kohlkoepfchen 30.11.-0001, 00:00 Uhr 23 97

Du fehlst hier.

Bei mir.

Du fehlst hier. Bei mir. Jetzt gerade ganz besonders.

 Wir sollten wieder spazieren gehen, stundenlang durch die Herbstwälder, und dabei über Higgs-Teilchen und Reinkarnation und Plätzchen reden. Kein anderer Mensch außer Dir hat bisher meine Gedankensprünge so selbstverständlich mitgemacht, wie Du, mein großer Bruder, bester Freund. Du hast Dich immer gewunden, wenn ich Dich zu meinem Bruder ernannt habe, und dann habe ich erst recht darauf bestanden. Weil mir unsere Freundschaft viel zu viel zu viel bedeutete, als dass ich riskieren konnte, dass das Paar, das wir hätten werden können, sich eines Tages trennt und getrennte Wege geht. Und Familie hält zusammen, Familie wird man nicht wieder los. Und ich wollte Dich nie wieder loslassen.

Ich erinnere mich noch an diesen Nachmittag, als wäre er gestern erst gewesen. Und gleichzeitig ist er schon in solche Ferne gerückt, dass ich ihn sicherheitshalber in Glas gefasst in meine windgeschützteste Erinnerungsecke gestellt habe- damit ja nichts davon verblasst. Die Sonne scheint so warm und so verheißungsvoll, wie sie das nur an den ersten warmen Tagen im Frühling schafft. Es duftet überall nach Aufblühen, nach Aufbruch. Und wir sitzen mitten drin, mit heißem Kaffee, der die Finger wärmt, und strahlen. Ich strahle, weil ich gleich in den Zug steigen werde, und mich zwei Wochen Abenteuer erwarten. Und Du strahlst, weil Du endlich in Deinen neuen schwarzen Cordhosen dasitzt, die aus Dir den langersehnten Zimmermannsgesellen machen. Wir haben es beide endlich geschafft, wenn ich wieder komme, werde ich studieren, und Du zwei Straßen weiter Deine Lehre beginnen. Wir werden zusammen bleiben, jeder in seinem Traum. Und so strahlen wir gemeinsam mit der Sonne an diesem Nachmittag. Es fallen nicht viele Worte zwischen uns, wir genießen zusammen die Sonnenstrahlen und den Kaffeduft und den Duft des Frühlings und das verheißungsvolle Gefühl von einem Neubeginn. Sowas genießt man am schönsten schweigend zusammen.

Bis ich aufstehe, meinen Rucksack schultere und wir uns lächelnd umarmen. Wir wünschen uns alles Gute, und ich drehe mich um und renne, wie immer fast zu spät, zur Bahn. Keine Zeit, sich noch einmal umzudrehen. Bis in zwei Wochen.

Nach diesen zwei Wochen stehe ich voll an Abenteuern und wunderbaren Begegnungen, die mit Dir geteilt werden wollten vor Deiner Tür. Und Du machst nicht auf. Aber Du kannst ja nicht immer zu Hause sein. Und an Dein Handy gehst Du auch nicht. Aber Du hast ständig vergessen, Deinen Akku aufzuladen. Nur auf meine Mails antwortest Du nach zwei Tagen noch immer nicht. Und dann hat Dich plötzlich auch keiner unserer Freunde mehr nach diesem Nachmittag mit mir in der Sonne  gesehen oder gesprochen. Und dafür haben wir keine Erklärung.

Die Polizei öffnet tatsächlich Deine Tür nach meinem Anruf, um zu sehen, ob Du da bist.

Als mich der Polizist mit der leisen Stimme zurück ruft, weiß ich, dass sie Dich gefunden haben. Und ich sinke zu seinen Worten zu Boden, „Es tut mir sehr leid, Ihnen mitteilen zu müssen…“.

Und seit dem weigert sich mein Kopf, aus diesem Alptraum zu erwachen.

Alle tragen sie schwarze Kleider, und so viele Menschen, die ich nicht erkenne, fragen mich, wollen von mir wissen, wie Du warst an diesem letzten Tag, wie es Dir ging, an diesem Tag. Und ich bringe nicht über mich zu erzählen, wie Du gelacht hast, und wie Du gestrahlt hast, und wie Du verträumt Dein Gesicht mit den geschlossenen Augen in die Sonne gestreckt hast, und dabei meine Hand drücktest. Wie Du mir leicht hinterher gerufen hast, Bis bald.

Ich weiß, dass Du oft nicht schlafe konntest, und dass Dich die Alpträume Deiner Kindheit immer wieder eingeholt haben im Schlaf. Aber Ich weiß auch, dass Du Dich wirklich auf diese Zukunft gefreut hast. Und ich verstehe nicht, verstehe nicht, weigere mich zu verstehen, was gerade passiert. Oder was schon passiert ist. Wie betäubt gehe ich ein letztes Mal mit Dir spazieren, ich in schwarz und Du in der Urne in meinen Händen.

