Frau_Irma 30.11.-0001, 00:00 Uhr 16 34

Die Hälfte von Uns.

Immer wollten wir so bleiben. Jung und frei und schön.

Wir kennen uns jetzt seit über 22 Jahren. 
Wenn ich das so schreibe, komme ich mir zum ersten Mal alt vor. Dabei sind wir doch gar nicht alt. Wir sind doch immer noch wir. Oder? 

Wir sind diejenigen, die in der Grundschule gestritten haben, weil wir uns eigentlich nicht mochten, weil du denselben Pullover wie ich hattest und dieselben Noten. Und wir sind die, die sich dann trotzdem angefreundet haben. 

Wir sind die, die eigentlich gar nicht zusammen gepasst haben, aber doch gleichermaßen anders waren. 
Wir sind die, die in diesem alten Auto über die Schnellstraße geheizt sind und bis morgens an der Tanke standen, weil in dem kleinen Kaff, das wir Heimat nannten, nach Mitternacht nichts mehr offen hatte. 
Wir lagen auf dem kleinen Steg am Fluss mit Dosenbier und fühlten uns frei.
Wir haben im Unterricht über Dinge gelacht, die niemand verstanden hat, bis wir rausgeschmissen wurden. 
Wir haben nicht viel über Jungs geredet, weil wir uns so unabhängig vorkamen. Wir wollten nicht dumm Händchen halten, wir wollten unser Ding machen. Frei sein. Gemeinsam. 
Wir konnten uns alles erzählen und mussten uns nie viel erklären. 
Wir hatten dieselben Leistungskurse, dieselben Lehrer und fast denselben Abischnitt. Wir haben dasselbe studiert - und doch ist jeder seinen ganz eigenen Weg gegangen. Unsere Städte haben Kilometer getrennt, unsere Seelen keinen Zentimeter.
Wir waren anders. Für mich warst du der loyalste Mensch der Welt. 
Du warst meine beste Freundin.

Und dann passierte das, was doch sonst nur diesen doofen Mädchen passiert ist, über die wir uns manchmal lustig gemacht hatten. 
Die sich neongelbe Freundschaftsbändchen geschenkt und sich "beste Freundinnen für immer" schimpften, während sie bei der nächstbesten Gelegenheit übereinander lästerten. 
Es kam ein Mann dazwischen. 
Und ich habe dir gesagt, du musst ehrlich zu mir sein und dass kein Mann der Welt es wert wäre, dass unsere Freundschaft kaputt geht.
Und du sagstest, dass alles ok ist.
Aber das hat nicht gestimmt.
Weißt du, als er mich küssen wollte, da hab ich an dich gedacht. Gedacht, dass ich das vorher mit dir klären muss. Mir war ganz schlecht. Und ich hab ihn nicht geküsst. 
Und du? Du hast dich einfach betrunken und es dann getan. 
Und ich wünsche dir wirklich, dass du mit ihm glücklich wirst. 
Aber ich habe hier noch Nachrichten von ihm und eine Karte mit einem Herz darauf. Und das wird immer komisch bleiben.
Nicht weil er mir das Herz gebrochen hat, ich war nicht verliebt. 
Aber du hast es getan. Du hast mir das Herz gebrochen.
Ich weiß, wir haben schon darüber geredet. 
Weil ich Dinge klären will. Und weil ich Dinge nicht verlieren will. Und weil du doch immer so loyal warst.
Aber es gibt Dinge, die kann man nicht rückgängig machen. 
Und das wurde mir erst jetzt bewusst. Als ich neben dir stand, unser Lied kam und ich es nicht mehr gespürt habe: ich habe UNS nicht mehr gespürt.

Entscheidungen trifft man. In einem Moment. 
Du hast dich gegen uns entschieden, weißt du. 
Oder du hast das einfach alles nicht mitbekommen, weil du so mit dir beschäftigt warst und nicht mehr richtig hingesehen hast, dass es noch andere Menschen um dich herum gibt. 
Ich habe auch noch andere Menschen um mich herum. Denen ich vertraue, die loyal sind. Sie sind nicht so wie du. Und ich kenne sie nicht so lange wie dich. Und wir können auch nicht über die Geschichten aus dem Schullandheim in der fünften Klasse lachen oder uns über unseren alten Französischlehrer lustig machen. Und glaub mir, das fehlt mir manchmal. Aber sie geben auf mich Acht. Und sie geben mir Vertrauen.
Ich dachte immer, dass uns das nicht passieren kann. 
Uns doch nicht. Wir waren doch Old Shatterhand und Winnetou.

Ich habe einen Freund und bin glücklich, aber ich kann dir nicht davon erzählen. Weil ich es nicht will. Ich dachte immer, dass alles anders kommen würde.

