Distanzverlust
Nachts sitzen wir am Hafen, und du sagst Sachen wie "Rede mit mir über Sterne und sag dann: Die brauchen wir nicht, die haben wir schon."
Der Morgen schreit mich an, ich denke, nicht schon wieder so ein Tag und dreh mich nochmal um. 5 Minuten später schweigt der Wecker mit seinen chaotischen Zeigern und zeigt mir alles, nur nicht das Richtige.
Ich mache mich auf den Weg, vergesse meinen Regenschirm, vergesse mich und meine Hinweise und laufe zum Bus. Verpasse den Bus, die Fahrerin mag mich nicht, sie fährt immer an mir vorbei. Sie ist verbittert und alt, und ich bin verbittert und jung, so ein großer Unterschied ist das auch nicht, und so geh ich nach Hause und lege mich wieder schlafen.
Im Kino nehme ich deine Hand, sobald das bestimmte Wort genannt wird. Bei unseren Treffen kommst du immer von oben, du gehst immer eine Treppe hinunter und immer warte ich auf dich. Als könntest du mich warten lassen, läufst du immer gespielt langsamer, denn ich würde ja nicht weggehen und du würdest mich ja auch nicht gehen lassen.
Im Zug nach Hamburg machst du Polaroids während ich lese, du liest nicht. Du liest nie, das magst du nicht, aber ich mag deine dunklen Locken und deine Art, Dinge leicht zu sehen.
Du humpelst, ich fliege neben dir her und ich sage Dinge wie "wir müssen die Zukunft antreiben für den passenden Moment."
Doch dafür fehlt mir der Blick und dir die Zeit und du machst dir Notizen auf deiner linken Handhälfte, die ich nicht sehen darf.
Nachts sitzen wir am Hafen und lassen unsere Füße in den Himmel schweben und du sagst Sachen wie "Rede mit mir über Sterne und sag dann: Die brauchen wir nicht, die haben wir schon. "
Wenn wir Platz brauchen, gehen wir auf die Straße vor deiner Wohnung und legen uns auf den herbstlichen Asphalt, Blätter in deinem Haar und ich zerraufe deine Gedanken mit meinen gekühlten Fingerspitzen.
Wenn es regnet, schleichen wir wie Abfalleimer durch die Gassen, du sagst Sätze wie Regenschirme seien auch nur eine Übergangslösung für Zeiten, in denen wir keine passende Antwort auf unpassende Fragen finden.
Manchmal denke ich, dass das doch alles so in Ordnung geht, dass wir genügen, zumindest uns selber oder irgendeinem anderen Zweck. Wenn wir dann das Leben anhalten, um uns zu korrigieren, sieht es doch alles durchschnittlich gut aus und das ist doch besser als durchschnittlich schlecht, oder nur Durchschnitt.
Das ist genauso, wie wenn man betrunken merkt, dass man im Leben die wichtigen Momente einfach immer verpasst, die, in denen die richtige Musik läuft, das Herz richtig schlägt und man sich nicht ermahnen muss, zu Atmen.
Man denkt, man ist verliebt. Und dann schläft man ein, im Zug, in der Straßenbahn, unterm Himmel, wenn es regnet, wenn die Sonne blinzelt, jedoch immer in deinen Armen.
Wir hielten immer die Stellung. Aber wir sprachen nie von Liebe.





Kommentare
unausgesprochenes einverständnis- miteinander.
12.03.2012, 17:05 von Gluecksaktivistinschön!
Das ist so schreckhaft schön dass man es eigentlich gar nicht in Worte fassen kann.Dass eigentlich kein Wort groß genugist um zu beschreiben wie sehr es michbewegt.
12.03.2012, 16:53 von bunteschaosOh, auch wenn ich es hasse, immer wieder nur "gefällt mir" oder ähnliches unter tolle Texte zu schreiben, aber mehr muss man eigentlich nicht sagen, muss man ja nicht zerquatschen, in diesem Sinne:
15.02.2011, 20:55 von topfbluemchengefällt mir sehr!
toll. mich würde der status quo interessieren.
18.09.2010, 01:22 von jules2010Wir hielten immer die Stellung. Aber wir sprachen nie von Liebe.
20.03.2010, 15:43 von T.iffyWenn es irgendwo einen Knopf geben würde, der den Text an alle auf der Welt schickt, würde ich ihn drücken!
Ich erkenne mich in meiner jetzigen Situation sehr wieder. :)
03.12.2009, 20:04 von mella_(Sogar die dunkeln Locken passen :D)
Wirklich sehr sehr guter Text. schön!
"Nachts sitzen wir am Hafen ...."
30.09.2009, 14:09 von candaWunderschön. Das hätte ich gerne geschrieben. Beneide dich um diesen Absatz. Und an so manchem Hafenabend musste ich daran denken.
Das ist genauso, wie wenn man betrunken merkt, dass man im Leben die wichtigen Momente einfach immer verpasst, die, in denen die richtige Musik läuft, das Herz richtig schlägt und man sich nicht ermahnen muss, zu Atmen.
09.07.2009, 19:53 von Drei-Punkte-FreddeEin schöner Vergleich.
So treffend.
Ich mag es.
Besonders der letzte Satz ist einfach nur wunder-, wunderschön
05.07.2009, 15:39 von nivadiva