tierfreundin 23.08.2009, 18:03 Uhr 2 2

Eine Veganerin zu Besuch auf einem Biobauernhof

Ein Freund aus dem Studium lädt mich Städterin zu "seinen" Milchkühen ein - obwohl (oder gerade weil ?) ich Veganerin bin.

Wenn man Dominik kennen lernt, kommt man zunächst nicht darauf, dass er von einem Bauernhof auf dem plattesten Land kommt. Im Studium fiel der braungelockte Junge durch sein umfangreiches Wissen auf – in vielen Seminaren war er die einsame Stütze des Dozenten. Jedes Mal, wenn ich auf einen Vortrag ging – was bei mir eher selten der Fall war – kam auch Dominik; Alles schien ihn zu interessieren: Mathematik, Theologie, Philosophie, Volkswirtschaft, sogar mein Fach Germanistik, mit dem er einmal als Drittfach liebäugelte. In seiner Freizeit engagierte er sich im imterreligiösen Dialog: „So ein Hobbby von mir“, sagt er, als er von einer Dozentin auf sein unglaubliches Fachwissen zum Thema Buddhismus angesprochen wurde. Doch wo immer Dominik erschien, sein Markenzeichen war, dass er immer, aber auch wirklich immer zu spät kam. Zu unseren gemeinsamen Lerntreffen im Abschlussemester kam er meistens zwanzig Minuten zuspät – und er kam gerannt. Wir Mädchen fanden ihn süß. Er wirkte vom ersten Semester an auf mich hochintelleigent, aber auch ziemlich zerstreut und leicht tolpatschig (er fiel einmal vom Fahrrad als er mich und meine Freundin begrüßte), ein reiner Theoriemensch, kurz: ich und viele andere sahen in ihm schon den idealen Nachwuchsprofessor.

Umso überraschter war ich, als ich erfuhr, dass Dominik nicht aus einer Akademikerfamilie (wie ich), sondern von einem Milchvieh-Bauernhof kommt. Seine Eltern bauten als überzeugte Biopioniere einst einen der ersten Laufställe in der Gegend, also einen Kuhstall, indem die Tiere sich frei bewegen können statt mehr oder weniger eng eingepfercht auf der Stelle stehen zu müssen. Ein großer Fortschritt also in Sachen Tierschutz, der Dominiks mittlerweile verstorbenem Vater offenbar sehr am Herzen lag – wie auch Dominik selbst, der, wohl untypisch für einen Mann und noch dazu einen aus der Landwirtschaft kommenden, vegetarisch lebt – wie ich.

Ich bin überzeugte, tierschutzbewegte Veganerin, das heißt ich esse nicht nur fleisch- und fischlos, sondern lebe auch ohne Eier und Milch, Gelatine, Leder, Wolle und so weiter (oder versuche es weitgehend) und konnte sogar meinen Freund und jetzigen Mann dazu bringen (Die Beziehung mit meinem weniger gutmütigen und vor allem weniger gemüseliebenden Exfreund war dagegen an der Vegetarismusklippe gescheitert). Was mich zum Milchverzicht brachte? Ich hörte eines Tages, dass Kühe immer und immer wieder Kälbchen kriegen müssen um Milch in großen Mengen zu liefern. Eine russische Freundin, die aus der Landwirtschaft kam, sagte es mir klipp und klar: Wenn eine Kuh nicht mehr schwanger wird, wird sie geschlachtet. So einfach – und so undankbar – ist das. Und die Kälbchen? Man braucht kein Genie zu sein um einzusehen, dass nur die weiblichen selbst wieder Milchkühe werden können, die anderen fallen einfach an – und werden natürlich gegessen.

