Die Geburt einer Familie
Ich hatte es mir nur anders vorgestellt. Ich hatte mehr an Schmerzensschreie und schweißverschmierte Schenkel gedacht.
Dass ich mal Mutter werde, war mir klar, schon immer. Nicht zu spät und mindestens zwei Kinder. Ich hatte es mir nur anders vorgestellt. Ich hatte mehr an Schmerzensschreie und schweißverschmierte Schenkel gedacht, an ein neunmonatiges Anschwellen und an ein endgültiges Platzen.
Doch jetzt sitzen wir hier, einer leicht irritierten Dame mittleren Alters gegenüber, die versucht, uns über unsere Pflichten und zukünftige Verantwortung aufzuklären. Sie unterstreicht ihre Worte mit einem Kugelschreiber, wild gestikulierend in der Luft. Ich muss lachen. Du auch. Die Dame nicht.
Ich schau dich an und ich kann mir einfach nicht helfen, aber ich komm nicht drum rum, mir zu denken: Treiben wir es zu weit? Ich weiß, dass wir ein komisches Bild abgeben, wir Zwei. Du bist knapp 1 ½ Köpfe kleiner als ich und schmal von der Statur. Ich kann auch nicht behaupten, dass es Liebe auf den ersten Blick war. Nein, wirklich nicht.
Wir kennen uns, seit ich klar denken kann, sind zusammen aufgewachsen, aber keine Liebe. Wir sind zusammen steil gegangen und abgestürzt, aber keine Liebe. Haben uns nachts auf Bahnhöfen betrunken und unsere erste Zigarette zusammen geraucht. Wir haben uns manchmal geküsst und stundenlang vorm Fernseher gelegen, aber keine Liebe.
Wir haben Schulabschlüsse und Diplome zusammen gefeiert, und als du in eine andere Stadt gezogen bist, habe ich geweint. Wir haben telefoniert und uns besucht, aber keine Spur von der Liebe.
Als du dich von deiner langjährigen Beziehung getrennt hast, hast du geweint, und ich habe geflucht und geschimpft. Ich sagte, dass ich mir keinen besseren Menschen als dich vorstellen könnte und wie hübsch du wärst. Ich sagte, ich würde dich sofort heiraten und wir müssten nur ein wenig abwarten, bis wir den richtigen Eimer für unseren Arsch finden. Du hast gelacht und genickt.
Du hast acht Jahre lang genickt. Dann hast du den Kopf geschüttelt und gesagt, du magst nicht mehr warten und warum wir denn nicht einfach heiraten würden. Ich habe gelacht. Du nicht. Du warst ganz ernst.
Unsere Freunde und Familien wollten es nicht glauben, konnten es nicht glauben. Wir waren doch die besten Freunde. Du antwortetest immer lachend, du hättest endlich deinen Eimer gefunden hast. Wir haben uns gefreut, und der Tag unserer Hochzeit war wirklich der schönste meines Lebens.
Unsere erste gemeinsame Wohnung ist zwar klein, aber wir haben uns sofort in sie verliebt. Komisch, wie schnell man sich verlieben kann. Küche, Bad, zwei Schlafzimmer mit Balkon.
Unser Leben ist schön. Wir frühstücken zusammen, fahren in den Urlaub und lachen uns kaputt über Kleinigkeiten. Wir gehen zusammen weg, manchmal auch alleine. Manchmal kommen wir nach Hause, manchmal nicht. Und ich bin mir sicher, unsere Beziehung ist besonders.
Dann haben wir beschlossen, wir wollen Kinder, doch da wir keinen Sex haben und es für uns aus gegebenen Umständen nicht möglich ist, auf natürlichen Wege Kinder zu bekommen, haben wir uns für Adoption entschieden.
"Mhhh? Was?"
"Schatz, du musst jetzt die Papiere unterschreiben."
Ich schaue auf die Dokumente, die vor mir liegen. Die Wörter verschwimmen vor meinem Augen zu einem Buchstabenbrei. Entdecke die Zeile, in der ich unterzeichnen soll. Die Dame zielt mit ihrem Kugelschreiber auf mich. Ich schwitze, bin dem Platzen nah.
Gehen wir jetzt zu weit? Eine weiterer Darsteller in unserem Stück. Wir zu dritt in unserer Wohnung. Man müsste das Szenarium ändern und aus einem der Schlafzimmer ein Kinderzimmer machen.





Kommentare
Solange es alle glücklich macht is alles erlaubt,ob sex oder nicht. Außerdem ists doch egal was der rest geht, erwartet ja niemand dass andere das übernehmen.
13.02.2010, 23:55 von _Jule_Ich kann da glücklicherweise alles akzeptieren,auch wenn ich vll nicht alles verstehe.
Ich würde mich jetzt sehr über eine Auflösung der "Rätsel" freuen.
20.08.2009, 16:47 von MagicEyeIch hab alle (!) Kommentare gelesen und find es super spannend, dass ein Text so viele Fragen aufwerfen kann und dennoch nicht blöd wird. Blöd in dem SInne, dass er ZU viele Fragen aufwirft, um ihn noch gut zu finden.
Also: bitte, bitte, bitte auflösen! :-)
schon mal drüber nach gedacht, dass es 2 Frauen sein könnten?
13.08.2009, 14:48 von tigerfroschToller Text.
