Die Photographie und ich
Brief an Felicia
"i have this yearning for knowledge", hast du mal zu mir gesagt. da saß ich glaube ich in deinem zimmer, und draußen war es dunkel, und du hast söckchen mit punkten getragen und deine hübsche jeans, die dir so gut passt, und ein kleidchen. vielleicht hast du es auch gesagt, als wir so tief in der nacht von mir zu dir gelaufen sind, es war so kalt, und der weg so lang, aber wir haben es hinter uns gebracht. bei dir gab es kekse mit schokoladenüberzug auf der einen seite, ich hab einen davon gegessen, du nicht. dein zimmer erinnerte mich an meins, nur dass es kahler war, aber ich erkannte diese art der dinge, nicht genau zu wissen wo sie stehen sollten, oder sich irgendwie zu fragen scheinen warum sie stehen wo sie stehen, oder warum sie überhaupt stehen.
es wird ehrlich schwer, von dir wegzugehen, besonders weil ich merke wie du mir im nächsten halben jahr ans herz wachsen wirst mit deinen schmalen haarreifen im nordisch glatten haar, deinen großen, blinkenden, augen und dem kleinen ernsten mund. was wird aus dir wenn ich weggeh? und was wird aus mir? ich mag dich nicht verlassen. willst du nicht mit mir kommen?
zu schade dass du kein deutsch sprichst.
dann wird diesen herbst die freude über den neuanfang beschattet von einem verlust und einem schweren abschied.
aber vielleicht nimmt mich leipzig ja gar nicht, und dann bleib ich da! juchhei!
schon komisch wie man immer nur die mag, die man mag, und nicht die, die man mögen will.
ich war mir ja nicht bewusst, wie sehr dus mir angetan hast. ich hab es wohl geahnt, oder hab gemerkt, dass bei dir was anders ist, als bei den anderen. viele dinge waren natürlich gleich. meine art, angst vor dir zu bekommen, und dadurch im öffnungsprozess zu stagnieren. die wie immer zu frühe erkenntnis, dass auch unsere gleichheit ihre grenzen hat, und sich dann in diese ähnlichkeit wandelte, der immer zu viele parallelen fehlen. der folgende bittere abklang der euphorie.
aber irgendwas war trotzdem anders.
seitdem spiegelt sich überall um mich das subtile, das wahre, das so flüchtig ist, dass wir es nie und nimmer fassen können. überall läuft es mir in die arme, es schmiegt sich an mich und sickert langsam ein. es geschieht mir sozusagen.
das subtile, das essentielle jeder begegnung und jeden erlebnisses, ohne das das leben an seinem innersten punkt leer und schwer ist, und das sich nicht nur nicht fühlen lässt, sondern schlichtweg verschwindet, wenn man allzu eifrig und heftig versucht zu leben. das grinsend in den bäumen sitzt und mit seinem permanenten schelm die kraft und ausdauer hat, uns so lange zu ärgern, bis wir es, aus frustration dass es uns dauernd entwischt, am liebsten aus dem nächsten fenster stürzen würden. es ist ständig da, sitzt uns im nacken, aber je wilder wir um uns schlagen, desto flinker wird es. bis es sich schlussendlich so schnell dreht, dass es verschwindet. und wir stehen schon wieder mit leeren händen da.
es wäre zum totschießen, wenn es nicht so ironisch wäre.
und vorhin, als ich durch leipzig zum hotel zurück gelaufen bin, da hab ich gemerkt, was es ist, das mir an meinem neuen blick auf die welt so gefällt: der witz. ich kanns nicht so richtig beschreiben glaub ich, aber ich werds versuchen.
da ist auf einmal eine sanftheit in den dingen, in den formen, in allem. die ist einfach da, ich muss sie nicht mal suchen, sie ist einfach da. ich sehe mich in der welt um und alles scheint zu stimmen, ich sehe zum beispiel eine straßenkreuzung und irgendwie spielen die formen in einer art und weise zusammen, und präsentieren sich mir so dass es sinn macht, aber ich komm nicht dahinter, welcher sinn es ist. die welt, die, sozusagen als künstlerin, die formen für mich arrangiert, weiß dass ich es nicht verstehe und amüsiert sich über mich. sie lässt mich wissen, dass ich es nie und nimmer verstehen werde, so sehr ich es auch drehe und wende. das schafft zwar eine distanz, schafft klare hierarchische verhältnisse (welt: lehrer, ich: ewiger schüler) und zieht eine glaswand zwischen mich und die welt, andererseits schafft es aber auch eine verbindung. zwar keine direkte, aber es ist als wäre ich mit ihr im dialog. im konsens. "so seh ich aus, und du darfst mich angucken und abbilden", scheint die welt zu sagen, "aber anfassen, das geht nicht. kannst du nicht."
stattdessen versuche ich jetzt den menschen zu verstehen, bzw. ich bemühe mich, das wenige, das zu verstehen mir eventuell gebührt ist, auch wirklich zu verstehen und zu begreifen. im rahmen meiner menschlichen fähigkeiten eben. im grunde gibts da ne menge, sogar so viel dass ich nie im leben durchkomme, also wiederum auch wieder wenig.
aber jeder mensch befindet sich in der zwickmühle mit der welt, aus dem grunde sitzen wir alle im gleichen boot, auch du und ich, und ich kann den übergroßen respekt vor dir verlieren und mich als deinesgleichen betrachten.
oder die anderen alle als meinesgleichen. besonders diese ganzen unausstehlichen intellektuellen und künstler, die mit ihrer fanatischen gründlichkeit und ihren nervtötenden eigenheiten, allüren und neurosen unermüdlich versuchen, die welt, sich und die anderen zu verstehen und wieder und wieder abzubilden, zu formulieren, auszuloten.
ich geh jetzt ins bett. am montag sehen wir uns wieder.





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