10:29 von Ingridatschka
    • 0

      Passt wie die Faust aufs Auge.

      20.01.2013, 11:24 von Henry.Kafur
    • 0

      Daran musste ich auch denken :)

      22.01.2013, 17:11 von treeolia
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  • 1

    eigentlich ganz schön, aber ich kann mit dem Ende nicht so wirklich was anfangen... hatte mir da irgendwas anderes erhofft =D

    18.01.2013, 23:05 von MissesBiscuit
    • 2

      Man tüftelt lange hier und da, letztendlich habe ich mich für das jetzige Ende entschieden. Möglicherweise hätte dir das andere besser gefallen. Aber es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen ;)

      19.01.2013, 10:31 von Henry.Kafur
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  • 2

    da fehlt...nichts! gern gelesen ;)

    18.01.2013, 16:53 von jetsam
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    • 0

      Wenn der Wind eisig zieht, dann ist das wirklich möglich. Aber hier, muss ich gestehen, habe ich doch ein wenig geflunkert. Ertappt!
      Und danke für das Kompliment.

      18.01.2013, 16:22 von Henry.Kafur
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    • 0

      Das Nordpolarmeer kauf ich auch nicht ab...
      Aber das'n Detail...

      18.01.2013, 17:37 von sailor
    • 0

      Muss ich wohl oder übel so hinnehmen. Kritik ist immer gut.

      18.01.2013, 18:02 von Henry.Kafur
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 2

      Wussten sie schon, das die Ostsee im Baltikum 'Westsee' heisst...?

      :D


      18.01.2013, 18:43 von sailor
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