juhulia 25.03.2007, 01:49 Uhr 6 6

Die Gedanken fliegen lassen

Manchmal rufst du mich abends an. "Gehen wir noch ne Runde über die Felder?" Es ist schon spät, und eigentlich wollte ich ins Bett...

"Ok, bis gleich...!"
Dann stehst du vor meiner Tür. Wir begrüßen uns leise, denn in der nächtlichen Stille schlüpft jedes Flüstern durch die gekippten Fenster und macht schlaflose Seelen zu heimlichen Mitwissern. Nicht, dass es verboten wäre, doch diese Momente teile ich nur mit dir. Und nur mit dir.

Unsere Füße kennen den Weg, und während sie uns durch die schlafenden Straßen führen, plaudern wir über die und das; was die Woche brachte und wie das Wetter war, wann wir zuletzt von diesen oder jenen Leuten etwas gehört haben.
Doch sobald wir den weiten Blick über die Felder haben, verstummen wir.
Wenn wir am Waldrand laufen, gehst du immer zwischen mir und den Bäumen, „falls da mal was Böses rauskommt, kann ich dich beschützen“ hast du mal gesagt. Ich werde es nie vergessen.
Die Alltagsgedanken machen Platz für das, was tief in uns liegt. Die Fragen nach dem Sein, dem Sinn und ob man das, was man erlebt, verdient hat. Wie die Liebe einem wehtun kann und warum man nie müde wird, über sie zu philosophieren. Auch Erinnerungen an alte gemeinsame Zeiten, in denen wir noch so anders waren, dachten – naiv. Manchmal überkommt uns dann fast Traurigkeit, wenn uns die Grenzen der Kindheit, unseres Handelns und Denkens bewusst werden.
Der sternklare Himmel gibt seinen Teil dazu. Wir versuchen, das riesige Schweigen mit unseren - angesichts dieser Unendlichkeit bedeutungslosen - Antworten zu füllen. Dass wir jedes Mal scheitern... macht nichts. Deswegen sind wir nicht hier.
Es sind die Momente, in denen wir gefühlte Ewigkeiten nebeneinander herlaufen können, schweigend, und die Gedanken fliegen lassen wie einen Drachen, den wir nicht unter Kontrolle haben. Er zieht uns mit dem Wind in die Ferne, zu vergangenen und wartenden Abenteuern, um uns dann über viele Ecken wieder zurückzubringen.
Wir müssen nichts reden, wir sind gekommen, um zusammen zu schweigen. Die Stille zwischen uns bohrt nicht wie unausgesprochene Worte, die gesagt werden sollten. Sie spinnt zarte Fäden, und wenn ich ganz genau hinfühle, spüre ich sie glitzern wie einen unendlichen Schatz; höre sie wunderbare Melodien klimpern, die nur wir hören.

Jede dieser Nächte ist ein Gedicht. Sie dauern Ewigkeiten und sind doch so schnell vorbei wie ein Wimpernschlag. Als wir uns vor meiner Haustür wieder verabschieden, sind wir soviel ruhiger; haben Gedanken geteilt, verworfen und in die Welt geschickt, auf dass sie uns in einer anderen Nacht wiederfinden…

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Kommentare

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    sehr schön

    "Dass wir jedes Mal scheitern... macht nichts. Deswegen sind wir nicht hier." deswegen nicht

    und freunde sind die, mit denen wir auch einfach nur schweigen können

    danke

    20.10.2008, 22:32 von Mein_jetziges_Leben
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    Wunderschön herrlich!

    03.10.2008, 01:15 von anuka
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    "Wir müssen nichts reden, wir sind gekommen, um zusammen zu schweigen."

    kenn ich. toll geschrieben.

    03.07.2008, 22:20 von pfuetzenhuepferin
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