frl.sommersprosse 30.11.-0001, 00:00 Uhr 37 73

Der Tag, an dem die Welt kippte

oder warum das Ticken der Uhr das schlimmste sein kann.

Und jetzt liegst du auf dem Boden der Küche und starrst an die Decke, weil du dich hier sicher fühlst. Wenn jeder Teil deines Körpers den kalten Boden berührt weisst du wenigstens, dass du noch da bist und das die Welt noch da ist und wenn du das Kabel an der Decke siehst, weisst du, dass alles doch irgendwie beim Alten ist. Auch die Uhr tickt noch so unglaublich laut, dass selbst die Stille nicht mehr still ist. Und du liegst auf dem Rücken und spürst den Boden und siehst die Decke, aus der noch immer ein Kabel hängt, weil du dich in den 6 Monaten in dieser Wohnung noch nicht für eine Lampe entscheiden konntest und du hörst du Uhr und plötzlich kriegst du Angst. 

Angst vor dem Ticken, das lauter und lauter und lauter wird, bist du es nicht mehr aushältst. 
Und dann kommen die Tränen, eine nach der anderen ganz langsam, und du hasst es, weil du nicht so bist. Eigentlich. Eigentlich musst du nicht auf dem Boden liegen damit du weißt, dass es dich gibt und das alles beim Alten ist und eigentlich macht dir das Ticken einer Uhr keine Angst. Vor allem aber bist du nicht die, die dort liegt und weint. Du willst es nicht sein. Du weisst nicht wie du damit umgehen sollst. Du weißt nicht wie du mit dir umgehen sollst. 

Das Telefon klingelt. Er. Das ist gut. Er tut dir gut. Ihr redet, du denkst, das war nur ein Versehen, auf dem Küchenboden. Du schreibst es ab. Und dann

"Schatz, ist alles in Ordnung mit dir?'' , fragt er und irgendwas in dir fragt hämisch na, ist alles in Ordnung mit dir?
"Ja" antwortest du und bist dir aber sicher, dass das irgenwie ganz und gar nicht so ist, dass nämlich seit dieser Woche damals nichts mehr in Ordnung ist.
"Okay mein Engel, dann hören wir uns morgen wieder. Ich liebe dich.'' sagt er und legt auf. 
Mein Engel. Das sagt er und das meint er so, dessen bist du dir sicher. Und das tut gut. 

Das Wochenende warst du bei ihm. Und Sonntag habt ihr im Bett gelegen und übers Leben geredet. Ihr wart glücklich. "Weil wir bald endlich in der gleichen Stadt wohnen.'' hat er gesagt und "warum lachst du so schön?" hat er gefragt. Und das einzige, was du geantwortet hast war "Weil das Leben mich manchmal kitzelt.... und weil ich dich liebe.''
Das Wochenende warst du bei ihm.Und Sonntag wart ihr glücklich.

Dann kam der Montag. 
Sein Chef habe ihm einen Job angeboten, er könne nicht ablehnen. Wann er wieder in deine Stadt ziehen würde? Vielleicht nie. Wir schaffen das. Hast du gedacht und gesagt obwohl es dir so schwer fällt und am Telefon hast du geweint. Er tröstete dich. Wir schaffen das schon, sagt auch er und meint es auch so, dass weißt du.
Du bist traurig, aber das Leben ist schön. Es gibt Wärme, Musik, Farben, Familie und Freunde und du bist stark. Alles ist gut.