Deine Eltern drücken meine Hand, zerdrücken sie, versuchen verzweifelt Dich über mich noch einmal zu greifen, zu begreifen. Und ich stehe vor diesen zwei Menschen, die Dir beinahe so fremd waren, wie mir, und bringe keins unserer Worte mehr über die Lippen.

Wie konnte ds passieren, großer Bruder? Warum hast Du mich hier alleine gelassen, bester Freund? Manchmal werfe ich Dir das vor. Aber dazu reicht meine Kraft kaum noch, ich drohe in meinem Meer aus Traurigkeit zu ertrinken, ganz langsam. Ein bisschen so wie Du manchmal. Wie haben uns damals versprochen, auf uns aufzupassen. Warum, hast Du mich nicht auf Dich aufpassen lassen?

Jetzt sind die Blätter in unserem Wald schon herbstgolden, und die Wege sind mit Kastanien bestreut, und der Atem gefriert schon manchmal vor dem Mund. Es ist kalt geworden, ohne Dich.

Und jeden Morgen verschwimmt die Straße hinter meinen Tränen, wenn ich auf dem Weg zur Uni an der Schreinerei vorbei fahre.

Du fehlst hier, bei mir, mein großer Bruder, bester Freund. Du fehlst mir.

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23 Antworten

Kommentare

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  • 0

    .. Trauer (mitzu)teilen ist nicht immer ganz leicht

    01.01.2014, 20:22 von ilofi
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  • 3

    berührt mich sehr.

    26.12.2013, 01:17 von stilvollversagen
    • 0

      ja, anders kann man das kaum sagen. tragisch. berührend. einer der wenigen autentischen texte, die mich wirklich ansprechen.
      ich würd gern was tun oder sagen zum trost. aber ich weiß nicht was.

      26.12.2013, 01:42 von yuhi
    • 1

      deine worte ergänzen meine gedanken ziemlich gut! danke dafür.

      26.12.2013, 01:46 von stilvollversagen
    • 0

      und irgendwie muss ich grad an die äusserungen eines users hier denken, der sagte " wie innen so außen"
      die begebenheit hier, wäre ein klassischer gegenbeweis...

      26.12.2013, 01:50 von yuhi
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  • 0

    Ich hoffe sehr, dass diese Geschichte nichts mit Deinem wirklichen Leben zu tun hat. So was darf nicht sein, aber danach wird man ja nicht gefragt. Menschen sterben leider viel zu früh und das ist nichts anderes als unfair.

    24.10.2013, 16:12 von LilaKoboldmaki
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  • 0

    Ein leiser Text, aber nicht ohne gefühlvolle Wirkung. Der Text macht nachdenklich. Du hast die Stimmung sehr gut rübergebracht. Man kann dein Empfinden richtig gut nachvollziehen. Hoffentlich hat dir dieses Schreiben sehr geholfen, den Schmerz zu überwinden.

    23.10.2013, 20:40 von SMSausPaderborn
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  • 3

    und schon heul ich.

    23.10.2013, 18:39 von chloe147
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  • 0

    Ein herzzerreißender Text. Ich kann sehr gut mit dir mitfühlen und hoffe, dass du irgendwann wieder aus vollem Herzen lachen kannst. Zumindest manchmal.

    22.10.2013, 22:01 von littlem
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  • 1

    Für den Fall, dass es autobiografisch ist:

    Sei wütend. Sonst geht die Trauer noch ewig. Er würde das sicher verstehen, aber viel wichtiger ist, dass du damit als Lebende umgehen musst. Vor allem, wenn es um Suizid geht, ist das Ganze noch n Tacken heftiger.

    21.10.2013, 13:45 von Jimmy_D.
    • 0

      Ich glaube ob wütend oder nicht, man wird immer trauern, weil man es nicht versteht und letzendlich auch nicht verstehen kann.

      22.10.2013, 22:01 von littlem
    • 5

      Ja, darum geht es mir aber nicht. Ich habe nur gegen Ende herausgelesen, dass sich die Erzählerin mit ihrer Wut zurückhält. Das erschwert den Verarbeitungsprozess. Jede Emotion braucht ihre Plattform. Und in jeder Trauer ist auch Wut drin.

      22.10.2013, 22:26 von Jimmy_D.
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  • 0

    Oh wow

    21.10.2013, 13:13 von L-R-D
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  • 0

    Ich schließe mich Bender an. Musste dabei an meinen auserkorenen großen Bruder denken...puuuh... ja sehr nah und gut geschrieben.

    21.10.2013, 13:08 von CurlyKatha
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  • 0

    sehr nah. sehr traurig. 

    20.10.2013, 18:07 von sarilove
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