Die Pinguinkoloniewärmtaktik
Ich glaube ich habe gerade einen neuen Begriff erfunden. Außerhalb der Kreise spezialisierter Biologen und Polarforscher zumindest.
*Also...
Du kommst von der Wahl der Miss Niedersachsen und der Veranstaltungsort, der einzige Club der Stadt, hat gerade geschlossen. Es handelt sich zufällig um deine Geburtsstadt, in der du vor vielen (19) Jahren das Licht der Welt und - dank Umzug - von ihr sonst nichts erblickt hast. Die Uhr zeigt 4 Uhr morgens, das Thermometer -3°C und du kennst dich, abgesehen von Himmelsrichtung („irgendwo da“) und Entfernung des Bahnhofs (3 km), nicht aus. Du bist eigentlich nur hier, weil ein guter Freund von dir mit der amtierenden Vize Miss Göttingen zusammen ist und sie heute an der Wahl zur nächst höheren Miss-Kategorie teilnimmt. Was das mit dir zu tun hat? Du besitzt eine Fotoausrüstung des mittleren Preissegments und hast am Wochenende offensichtlich nichts Besseres zu tun, als mit Kamera und Lernmaterial im Gepäck 350 km (also sechs Stunden) im Nahverkehr zu touren (und dabei die Uniskripte zu lesen, die du an einem Samstag sonst nicht einmal anschauen würdest).
Eigentlich warst du viel zu Müde für die Fahrt, weil ihr am Abend davor in der WG gefeiert habt, und überhaupt. Allerdings war dein Freund auch dabei und hat ebenfalls nur drei Stunden geschlafen, du hast dir endlich den Blitz angeschafft, den du so lange wolltest, und du bist infolgedessen nicht nur ziemlich blank sondern auch scharf darauf, ihn auszuprobieren. Zu all den guten Erklärungen, die du dir selbst lieferst, kommt nun auch noch ein Hauch schicksalhafter Fügung, denn deinen Geburtsort hast du eigentlich nicht in Erinnerung und das Hirnareal für die moralische Rechtfertigung dämlicher Aktionen sagt dir, dass du auch hin fahren solltest – denn wer weiß schon wohin man geht, wenn man nicht weiß woher man kommt. Auch wenn du genau weißt, dass es dunkel ist, wenn du ankommst und es gerade hell wird, wenn du wieder fährst - und du die Zeit dazwischen mit dem Fotografieren von Mädchen in Abendkleidern und Bikinimode und ein paar Cocktails in einer Dorfdisco verbringen wirst.
Das alles geht dir durch den Kopf, während du im Halbschlaf deinem Freund hinterher auf einen Bus zu rennst, einen Koffer voller Schminke und Klamotten der Wettbewerbsvierten (aber immer noch Vize Miss Göttingen) und deinen Rucksack voller Fotozeug schleppst (und zum Lohn genötigt wirst 4€ für eine einfache Fahrt zum Bahnhof abzudrücken). Warum du (und nicht ihr Kerl) den Koffer trägst wird dir nicht so recht klar, aber ein warmer Sitzplatz, der Schnee draußen und die Tatsache, dass du die letzten sieben Stunden pausenlos auf den Beinen warst, lassen dich deinen Protest vergessen. Während Madame sich im Bus über die Fahrpreise aus lässt denkst du im Dösen weiter über den Abend nach. Du wunderst dich, warum sie nicht unter die drei Besten gekommen ist. Wenn man sich die Siegerin ansieht könnte man fast meinen, dass die Ausstrahlung einer Badematte und eklatante IQ-Defizite zu den Basisqualifikationen für den Titel gehören (Qualitäten, von denen eure Begleitung zum Glück weit entfernt ist). Eigentlich kein Wunder, bei dem Dieter Bohlen Verschnitt der das Event moderiert hat – aber die paar Leute aus der Jury mit denen du geredet hast, haben eigentlich einen vernünftigen Eindruck gemacht. Egal, denn obwohl du selbst nicht gerade Weltklasse bist, besitzt Fräulein garantiert das beste Set Fotos, das an diesem Abend von einer einzelnen Teilnehmerin entstanden ist.