Dann kam der Dienstag. Ein Anruf aus einem anderen Land. Deinem anderen Land. Dem Land, wo du dich so zu Hause fühlst, wo dein Herz ist, deine andere Familie, deine Freunde. 
"Sie hatte einen Unfall'' sagt der Anrufer. 
Trümmerbruch im Bein. Schädelbasisbruch, Hirnschäden, Koma.
Auf dem Weg zur Arbeit, zweiter Tag nach dem Mutterschutz. 
Du weinst. Sowas passiert nur anderen, hast du gedacht. Nicht dir. Deine Freunde haben keine Unfälle. Und vor allem nicht sie. 
Sie ist ein bunter Mensch. Sie lacht und singt und tanzt bei allem was sie macht. Sie liebt das Leben obwohl sie es nicht leicht hatte. Sie ist erwachsen in ihrer Kindlichkeit. Sie redet gerne und klug und sie probiert alles aus, weil sie sagt, dass das Leben zu kurz ist um nichts zu tun. 
Und jetzt? Koma. 
Du betest. Du machst das sonst nicht. Nicht das du nicht an Gott glaubst,nein, du glaubst an ihn, vertraust ihm, irgendwie, aber du betest nicht. Und jetzt tust du es. Nicht für dich sondern für sie. Sie hätte auch gebetet. 
Und gar nichts ist mehr gut.

Die Woche verstreicht. Nichts tut sich. Koma. Und du? Dein Leben war immer perfekt. DU kannst damit nicht umgehen. Bis jetzt ist immer alles wieder gut geworden also bestimmt jetzt auch sagst du dir, aber irgendwas in die sagt dir, sei nicht enttäuscht wenns nicht gut geht. Sei nicht zu traurig.
Und gar nichts ist gut

Dann kommt der Freitag.
"Heute um 11.40 hat Gott sie von ihren Qualen geheilt und heimgeholt.''
Du starrst auf dein Handy. Die Welt kippt. Sie ist ein bunter Mensch, denkst du und bunte Menschen haben keine Qualen. Bunte Menschen sind auf der Welt zu Hause. 
Sie war ein bunter Mensch sagt dir irgendwas in dir. Sie war auf der Welt zu Hause.
Du weinst. Weil dir das doch nicht passiert. Weil doch eigentlich alles immer wieder gut wird. 
Aber jetzt ist gar nichts gut.

Samstag.
Heute wird unsere liebe Schwester, Ehefrau, Mutter beerdigt. Bitte bete für uns, liest du, und du denkst an die liebe Schwester, Ehefrau, Mutter und fragst dich, wie dein Name für sie ist. War. Freundin. Vertraute. Lieblingsmensch. Hoffnung. Freude. Das alles ist sie für dich. War sie für dich. Heute ist die Beerdigung. Du kannst nicht dabei sein. Du weinst.
Gar nichts ist gut.

Und jetzt tickt die Uhr und macht dir Angst und ist viel zu laut und sagt dir, dass alles vorbei geht. Du wusstest das schon immer, aber nicht so. 
Mit jedem Ticken sticht es dir ins Herz tiefer und tiefer und tiefer.
Du warst glücklich, dann kippte die Welt, und auf einmal war da Realität.

Du wirst die Uhr abhängen müssen, denkst du und legst dich wieder auf den Küchenboden, weil du da sicher bist. 

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37 Antworten

Kommentare

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  • 0

    ich lag 2 jahre auf dem küchenboden.

    15.08.2012, 20:23 von notforsale
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    Sie war wirklich ein bunter Mensch!!!!

    Wunderschön....

    25.10.2011, 22:28 von Igelkind
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    wow, ein superschöner text, der wirklich zum nachdenken anregt.

    23.10.2011, 20:30 von tanzenhilft
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  • 0

    für den moment lag ich mit dir auf dem küchenboden.

    11.10.2011, 17:29 von konfetti&champagner
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  • 1

    Danke für den tollen, mitreißenden, berührenden, traurigen und trotzdem schönen Text!

    11.10.2011, 15:42 von caero
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    wunderschön und erinnert mich an den buntesten menschen meines lebens. danke dafür!

    07.10.2011, 14:43 von pocket
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    Meinen Atem hab ich beim lesen fast nicht mehr gehört.

    Nur meine Uhr...

    Wundervoller Text, vielen Dank

    06.10.2011, 20:47 von VonGruenwald
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    Habe jetzt Tränen in den Augen... sehr mitreißend!

    06.10.2011, 20:06 von Serpiente
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  • 0

    Wahnsinnig. Danke.

    06.10.2011, 19:25 von Regenbogentaenzer
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    Gänsehaut!

    06.10.2011, 17:38 von Laaaaari
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