berlin_bombay 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 17

Du. Der Bienenstock.

Wir waren picklige Halbstarke mit einer Playlist voller Rock 'n Roll, der Naivität der Vorstadt und der Hoffnung auf glorreiche Abenteuer.

2.47 Uhr. Und wir saßen gemeinsam in seinem Zimmer. Aus meiner vom Schnee durchnässten Jacke fischte ich den Flachmann, bevor ich sie über einen Stuhl in der Ecke warf. Seine Augen strahlten. „Whisky?“ fragte er mit rosaroten Wangen. Ich nickte. Noch nie hatte sich Verbotenes so gut angefühlt. Im Fernsehen flimmerten die billigen Werbetrailer für Porno-Hotlines. Anscheinend wollten Candy-Girl und Hot-Tine unsere Schwänze zwischen ihren Schenkeln. Ihre eingeölten Brüste glänzten bedrohlich, das Silikon darunter wabberte im Takt ihres gut gemeinten Stöhnens. Sie gaben uns das volle Programm: Extensions, rote Lippen, knappe Unterwäsche. Wir hatten andere Sorgen. Wir waren nicht zum Spaß hier. Die beiden kleinen Wassergläser auf dem Nachttisch füllte ich großzügig mit einem guten Schluck Red Label. „Hab ich unten im Laden gegenüber besorgt. Der Typ meinte er hat die ganze Nacht geöffnet“, erwiderte ich und ließ mich in den Stuhl fallen. Ohne einen ausgelutschten „Cheers“-Kommentar erhoben wir die Gläser und gönnten uns einen Schluck warmes Glück. Es gab nur uns, das leise Stöhnen der Callgirls und eine lange Nacht. Es war das erste Klirren von vielen.

3.23 Uhr. Mad Max steigerte sich gerade ins Finale irgendwo jenseits seiner Donnerkuppel. „Ich fand die ersten beiden besser“, sagte er und es zerriss die sterile Stille der letzten Minuten zwischen uns. Ich bewunderte den Epos, der seiner Überzeugung innewohnte. Ich hatte die beiden Vorgänger nie gesehen, die Ernsthaftigkeit und sein desillusionierter Blick in diesem Moment ließen ihn wie einen Oscar-Filmkritiker wirken – seine Meinung hätte Staatsmänner überzeugt. Heroisch schwebte er, allen Widerspruchs erhaben, über den Ansichten der Welt und konnte in diesem Moment alles und jeden beurteilen. Er war königlich, royal und fest überzeugt von seiner Meinung. In diesem Moment. „Wo soll der Film spielen?“ fragte ich nur um etwas zu sagen. „Australien, glaub ich.“ Ich glaubte es ihm.

4.02 Uhr. Ich legte eine handvoll Plastik-Flaschen auf die Theke. „Nochmal umfüllen?“ Ich nickte mit einem Lächeln. Eine Minute später drückte mir der flaumbärtige Sohn des Kioskbesitzers meinen ledernen Flachmann wieder in die Hand. Der Rest aus der letzten Miniatur-Whiskyflasche, der nicht mehr hinein passte, ergoss sich in einem warmen Schwall in meine Kehle. Draußen tobte der Schnee. Die Lichterkette im Schaufenster wechselte zwischen Neongelb und Schwulrot. Es war grässlich. Weihnachten war vorbei. Vor der Tür des „Drinks and more“ standen ein paar Punks im Matsch und sangen, dass es auf dieser Welt keine Liebe gäbe. Ich hob zustimmend meine knisternde Zigarette und ging, verloren in meiner Kapuze, über die Straße zurück zu ihm.

4.53 Uhr. „Chee-heeeers“ trällerte er und streckte den Arm in die Höhe. „Auf uns“ antwortete ich lallend und bemerkte zum ersten Mal in dieser Nacht die tiefen Falten unter seinen nicht einmal dreißigjährigen Augen. „Ich bin froh, dass du da bist. Ohne scheiß. Danke.“ Ich sog die letzten Tropfen aus meinem Glas und ließ sie auf meiner Zunge zergehen. „Dafür nicht“, und ich schenkte uns die nächste Runde ein.

