SilvanSunderbar 08.12.2014, 01:03 Uhr 5 11

Die Poesie der Hilflosigkeit

Den Moment totaler Zentrierung auf das Jetzt, den erreicht man ja auch nicht durch Andeutung.

A. und L. telefonieren und wissen nichts über die Poesie der Hilflosigkeit. Was noch zu tun ist: Duschen, Zigaretten holen, mal wieder klar Schiff machen (Saugen ist auf morgen verschoben) - und vergessen, dass die Welt gerade kein Erfahrungsraum ist.

In der Straßenbahn sitzt sich ein ergrautes Ehepaar am Fensterplatz gegenüber. “Is scho drei?”, fragt sie. Fünf Minuten sagt keiner was. Er antwortet “is doch wurscht”.

L. hat sich Freitags beim Einkaufen geschämt vor der schönen Person, eins weiter hinten an der Kasse. Die Person sah nämlich so alternativ aus, war doch bestimmt vegan, und da macht man einen schlechten Eindruck mit Rollmöpsen, selbst wenn daneben der Wirsing liegt.

A. hat sich Freitags anhören müssen, man müsse nur man selbst sein, (man müsse das ja generell immer) damit man etwas gut macht (und das auch richtig fühlen), lehnt die Küchenphilosophie von Esoterikschnepfen aber grundsätzlich ab.

In der Straßenbahn fasst ein 16jähriger, begleitet von seinen Freunden, einer Gleichaltrigen in den Ausschnitt, sie ohrfeigt ihn, er hört nicht auf, das Mädchen zu belästigen. Man hätte eingreifen müssen. Das weiß man währenddessen, das weiß man danach immer noch. Obwohl man keine Angst hat, bleibt man sitzen und vermutet, dass sie sich kennen und weiß, dass das nicht stimmen kann und auch nichts zus Sache täte.

Am Samstag hat L. drei ganze Stunden auf den Pizzadienst gewartet und dann ostentativ kein Trinkgeld gegeben, fragt sich aber, ob das unterbewusst nur geschehen ist, weil der Pizzabote Türke war.

Am Samstag hat sich A. wieder mal überreden lassen, mit jemandem ins Bett zu gehen. Im Freundeskreis wird gemunkelt, A. mache das nur aus einem Fürsorgekomplex. Das Verhältnis zu den Eltern ist jedoch in Ordnung.

In der Straßenbahn riecht es nach Scheiße. Im Verdacht: Der Rollstuhlfahrer oder ein Obdachloser, zwei Reihen weiter vorne. Jemand steigt ein und bemerkt “da hat oina in’d Hos gschissn.”

Sonntags wird L. beim Brunchen gesagt, dass man erst einmal ein paar Jahre gearbeitet haben müsse, bevor man was zu melden habe, und man solle sich mit Allem nicht so anstellen, man sei schließlich ziemlich privilegiert.

Sonntags schläft A. bis um halb 12, wankt ins Bad, zieht sich an und verbringt den Tag damit, mehrfach aufwändig zu kochen, um beschäftigt zu sein, um nicht über sich nachzudenken. Als jemand anruft, ob man was machen will, sagt A., keine Zeit, “ich muss noch was machen.”

In der Straßenbahn sitzt jemand und denkt sich, dass die mittelgroße Großstadt ja doch an manchen Ecken ziemlich urban wirkt. Aber das Gefühl kompromissloser Ekstase, den Moment totaler Zentrierung auf das Jetzt, den erreicht man ja auch nicht durch Andeutung. Vor allem nicht Sonntagabend, wenn die Straßenbahnen pünktlich sind und an den Glühweinständen vorbeiwalgen, die Anfang Dezember noch ein bisschen traurig machen, wenn man nicht selber besoffen ist.


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5 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Irgendwie erinnert mich der Text stimmungsmäßig an Anna Gavaldas 'Zusammen ist man weniger allein' und ich lese gerade schon zum vierten Mal und kann mich imemr noch nicht entscheiden, Herz oder nicht, oder doch...? :)

    08.12.2014, 19:28 von topfbluemchen
    • 0

      muss ja auch nich!

      08.12.2014, 21:39 von SilvanSunderbar
    • 0

      Stimmt, die Stimmung kommt ja trotzdem an.

      08.12.2014, 21:43 von topfbluemchen
    • 0

      Ich weiß eh nicht, was man sich für diese Währung kaufen kann.

      08.12.2014, 21:45 von SilvanSunderbar
    • 0

      Eigentlich nicht wirklich was. VIelleicht so'n Viertel Pfund Anerkennung.

      08.12.2014, 21:48 von topfbluemchen
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