unwirkl_ich 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 1

Ein Brief an uns

Und so bleibt es bei einem bloßen Informationsaustausch, bei einem "Na, wie war Dein Tag?", bis aus diesem Tag eine Woche wird, ein Monat, ein Jahr...

Freundschaft. Sie ist etwas, was uns verbindet. Sie zeichnet sich durch unzählige gemeinsame Erlebnisse, Hochs und Tiefs und Mittels aus. Us against the world. Doch wer hätte gedacht, dass us against the world nur dann funktioniert, wenn wir beide uns an demselben Ort in der Welt befinden? Wenn wir wenige Minuten voneinander entfernt leben, wenn wir tagtäglich dieselben Cafés und Bars besuchen und über die Leute in unserem Umfeld lästern?

Umfeld. Da ist es wieder. Unweigerlich gebunden an einen Ort. Ein reales Um-Feld ist mit einem digitalen Umfeld nicht vergleichbar. Umfeld ist greifbar, Umfeld ist hier und jetzt, Umfeld ist "Ich kann nachts um 4 heulend vor Deiner Haustür stehen und Du lässt mich rein". Umfeld ist nicht "Ich kann Dich nachts um 4 anskypen und Du bist vielleicht online".

Trotzdem dachte ich, dass dieses uns verbindende Umfeld, dieser uns verbindende Ort, dieses uns verbindende Leben eine grenzübergreifende Verbundenheit schafft, die für alle Ewigkeit bestehen wird. Jetzt weiß ich: Sie tut es nicht. Trotz unterstützender, digitaler Kommunikationsmöglichkeiten. Trotz boomender share economy. Denn wir teilen, wie es uns geht und was wir erlebt haben, aber: Wir teilen nicht wirklich. Ich war nicht dabei, Du warst nicht dabei. Wir werden niemals die Komik einer bestimmten Situation verstehen, weil wir sie nicht mit allen Sinnen nachvollziehen können, weil es nicht möglich ist, diese Situation allein durch Worte wieder heraufzubeschwören.
Und so bleibt es bei einem bloßen Informationsaustausch, bei einem "Na, wie war Dein Tag?" und einem "Super, ich habe dies und jenes erlebt". Bis aus diesem Tag eine Woche wird, ein Monat, ein Jahr...

Zugegeben, ich habe Angst, dass wir uns auseinanderentwickeln. Dass diese Freundschaft zunächst ein alle paar Jahre von Nostalgie geprägtes Treffen wird und schließlich hinter dem Alltag komplett verblasst. Aber vielleicht übertreibe ich ja. Vielleicht sehe ich das alles zu verbissen. Vielleicht kann unsere Freundschaft ja doch mehr, als das. Ich hoffe es.
Vielleicht bin ich gerade Schuld an dieser Situation, vielleicht verhalte ich mich komisch, vielleicht tust Du es aber auch. Vielleicht brauchen wir aber etwas Abstand, etwas Platz zum Austoben, etwas Aus-Lauf aus dem gewohnten Um-Feld. Vielleicht müssen wir lernen, loszulassen, lockerer zu werden und uns dann wieder aufeinander einzulassen, uns gegenseitig neu kennenzulernen. Und vielleicht ist das auch gut so.

Denn Freundschaft ist nichts Statisches, sie ist dynamisch und flexibel, mal stärker und mal schwächer, mal ein Herd für Konflikte, mal ein Hort der Geborgenheit. Freundschaft ist also vor allem Entwicklung und Veränderung, aber auch Arbeit. Denn sie heißt ja nicht umsonst Freund-schaft, da jeder Einzelne zu ihrem Gelingen etwas beitragen, etwas schaffen muss.

Von daher hoffe ich, dass unsere Freundschaft diese Entfernung überstehen wird, dass diese Herausforderung sie im Nachhinein stärker und uns gelassener machen wird. Es wird sicher nicht einfach, aber es sollte gemeinsam zu schaffen sein.

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