Du stellst fest, dass der Bus um einiges länger braucht als das Taxi und die Emsländer Dorfjugend auf die Kombination von Party, Misswahlen und Busfahrt vor allem mit einem reagiert: Lautstärke.
Auch das ist dir bald egal, weil dir gerade eingefallen ist, dass zwischen euch und dem ersten Zug noch immer dreieinhalb Stunden bei etwa ebenso vielen Minusgraden liegen.
Am Bahnhof angekommen kriegst du doch noch einen kleinen Stadtrundgang. Die Bahnhofshalle öffnet noch lange nicht und auf der Suche nach einer beheizten Bar oder irgendeinem anderen Ort, an dem man ein paar Stunden verbringen kann (ohne dabei jämmerlich zu erfrieren) latscht ihr quer durch das Bisschen vorhandener Innenstadt. Dir wird klar, dass eine einzige Fahrt nicht nur alle deine Vorurteile über Misswahlen bestätigt, sondern mit deiner Abneigung gegen Kleinstädte ähnlich verfährt. Einige (sehr kalte) Runden um den Marktplatz später sitzt ihr also in einer jener Bankfilialen, die nach Geschäftsschluss noch einen Innenraum mit Bankautomaten über ein Kartenschloss erreichbar halten. Tür auf, Leute rein, Tür zu.
Drinnen holt euch die Müdigkeit ein und während du noch abwägst, ob du auf dem Steinboden auskühlst oder den eingelassenen Teppich darauf mit dem wahrhaftigen Bodensatz der Stadt teilst, liegt das Pärchen schon an die Wand gelehnt und ist am einschlafen. Du entscheidest dich für den Teppich und machst eine geistige Notiz, den Mantel zu waschen, erklärst deinen Rucksack zum Kopfkissen und legst dich hin. Warm ist eure provisorische Unterkunft noch lange nicht und du fragst dich am Rande deines Bewusstseins, ob dein Gesicht in den nächsten Tagen unter „jugendliche Asoziale pennen in Bankfiliale“ in Internetvideos zu sehen sein wird, aber es könnte schlimmer sein. Vielleicht gibt es ja ein Publikum aus gelangweilten Wachmännern, die möglicherweise zu amüsiert oder nett sind um die Polizei zu rufen. Vielleicht auch nicht, jedenfalls zieht es nur mäßig und der Wind bleibt draußen.
Du schläfst ein und hast die Gedanken von Überwachungskameras und Eiswüsten noch halb im Kopf, als dir plötzlich auf geht, dass du ja wieder wach bist. Du stellst fest, dass sich etwas verändert hat und dann merkst du, dass es auf einmal angenehm warm ist. Ein kurzer Blick über die Schulter erklärt das Phänomen, denn die Temperaturschwankungen haben höchstwahrscheinlich etwas mit einer Vize Miss Göttingen zu tun, die sich an dich angekuschelt hat und ihrerseits von ihrem Freund umarmt wird. Anscheinend macht der Teppich mehr her als Steinboden und Wand, aber dir ist gerade nicht danach, den genauen Unterschied selbst heraus zu finden. Stattdessen beschränkst du dich aufs Nichtstun und genießt die Verbesserung der Schlafbedingungen, während du innerlich das Dasein als Single verfluchst.
Mit schlechtem Gewissen gegenüber deinem Freund jenseits der unerwarteten Wärmequelle rückst du ein Stückchen näher und bemerkst, dass der weibliche Anteil von euch dreien trotz allem vor Kälte zittert. Du tauschst deinen Mantel gegen ein nicht ganz so schlechtes Gewissen und die Vorahnung einer Erkältung und deckst Madame zu.
Aus irgendeinem Grund erinnerst du dich plötzlich an einen Film über den Nordpol, den du vor einer halben Ewigkeit gesehen haben musst, weil du eigentlich nie fernsiehst. Du weißt noch, dass Pinguine eine sehr effektive Methode gegen die Kälte entwickelt haben. Die ganze Kolonie rückt zusammen, wärmt sich gegenseitig und jeder darf mal nach innen. Irgendwie kommt dir das Prinzip bekannt vor...
Das war wirklich das erste Mal, dass ich mich ansatzweise mit antarktischen Meeresvögeln identifizieren konnte.






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