Juley_ 29.12.2012, 19:20 Uhr 1 7

Dich zu lieben ist wie sterben

Du liebst das Leben schon lange nicht mehr. Und ich kann nichts dagegen tun, als dir täglich zu sagen, dass es irgendwann besser wird.

Und dann fragst du mich, was mein Leben lebenswert macht.

Ich schlucke leise. Jedes Mal wenn du so denkst, tut es mehr weh. Und mehr. Und mehr. Es ist, als wären deine Worte Schüsse, die sich mitten in mein Herz bohren. Bei jedem Blick, jedem traurigen Tweet, jeder Umarmung, jedem "Ich brauche dich", jeder Begegnung sterbe ich ein wenig mehr.

Immer wieder sage ich dir, dass es besser wird. Mittlerweile glaub ich fast selber nicht mehr daran. Wann soll es denn besser werden? Ich sag es dir schon seit fast zwei Jahren und es ist immer noch nicht passiert. Wird es überhapt irgendwann besser?

Und jedes Mal, wenn ich sterbe, kommt auch die Angst. Die Angst davor, dass es nicht besser geworden ist. Dass du es nicht mehr ausgehalten hast. Dass ich irgendwann den Anruf von deiner weinenden Mutter bekomme, die mir sagt, dass du gegangen bist. Für immer.

Ich weiß nicht, was ich ohne dich tun würde. Doch, ich weiß es. Mich vor den nächsten Zug werfen oder mir die Pulsadern aufschneiden oder so viele Schlaftabletten schlucken bis ich friedlich einschlafe. Ein Leben ohne dich könnte ich nicht ertragen.

Auch wenn die Leute sagen würden, dass es besser wird.

Es wäre gelogen.

Ich sehe dich an. Die Frage steht noch immer offen im Raum und legt sich bedrückend wie ein Nebelschleier über uns. Manche Leute würden mit poetischen Dingen antworten wie der Sonnenaufgang oder das Lächeln eines anderen Menschens. Aber du hast nach mir gefragt. Du hast gefragt, was MEIN Leben lebenswert macht.

"Du", flüstere ich leise, darauf besonnen die Tränen zurückzuhalten. Wegen dir hatte ich bereits ganze Flüsse geweint. Deine Mundwinkel zucken vorsichtig nach oben, bevor deine braunen Augen in der Mittagssonne nass glänzen.

Du hast nie vor mir geweint. Ich sollte nie mitbekommen wie schlecht es dir geht, sagtest du immer. Deine Krankheit sollte nie im Vordergrund stehen. Dewegen logst du bei jedem "Wie gehts dir?" und lachtest mit deinem falschen Lächeln. Jetzt war es anders. Vorsichtig ziehst du mich an dich, klammerst dich mit deinen Armen an mich wie ein Ertrinkender an seine Rettungsboje.

"Ich brauche dich", sagst du mit tränenerstickter Stimme, doch ich drücke dich nur fester an mich.

Sterben tut weh. Dich so traurig leben zu sehen aber fast noch mehr.


Tags: Depression, Suizid
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1 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Du sprichst mir aus der Seele-wunderbar!

    29.12.2012, 20:44 von violett84
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