Der Tag der neuen Freundin
Da hab ich dir gesagt dass ich dein Herz nicht tragen kann, habe dir gestanden das aus uns niemals etwas werden kann - nicht mehr als es ist
Wie du mich anstrahlst als ich aus dem Auto steige...
Ich nehme meine Brille ab, fahr mit kurz durchs Haar und lasse meinen Blick kurz herum wandern. Dann grinse ich dich an.
"Hallo! Fremder!" rufe ich und du kommst auf mich zu gelaufen. Du bist viel kleiner als ich. Wenn du vor mir stehst geht mir dein Kopf grade mal bis zum Hals. "Hallo! Hallo!" sagst du waehrend du mich schon laengst umarmst. Alles an diesem Moment ist echt.
Wir haben uns schon lange nicht gesehen - ein paar Wochen vielleicht. Fruehr haben wir zusammen studiert und ich weiss nicht wie oft in deinem Studentenwohnheim auf deinem Bett gelegen und uns vom Leben erzaehlt.
Jetzt studiere ich nicht mehr. Habe abgeschlossen, bin in der Wirklichkeit angekommen.
Du nicht.
Und so stehen wir vor deinem Studentenwohnheim in der Auguststrasse, es liegt etwas Fruehling in der Luft. "Musste dein Freund wieder vereisen damit du mich besuchen darfst?" fragst du mit einem Augenzwinkern aber wir beide wissen wieviel Wahrheit dahinter steckt. "Mhhhh, sei lieber ruhig und zeig sie mir!" ueberspiele ich die Situation.
Der Tag der neuen Freundin.
Wie oft wir diesen Tag schon durchlebt haben. "Nija das ist XYZ". Trotzdem freue ich mich fuer dich. Du bist so ein liebenswuerdiger Mensch. Du hast die guetigste Persoenlichkeit die mir je untergekommen ist, fuer die, die du liebst wuerdest du alles tun. Manchmal gucke ich dich an und denke du bist perfekt. Der perfekte Schwiegersohn, der perfekte Freund, der perfekte Du.
"Okay... auf gehts!" sagst du und nimmst mich an die Hand. Wir gehen in den Geimeinschaftsgarten wo sie alle um einen kleinen Grill herum stehen. "Leute, ihr kennt ja Nija. Mein Schatz - das ist Nija. Meine beste Freundin!" Ich schenke ihr meine vollkommende Aufmerksamkeit. Lara - noch viel kleiner als du. Ein suesses Gesicht, lange dunkle Haare, ein scheues Laecheln. Mein absolutes Gegenteil.
"Hallo! Lara! Schoen dich endlich mal kennen zu lernen" Ich weiss gar nicht wie oft ich den Satz schon gesagt habe. Lara war dann Steffi, Kathrin, Laura, Babsi... Doch trotzdem kommt es mir alles so einfach ueber die Lippen.
Waherend ich Haende schuettel und auch andere begruesse fuehle ich mich wie in einem Theaterstueck.
Die Handlung jedes Mal gleich, das Publikum immer etwas anders.
Du wird sie lieben - sehr. Du wirst ihr Blumen bringen wenn ihr euch streitet und sie wird mir erzaehlen wie wunderbar alles laeuft.
Dann wird sie vereisen oder nur das Wochenende mit ihren Freundinen verbringen wollen.
An diesem Wochenende wirst du eine andere kuessen.
Wenn sie dann zurueckkehrt wirst du ihr nichts davon sagen.
Dann wird sie davon erfahren - durch dritte.
Danach wird sie ihren Beziehungsstatus auf Single setzen und mich als ihren Freund auf Facebook loeschen.
Und dann geht das alles nochmal von vorne los.
Der Abend nimmt seinen Lauf. Es wird getrunken und gelacht. Es werden Decken und Jacken verteilt. Die Paaerchen sitzen ganz eng bei einander. Es ist dunkel ueber dem Wohnheim der Auguststrasse. Wir alle reden nur noch sanft.
"Dieses Maedel war mein erster Kumpel auf dem Campus" sagst du in die Stille hinein und laechelst. "Damals haben wir alles zusammen gemacht. Nur nicht gelernt. Ging ja auch gar nicht. Haben ja total was anderes studiert". Ich glaube ich habe diese Geschichte schon eine Millionen Mal aus deinem Mund gehoert.
"Ihr muesst alle wissen - dieses Maedchen - ich liebe sie so sehr. Ich wuerde alles fuer sie tun! Aber glaubt mir (theatralische Pause, ein Kopfschuetteln), zwischen uns ist noch nie etwas gelaufen!" Sagst du und streckst die Hand nach meiner aus, ich druecke sie kurz und lasse dann wieder los, lehne mich im Campingstuhl zurueck und gucke den Mond an.
Ich spiele mein Rolle perfekt. Ich weiss genau was ich wann sagen muss. Ich weiss wie wir die "Ooohs" und "Aaaahhhs" aus den anderen entlocken koennen. Wir sind so eingespielt - es ist schon nicht mehr normal.