12.08.2009, 13:30 von circaviolettZwar überlege ich auch, ob zwei Damen oder dies und das, aber eigentlich verdeutlicht dieser Text doch nur, wie die Liebe auch anders funktionieren kann.
Und grade weil so oft betont wird, dass es keine Liebe ist, ist es welche. Nur eben nicht die, die wir durch Medien und sonstiges immer und immer wieder auferlegt bekommen.
Viel Glück euch dreien in der Wohnung.
Ja, Liebe. Das ist schnell gesagt. Schnell versprochen. Schnell gebrochen. Statt über sie zu sprechen...
11.08.2009, 03:57 von ZeitigNein, hat SIE noch nicht und SIE findet die Dikussion auch viel zu interessant um sie durch irgendein Kommentar ihrerseits zu beinflussen...
06.08.2009, 23:04 von zirtonenfaltermein Problem mit dieser Art von Beziehung ist, der beigeschmack vom Aufgeben der wirklichen Liebe und dann den besten Kumpel heiraten, um überhaupt verheiratet zu sein. womit ich nicht unterstellen will, dass dies hier der fall ist, es erweckt auf mich nur den eindruck. ich finde nach wie vor, dass eine Heirat und auch eine Ehe den liebenden (den sich nicht nur platonisch liebenden) vorbehalten sein sollte und alles andere Zynismus ist (und Zynismus muss man mit dem Leben und seinen Erfahrungen entwickeln, nicht da von klein auf an hineinwachsen- das macht doch depressiv!)
06.08.2009, 19:34 von lara87PS: danke für die Aufklärung zum Thema Binsenweisheit, meine Deffinition davon war eine ander
@lara87
06.08.2009, 11:54 von sailor»Binsenweisheit
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Als Binsenweisheit oder Binsenwahrheit bezeichnet man einen Gemeinplatz oder eine allgemein bekannte Information. Der Begriff wird insbesondere dann verwendet, wenn zum Ausdruck gebracht werden soll, dass eine als interessant vorgetragene Erkenntnis im Grunde keinen besonderen Wert hat.«
Wer sonst, wenn nicht die Eltern haben entscheidenen Einfluss auf das Kind?
Man wird nicht schwul, man ist schwul.
Genausowenig, wie man heterosexuell wird.
Man hat eine sexuelle Neigung und die gilt es zu entdecken.
Auch eine spannende Aufgabe für Eltern, den Kindern dabei unfallfrei zu helfen...
»sie verinnerlichen die weltanschauung, wertevorstellungen, etc. ihrer eltern und in diesem Fall ist das für künftige Beziehung des Kindes meiner meinung nach eher fragwürdig.«
Ich verstehe immer noch nicht, was es für ein Problem mit dem Zuschnitt der obigen Beziehung gibt...
Ich kenne ein paar Menschen, die die von meinem Eltern vorgelebten und von mir zweifelsohne verinnerlichten Wertvorstellungen und Weltanschauungen für fragwürdig halten.
Das ist aber nunmal zunächst eine reine Geschmackssache.
Sailor es ist keine Binsenweisheit, das Eltern Einfluss auf ihre Kinder nehmen. In der entwicklung eines Kindes Spielen 3 Faktoren eine Rolle: Gene, Umfeld und aktive Selbstbestimmung! (Nachzulesen in jedem halbwegs seriösen Pädagogikbuch- ich versteh schon was von meinem Job!!)
06.08.2009, 10:49 von lara87Alles anderen sei gesagt, dass der Peinlichkeitsfaktor natürlich immer da ist etc. und wie bereits gesagt, dass auch alles halb so schlimm ist, wenn die Beziehung der Eltern von vornherein kindegerecht offen dagelegt wird, als selbstverständlich betrachtet wird und kein Hehl daraus gemacht wird.
Erfahrungsgemäß ist das leider selten so! Gerade Adoptiveltern versuchen ihren Kindern oft so viel gutbürgerliche Normalität vorzuleben, wie es geht (auch wenn sie ihren Kindern damit keinen Gefallen tun) und vieles wird unter den Tisch gekehrt, was gerade in einer solchen Familie besprochen werden sollte und dann kommt irgendwann der große Knall und alles kommt raus. was in diesem Moment in dem Kind vorgeht, kann und will man sich wohl gar nicht so genau vorstellen. Abschließend bleibt zu sagen, dass Kinder natürlich nicht das ebenbild ihrer Eltern werden (ein Sohn zweier schwuler Väter muss z.b. nicht unbedingt auch schwul werden), aber sie verinnerlichen die weltanschauung, wertevorstellungen, etc. ihrer eltern und in diesem Fall ist das für künftige Beziehung des Kindes meiner meinung nach eher fragwürdig.
Achso: Das wir so endlos darüber debatieren, ob das alles gesund und richtig ist, ist für mich schon der Beweis, dass ich dem Ehepaar kein Kind in die Hand drücken würde. dem Jugendamt geht es da wohl nicht viel anders und im ZWEIFELsfall kommen die Kinder in "normale" Familien
Hat sich die Autorin eigentlich mal zu dem Text geäußert oder ist das nur ein Fake von einem der/die sich hier unten so ausgiebig in der Kommentarspalte auslässt?!
06.08.2009, 10:12 von Surecamp@Surecamp Ich tippe auf das Zzebra.
06.08.2009, 10:14 von Marvbaer