Voller Sendungsbewusstsein reichte es mir auch nicht, selbst vegan zu leben, ich wollte auch einen bescheidenen Beitrag zum akademischen Vegetarismus-Diskurs leisten. Und so kam es auch, dank meinem toleranten und offenen Betreuer. Als ich vorsichtig anfragte, ob man das Thema unter die Leitfrage „Sind Tiere zum Essen da?“ stellen könne, sagte er fröhlich: „Jou! Die Frage wird man doch wohl noch stellen dürfen!“ Die 100-seitige Abschlussarbeit für mein Lehramtstudium kam dann auch zu einer zurückhaltend formulierten, aber doch eindeutig negativen Antwort auf diese Eingansfrage (Der Abschlusstitel lautete „Das unbeweinte Schlachttier. Zugänge zu einer Ethik des Fleischverzichts.“ Die Arbeit ist auf der Homepage des Vereins Akut abrufbar). Weil ich nicht an allen Fronten gleichzeitig kämpfen wollte, beschränkte ich mich hier allerdings auf das Thema Fleischkonsum und entdeckte auch für mich als Veganerin eine vertretbare Form der Milchwirtschaft: Eine, die die Verwandten der Kühe, das heißt vor allem ihre Kälbchen leben lässt, also lebenslang miternährt. Das mag nicht nur ein bisschen, sondern extrem utopisch klingen – ich fand es aber in einem landwirtschaftlichen Beitrag als immerhin theoretisch mögliche Möglichkeit genannt - unter der unrealistischen Voraussetzung dass nur noch ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung Milchprodukte konsumieren würde, etwa kleine Kinder, und die Allgemeinheit gleichzeit bereit wäre, viel für ihre Milchkühe zu bezahlen. Nun –es ist natürlich sowie die (wahrscheinlich utopische) Hoffnung eines jeden Veganers, mit seinem Umsteigen auf leckere Sojaprodukte nicht alleine zu bleiben bzw. nicht mehr nur in Gesellschaft der Milchallergiker und Laktoseintoleranten zu sein. Aber dass ein richtiger Fachmann schrieb, dass eine wenig ertragreiche und dafür höchst teure Milchwirtschaft möglich wäre ohne das Tiere getötet werden müssen versetzte mich in große Freude und schien mir als radikaler Veganerin doch ein möglicher Kompromiss. Dennoch: Ist es auch ein Kompromiss, dem ich ernsthaft je einem Landwirt ins Gesicht sagen würde – oder ist dieses Paradies für Kühe nicht doch eher eine private vegane Wunschphantasie, die ich für mich behalten sollte, wenn ich nicht ausgelacht werden wollte...?
Dominik sagte ich jedenfalls nie etwas von meiner kühnen Vision einer unblutigen Milchwirtschaft, natürlich auch nicht, als ich vor kurzem seiner Einladung Folge leistete und ihn tatsächlich einmal auf dem Hof, den inzwischen sein Bruder leitet, besuchte. Ich war sehr neugierig und fühlte mich immerhin ermutigt dadurch, dass ich in Dominik einen ebenfalls für Tiere sensiblen Menschen wusste. Dominik hatte mir erzählt, dass sie sehr traditionell arbeiteten und deswegen nicht so hohe Ausgaben haben wie viele Milchbauern, denen der aktuelle Preisverfall bei Milch wesentlich mehr zu schaffen macht. Am Telefon verstand ich ihn falsch, als ob sie ihre Kühe noch von Hand melken würden – bei 40 Kühen natülich ein Dinge der unmöglichkeit, wie ich blitzartig einsehe, als ich nachher selbst im Stall stehe und beim maschinellen melken zusehe, das immerhin ca 7 Minuten pro Kuh braucht. (Die einzige Kuh, die von Hand gemelkt wurde, hatte dieses zweifelhafte Vergnügen durch die Hand eines dreijährigen Ferienkindes – sie sah gestresst aus...). Ich sehe ein, dass ich eben hoffnungslos eine Städterin bin; ich habe mich wirklich bisher nur theoretisch mit dem Thema nachhaltige, tierfreundliche Landwirtschaft beschäftigt. Als wir dann vor einem Kälbchen stehen, das an einen Mastbetrieb verkauft werden soll, meint Dominik dann auch: „Das ist jetzt deine Zulassungsarbeit life.“ Die Konfrontation meiner schönen Ideen mit der landwirtschaftlichen Realität also. Auch auf einem Biohof muss ein Großteil der Kälbchen früh von ihren Müttern getrennt und verkauft werden, das ist eben so – soll ich deshalb meine Hoffnung auf eine andere, kuhfreundlichere Zukunft still begraben? Dominik erzählt mir weiter, dass sie dank der Nummer im Ohr des Kälbchens verfolgen könnten, wo das Tier geschlachtet wurde. Dies sei leider bei konventionellen Betrieben häufig Italien. Alarmglocken schrillen, ich denke an stundenlange, strapaziöse Masttiertransporte. Wortlos nicke ich, dem früher oder später todgeweihten Tierkind kann ich irgendwie nicht in die Augen sehen.
Was Dominik wohl von mir hören wollte, in dem Moment? Wollte er mir sagen, dass es ihnen eben auch nicht egal sei, aber dass sie es nicht ändern könnten? Wollte er meinen veganen Kampfgeist wecken und eine Diskussion anfangen? Natürlich übte ich keine Kritik: Wie käme ich dazu: Dominiks Leute müssen von ihren Tieren leben und können sich einen sentimentalen Zugang nur bedingt erlauben. In gewissen Rahmen scheinen sie das auch zu tun: Eine nicht mehr leistungsfähige Kuh lebt als Ammenkuh weiterhin auf dem Hof und zwei Kälbchen dürfen bei ihr trinken – die Alternative wäre sicherlich der Schlachthof gewesen. Und dann natürlich der Laufstall, der bald noch durch Freigang auf einer Weide tierschutzmäßig aufgerüstet werden soll. Sicherlich ist vieles besser als auf konventionellen Höfen und ich habe Respekt vor Dominiks Eltern, die das aufgebaut haben und seinem Bruder, wohl nicht älter als ich, der zusammen mit seiner ebenfalls ganz jungen Freundin das alles am Laufen hält – und das bedeutet viel, viel Arbeit und Verantwortung.