Ich weiss wie du deine Bratwurst essen wirst, weiss genau wann du etwas trinken wirst. Ich weiss jeden deiner Gesichtsausdruecke zu deuten, ich kenne dich. Ich weiss genau wie du tickst.
"Und gekuesst habt ihr euch nie?" fragt Lara's kleine Freundin und Lara rutscht neben dir ganz nervoes hin und her. "Nein, nie." Sagst du. "Ist ja nicht so das ich es nie probiert hab, aber Nija wollte einfach nie genug trinken um mich zu kuesse." Gelaechter - wie immer - von allen Seiten. Von Lara ein erleichtertes kichern von mir stille.
In Momenten wie diesen weiss ich genau wieso ich nur noch selten hierher komme. Ich fuehle mich vielleicht genauso unsicher wie sich Lara fuehlen muss, aber du wuerdest das nie bemerken.
Wieso mich deine Gegenwart manchmal so traurig macht ist mir selbst ein Raetsel. Ich freue mich doch fuer dich. Eine neue Liebe. Ein neuer Anfang. Ein neuer Du. Du gehoerst mir nicht und ich will dir auch gar nicht gehoeren. Ich kann dein Herz nicht tragen. Genau diese Worte habe ich dir damals gesagt, in jener Nacht in der du mich kuessen wolltest. "Ich liebe dich nicht." Hab ich zu dir gesagt und du hast trotzig erwiedert das ich es wohl tue und ja verdammt ich liebe dich, aber noch nicht so.
Ich bin so gerne mit dir zusammen. Mag es so sehr wenn du deinen Arm um mich legst wenn ich irgendwo sitze und ich fuehlen kann wie stark deine Arme sind. Ich mag es wenn du ueber mich redest, zu deinen Freunden. Ihnen sagst wie sehr ich dir bedeute. Wenn du mir zeigst wie sehr ich dir bedeute.
Ich liebe deine Aufmerksamkeit. Den Fakt das du niemals meinen Geburtstag vergisst und immer der erste bist der anruft.
Ich liebe es das du mir jeden Tag eine SMS schreibst und fragst ob es mir gut geht.
Ich liebe es aus deiner Bierflasche ein paar Schlucke zu klauen und mir von dir lachend die Flasche aus der Hand gerissen bekommen.
Ich liebe deine Ausdauer wenn wir auf deinem Bett liegen und ich dir zum hundertsten Male von meinen Beziehungsproblemen erzaehle und ich liebe es wie du IMMER Partei fuer meinen Freund ergreifst, weil du nicht willst das wir uns trennen und weil du willst das ich weiss wie sehr du mich gluecklich sehen willst.
Aber in dieser jenen Nacht, vor vielen Monaten, vielleicht Jahren, als du mich kuessen wolltest - als sich vielleicht unsere Lippen schon beruehrten, da hab ich dir gesagt dass ich dein Herz nicht tragen kann. In dieser Nacht habe ich dir gestanden das aus uns niemals etwas werden kann - nicht mehr als es ist. Du hast mich so verzweifelt angeschaut, mit soviel Sorge, so viel verlangen, einer stillen Bitte es nicht auszusprechen.
"Ich Liebe dich nicht. Nicht so. Nicht auf diese Art und Weise. Bitte mach es nicht kaputt. Das ist es nicht Wert, das bin ich nicht Wert. Jemand anders wird dich lieben. Mehr als ich es jemals tun wuerde. Du weisst mein Herz gehoert jemandem. Schon lange. Schon vor deiner Zeit. Bitte lass es uns nicht kaputt machen".
Ich schaue dich an, durch die Dunkelheit. Diese Nacht, vor langer Zeit, hat nichts kaputt gemacht. Es hat uns nicht veraendert. Es hat dir nur ein kleines bisschen das Herz gebrochen.
Ich hoffe das Lara es heilen kann. Ich hoffe sie findet die Kraft dich zu verstehen, zu unterstuetzen und bei dir zu bleiben, auch wenn du lieber meine Nummer waehlst als ihre.
"Ich denke ich werd mich dann jetzt mal auf den Heimweg machen" sage ich in die Runde und stehe auf. Ich verabschiede mich von Lara, druecke sie sogar kurz. Sage den anderen Aufwiedersehn.
Wie immer wirst du mich zum Auto begleiten. Du hast den Arm um mich gelegt als wir laufen. Es war ein schoner Abend sagst du ganz sanft und das du wuenschtest ich wuerde noch nicht gehen.
Doch ich gehe. Nicht fuer immer aber fuer diese Nacht.
Du umarmst mich muede und fluesterst "Ich liebe dich" in mein Ohr.
Ich weiss... Ich weiss.. "Ich wuenschte du wuerdest es nicht tun." sage ich traurig, setzte mich in mein Auto und fahre Heim.




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