Und du siehst mich an, als ob nichts wäre. 
Aber es ist alles. Alles kaputt.

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16 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Great!

    24.10.2014, 08:08 von annelenchen
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  • 0

    Großartig be- und geschrieben. Danke dafür!

    22.10.2014, 11:45 von MsEs
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  • 0

    Das müssen aber 22 oberflächliche Jahre Freundschaft gewesen sein.. du schreibst selbst, dass du nicht verliebt warst?! Nun bist du doch in einer glücklichen Beziehung.. das ist es doch was man will und auch für seine Besten.. ich sehe das wie jetsam

    22.10.2014, 11:01 von NostaIgia
    • 2

      Du vergisst da einige sehr entscheidende Dinge, die emotional und kognitiv so komplex sind, dass sie sich schlicht nicht in Worte packen lassen.
      Du musst etwas mehr zwischen den Zeilen lesen, heißt die Worte fühlen - denn Du kannst das nur verstehen, wenn Du genau das tust.

      28.10.2014, 19:05 von Ian_James_Dean
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  • 0

    ich habs nicht ganz durchgelesen, aber allein für den Titel bekommst ein 'mag ich' :)

    18.10.2014, 21:20 von meerjungfraeulein
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  • 1

    Frauen, Loyalität und

     Hormone is scho ne seltsame Mischung^^

    11.10.2014, 12:34 von Hattori-Hanzo
    • 2

      Na klar. Das ist natürlich der Grund für alles. 

      12.10.2014, 18:17 von cosmokatze
    • 0

      No, Gründe gibts viele.

      Aber die Hemmungen scheinen au net bei allen Frauen so groß zu sein, wenn ma der Umfrage glauben will. 
      (Und scho klar, Umfragen sind immer so ne Sache)

      12.10.2014, 19:20 von Hattori-Hanzo
    • 0

      Jaja, die bösen Frauen.

      13.10.2014, 08:27 von Pixie_Destructo
    • 0

      Ah sie scho wieder^^


      >Jaja, die bösen Frauen.<
      Sagt wer?

      13.10.2014, 13:46 von Hattori-Hanzo
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  • 2

    irgendwo in der mitte des textes hast du mich als Leser verloren. anfangs gut aufgebaut rutscht der text dann in eine richtung aufarbeitung längst vergangener geschehnisse.

    "Wir haben schon darüber geredet"

    danach folgt eine rechtfertigung, die in ihrer darstellung für mich nicht nachvollziehbar ist. freundschaft ist kein zwang und hält auch andere freundschaftliche beziehungen aus. freundschaften respektieren  die eigene entwickung, wie auch die des anderen.

    ich buche den text mal als naive trotzhaltung, etwas falsch verstanden zu haben, was mir der satz : "Weil ich nicht will" bestätigt.

     

    08.10.2014, 11:19 von jetsam
    • 0

      Interessant. Gerade das mit der "Trotzhaltung". Muss ich drüber nachdenken. Könnte aber was dran sein.

      08.10.2014, 12:19 von Frau_Irma
    • 2

      Jein.
      Damals , als meine "beste" Freundin mein Herz brach, war es zuerst Trotzhaltung. Und dann , als Zeit verging und die Sehnsucht nach ihr größer wurde, habe ich ganz genau hingeschaut...kann die Sehnsucht den Vertrauensverlust wettmachen ? Kann ich mich jemals wieder bei ihr "fallen" lassen ? Oder ist die Freundschaft immer überschattet und ich bin immer in Alarmbereitschaft ?
      Ich musste mir letzteres eingestehen.

      09.10.2014, 11:13 von cosmokatze
    • 0

      jetsam hat heute kopf mit dicken augen. ist also nix mit texte auseinandernehmen. aber ich komme darauf zurück. ;)

      09.10.2014, 11:49 von jetsam
    • 0

      Ich leide mit dir.

      11.10.2014, 13:52 von Agmokti
    • 0

      Oh es kann definitiv weh tun, nicht die Situation an sich, sondern wofür sie steht. Also tut nicht weh, dass die 'Freundin' den Typen bekommt, man war ja eh nicht verliebt. Aber dass sie gedankenlos das tut, was sie einem selbst wahrscheinlich vorgeworfen hätte. Und dass sie sich nicht die Fragen gestellt hat, die man sich selbst eben gestellt hat, und die einen zögern lassen. Was wäre denn gewesen, hätte man ihn gewollt.

      Und dann ist das eine Art Gefühls- und Vertrauensbruch, der schwierig zu kitten ist.

      24.10.2014, 11:36 von Kathue-tata
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