Frau_Beck 12.03.2008, 13:09 Uhr 1 0

Die Mitbewohnerin

"Stillstand ist des Tod, geh voran, bleibt alles anders."

„Hey, du sag mal, wie is’ denn der Prof so?“ Sie sah mich mit großen Augen an und lächelte kurz. „Ich weiß es nicht, ist die erste Vorlesung meines Lebens“, antwortete ich und sie lachte. Und so begann in der ersten Vorlesung meines studentischen Lebens unsere Freundschaft. Es war eine Strafrechtsvorlesung.

Sie kam damals ein wenig spät und ich war eigentlich schlecht gelaunt und wollte nur meine Ruhe haben, aber sie ließ mir keine. In der darauf folgenden Woche war sie nicht da und ich war ein wenig traurig darüber, denn ich hatte schon da das Gefühl, mit uns könnte das was werden.

In der dritten Woche ließ sie sich dann neben mich auf den Sitz fallen und grinste mich an, und ich freute mich. Sie erzählte, dass sie erst kurz vor Beginn des Semesters zum Jurastudium zugelassen wurde, eigentlich wollte sie Medizin studieren, doch sie hatte den NC nicht erreicht. Sie suchte damals kurzfristig eine Bleibe und kam bei Jesko unter. Einem Jura –Spießer aus dem Bilderbuch. Sie fand ihn damals schon unausstehlich, aber sie war froh, wenigstens ein Dach über dem Kopf gefunden zu haben. Ich wohnte bei Alex, er war Frisör und ausnahmsweise ziemlich hetero. Nett, aber Putzeimer und Lappen kannte er auch nur vom Hörensagen.

Wir gingen oft zusammen aus, sie und ich, redeten nächtelang über unsre Beziehungen, die Uni, das Leben und die Stadt, die nicht wir, sondern die eher uns ausgesucht hatte. Wir sahen uns einmal die Woche in der Uni, in der Strafrechtsvorlesung, denn ich studiere Soziologie und Kriminologie und habe ausser in Strafrecht mit den Juristen nichts am Hut.
Nach einem halben Jahr beschlossen wir zusammenzuziehen, denn sie wollte vor Weinabenden im Polohemd und ich vor Kakerlaken fliehen.

Wir steckten viel Arbeit in unsere Wohnung, viel Geld und viel Schweiß und abends gingen wir aus, gemeinsam. Oder wir saßen vor dem Fernseher, gemeinsam. Wir tranken Wein in der Küche und rauchten so viel, bis wir Kopfschmerzen bekamen, gemeinsam. Wir kochten und aßen, gemeinsam. Wir diskutierten die Männerwelt und waren verschworen, gemeinsam.
Wir waren ein Team und lernten die Eigenarten der andern zu schätzen. Sie war die nordische Kühle, die immer in bisschen brauchte, um aufzutauen. Ich war die Emotionale aus dem Süden. Wir ergänzten uns, denn sie hatte die Antworten auf das, was ich nicht wusste und umgekehrt.
Wir hielten uns aneinander fest in einer Zeit, in der wir ausprobierten, wer und wie wir sein wollten. Wir waren unbeschwert.

Wir wohnen, nein, wir leben seit zwei Jahren miteinander. Und so schön diese Zeit auch war, unsere Ansichten haben sich wohl gedreht und irgendwie haben wir einen Weg eingeschlagen, der nicht mehr das gleiche Ziel hat. Manchmal glaube ich, wir haben uns zu fest gehalten und wollten uns nicht eingestehen, dass nicht nur ein wir gibt, sondern auch ein du und ein ich. Das sich unsere verschworene Gemeinschaft langsam auflöst, ist für mich schwer einzusehen und oft wünsche ich mir, alles wäre so, wie vor zwei Jahren.

Im Winter geht sie mit ihrem Freund für ein Jahr nach Spanien und ich werde sie besuchen, als ihre Freundin. Und ich werde wohl mit dem Wissen zurückkommen, dass, egal welchen Weg ich gehen werde, sie meine Freundin bleibt. Und ich werde wissen, dass es eben auch sein Gutes hat, das wir uns verändert haben. Denn Stillstand kann den Tod für eine Freundschaft bedeuten.

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Kommentare

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    Immer dieser Jesko...

    14.07.2010, 21:36 von non-liquet
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