Aber eine Idylle findet man eben auch auf einem Biohof nicht vor – oder jedenfalls nur außerhalb der Ställe: Auf der wunderschönen Verande mit dem Ausblick über Wiesen und Obstbäume, in der kleinen Kapelle auf dem Grundtück der Familie, die Dominik zum Teil in eigener Handarbeit gerade renoviert, bei den spielenden Katzenkindern, die auf einem Bauernhof natürlich nicht fehlen dürfen und bei den zwei Zwergziegen, die hier friedlich grasen dürfen, nachdem der vormalige Besitzer sie als Rasenmäher doch nicht so zweckmäßig fand und an Dominiks Familie abgeschoben hat. Ich male mir aus, wie Dominiks Kindheit mit seinen Gewschwistern hier auf diesem einsamen gehöft gewesen sein muss. „Das ist wirklich eine komplett andere Welt als die Uni“, sage ich zu Dominik, er stimmt lachend zu. Die Dozenten, die Dominik sein ewiges Zuspätkommenn verübelt haben, können vielleicht einfach nicht wissen, obn man nicht auf so einem Bauernhof mit einem ganz anderen Zeitgefühl groß wird: Da geht es eher um die Frage: Wird es regnen oder nicht? Dominik konnte mir nie genau sagen, was als nächstes auf dem Hof ansteht, weil das (zumindest anscheind jetzt, im Sommer) sehr stark vom Wetter abhängt; je nachdem muss man sich umstellen. Ansonsten aber scheint mir die Zeit hier eher ein bisschen stillzustehen: fernab einer größeren Ortschaft sitzen wir hier bei Abendsonnenschein, mit frischer Milch und Tee aus selbst gesammelten Kräutern auf der hölzernen, breiten Veranda zusammen. Auch das Klischee vom Bauern, der um 4 Uhr aufsteht, stimmt nicht. Die Familie saß am Vorabend noch lange so zusammen, scheinbar kein Einzelfall: gemolken wird morgens erst um 7 „Die Kühe richten sich schon nach den Menschen“, sagt mir Dominiks Mutter lächelnd. So erscheint mir die Unpünktlichkeit jezt eher verständlich. Und auch, dass ich Dominik für etwas linkisch gehalten hatte kommt mir jetzt unfair vor, als er mich so professionell durch den Kuhstall führte, mir alle Geräte erklärt oder mir zeigt, was er aller selber gemacht oder in Stand gesetzt hat. Während ich ihm folge, ihm zuhöre, denke ich: Ich bewundere ihn.

Nach zwei Stunden fahren wir winkend wieder ab. Auch Dominik wird in wenigen Wochen den Hof erstmal verlassen; er ist als Referendar einer anderen Stadt zugeteilt worden, die es ihm kaum möglich machen wird, noch heimzukommen und seiner Familie bei der vielen Arbeit zu helfen. In der Woche, in der ich da war, hatten sie immerhin gerade eine Wooferin, also eine Art Praktikantin, die gegen Kost und Logis mit anpackt (das neudeutsche „woofen“ steht für „working on organic farms“ und ist bestimmt eine empfehlenswerte Erfahrung für Leute, die mal eine kleine Auszeit machen wollen – zumindest, wenn man an eine so nette Familie wie die von Dominik gerät). Vielleicht kommen wir nächstes Jahr, wenn ich und mein Mann unser zweites Kind bekommen haben, wieder und machen hier Ferien auf dem Bauernhof. Trotz der nicht so schönen Aspekte – ich bin froh, dass es Leute wie Dominik und seine Familie gibt und wünsche ihnen und ihren Kühen für die Zukunft alles Gute. Aber ich bleibe bei meiner Sojamilch.

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2 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Ich finde die Schilderung sehr eindrucksvoll, das macht einem erst mal klar, wie schwer es ist als "tierfreundlicher Bauer". Ich finde man bekommt einen kleinen Eindruck vom Leben auf dem Land. Auch ich bin "Städterin" und wusste bisher noch nicht, was eine tierfreundliche Haltung für Mühe kostet und wo ihre Grenzen sind!

    26.08.2009, 11:32 von Mysalya
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