5.02 Uhr. Und wir verloren dutzende Gedanken an die Vergangenheit, während wir in der Gegenwart saßen und uns lachend die Bäuche hielten. Wie wir im Supermarkt klauten, unsere Eltern belogen um bei Freunden zu saufen und die ersten Mädels heimlich auf Gartenfesten küssten. Wir waren picklige Halbstarke mit einer Playlist voller Rock 'n Roll, der Naivität der Vorstadt und der Hoffnung auf glorreiche Abenteuer mit Sex und Alkohol und dem ganz großen Geld. Jetzt, fünfzehn Jahre später, waren wir zwei Freunde mit einem Flachmann Jack und zwei Lebensläufen mit Geschichten, randvoll gefüllt mit allem Erträumten und vielem, was wir nie zu Träumen gewagt hätten. Doch die Versprechen hatten sich nie eingelöst – zufrieden waren wir nie.

5.34 Uhr. Stille kehrte ein. Die Geschichten waren erzählt, mit fadem Beigeschmack. „Warum?“ fragte ich ihn. Er schloss die Augen. Bitter schmeckte meine Zunge. Und mir wurde plötzlich übel.

5.47 Uhr. Als ich vom Kotzen kam, lag er auf dem Bett und weinte. Für mich war es immer schrecklich Männer weinen zu sehen. Freunde weinen zu sehen, war hingegen unerträglich. Unbeholfen setzte ich mich wieder. Den Rest aus dem Flachmann verteilte ich brüderlich. In diesem Moment verstanden wir uns ohne ein Wort – ich beugte mich zu ihm und legte meine Hand fest auf seine Schulter. Mehr, als ich hätte sagen können.

Ich fühle mich wie ein kranker Bienenstock. In mir ist das Chaos, geordnet, aber viel zu wirr, als dass ich die Kontrolle darüber hätte. In mir schwirren Gedanken und Träume und Erinnerungen und Überlegungen und der ganze Mist. Alle haben etwas in mir zu erledigen und zu tun, aber wie die infizierte Bienenkönigin kann ich nur dasitzen und mitansehen was sie machen. Lahm, schwach und krank. In meinen Waben gedeihen Totgeburten. Ich habe keine Kontrolle mehr. Es ist so laut in mir, so laut. Alles was den Bienenstock, mich, verlässt, sind Versuche mich zurechtzufinden. Aber keine der kranken Bienen kommt zurück. Alles außerhalb stirbt, ohne Orientierung, ohne Sinn und Verstand und ohne Hoffnung. Ich weiß, jede Biene die mich verlässt stirbt ohne je eine Blume gesehen zu haben, weil sie sich da draußen nicht zurechtfindet. Mein Bienenstock verhungert. Ich verhungere innerlich, das ist nicht meine Welt. Darum.“

18.29 Uhr. Ich stand vor einem weißen Haus in Zürich. Den Zigarettenstummel schnippte ich auf den belanglosen Bordstein. Hinter einem dieser unscheinbaren Fenster war er. Bereit seine Exit-Strategie zu trinken. Ich lehnte am Kofferraum meines Wagens und blinzelte in den dunklen Winterhimmel.

18.31 Uhr. Das Natrium-Pentobarbital musste ihn bereits lähmen. Ich stand hilflos auf der Straße. Kloß im Hals, Augen rot. In meiner Jackentasche ein Stück Papier.


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Auf dem Zettel steht im ersten Satz: „Ich habe wegen dir geweint. Ich wollte dir das alles ersparen.“ Tränen rollen mir die eiskalten Wangen herunter. Ich bin froh, dass ich bei dir war. Fast bis zu Letzt. Hilflosigkeit. Übelkeit. Leere. Minuten später starte ich den Motor. Auf dem Beifahrersitz eine Kiste mit deinen Briefen. Ich habe nachgesehen,  Mad Max spielt tatsächlich in Australien. 

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Kommentare

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    ach herrje...

    18.12.2012, 11:33 von wir_sommer_wiese
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