wirsindamselbenheimwehkrank 20.05.2018, 13:30 Uhr 7 3

Der Narr

(...)

Vor der Konrad-Adenauer Stiftung zünde ich mir eine Zigarette an und setze mich auf die oberste Treppenstufe, auch wenn ich es für unangebracht halte.
Die anderen Zuhörer strömen Richtung Finnischer Botschaft, eine Frau stellt sich neben mich und sagt “Entschuldigen Sie, sind Sie Künstlerin?”
Ich schaue zu ihr hoch und mir fällt eine Haarsträhne ins Gesicht.
“Nein, wieso?” frage ich leise.
Sie gibt mir Ihre Visitenkarte, das Papier ist scharfkantig und rau.
Künstlerhaus Lukas steht darauf.
“Wenn Sie trotzdem mal ein Praktikum an der Ostsee machen wollen, hier haben Sie meine Kontaktdaten. Sie haben eine sehr sonderbare Ausstrahlung, verlieren Sie diese nicht über die Jahre.” sagt sie und marschiert den anderen hinterher.

Judith Hermann läuft an mir vorbei und wir sehen uns ins Gesicht. Ich versuche eine Emotion zu erkennen, vergeblich.

Von C. ist noch keine Spur zu sehen, bei jedem anderen würde mich das beunruhigen, aber C. kommt immer.
Es ist noch hell und ich weiss nicht, wie mich das berühren soll. Muss einen immer alles berühren, oder berühren einen manche Dinge um so mehr, wenn sie einen völlig untangiert lassen ist die Frage.

Ein Taxi fährt vor, der Arm der da aus dem Fenster hängt kommt mir bekannt vor. Die Tür wird aufgerissen und C. steigt aus, strahlt mich an und ruft : “Der Bus ist einfach nicht gekommen, verdammt!”

Wir fahren mit dem Bus zurück durch die Stadt, das Licht wird kalt. Diskussionen über französische Grammatik, Auslandsaufenthalte, Politisierungen, Statements, irgendwann steigen wir am Zoo aus, weil wir müssen, es ist Endhaltestelle.

Die breiten Strassen sind jetzt kaum noch durchflutet, ein paar Studenten fahren auf ihren Rädern an uns vorbei, keines der Gesichter könnte ich heute rekonstruieren. Ich zeige auf den großen Kreisel vor der Technischen Universität und erzähle C. dass ich morgens dort drauf stand und nicht mehr runter kam, ich kann im Endeffekt gar nicht mehr genau erklären warum, es gab irgendwie keine Ampel und somit lief ich einmal den ganzen Kreisel ab und ausser mir war dort nur ein gold gebräunter Mann anzutreffen, der auf der Wiese lag, als sei er in einer 5 Sterne Spa-Residenz.

“Auf einem Kreisel gefangen zu sein, kam mir in dem Moment wirklich schlimm vor. Alle können einen sehen, man steht da und kommt nicht auf die anderen Strassenseiten und wirklich alle können einen sehen, aber die können einem ja auch nicht helfen und man kann sich einfach nirgendwo verstecken, man ist komplett ausgelliefert Alter, verstehst du was das für ein Gefühl war?” keuche ich atemlos und gestikuliere unbeholfen mit meinen Händen.

Wir durchqueren das Architekturgebäude der TU, 3 Jungs stolpern betrunken aus einem Fahrstuhl und grinsen mich an.
“Kanntest du die?” will C. wissen
Er fragt das sachlich. Er hätte genau so gut nach der Länge des Ärmelkanals fragen können, oder nach dem Todesgrund Franz Ferdinands. Es hätte keinen Unterschied gemacht.

Ich setze mich unter einen Baum, in der Studentenbar wird grässliche Musik gespielt, es windet stark und eine Gruppe von Jungs redet über ihre Ex-Freundinnen.
“Meeeensch, unfassbar! 4 Bier für 5 Euro! Geil, geil, geil sag ich dir! Hier müssen wir auf jeden Fall mal regelmäßiger abhängen!”
“Aber wir sind doch gar keine Studenten hier” sage ich gedankenverloren, mehr zu mir als zu C. So, als müsse ich es laut aussprechen, um es selbst zu glauben.
C. schweift ab und erzählt mir von Schulen, die als struggle schools bezeichnet werden, man unterscheidet da noch zwischen failure schools und irgendeiner anderen Schulform. Aber die struggle schools seien noch zu retten, erklärt er. “Und ich kann das schaffen, das ist auf jeden Fall mein Projekt. Echt so mach ich das, aus Scheisse Gold machen. Das werden richtig coole Kids.”
Ein Plädoyer an die Zukunft.
Ich stelle mir die Frage, was ich revolutionieren will, wen ich retten will.

Judith Hermann wurde in dem Interview am früheren Abend gefragt, was sie als positive Utopie der Menschheit ansehe. Darüber müsse sie noch auf dem Heimweg nachdenken, lenkte sie ein.
Ich glaube, ich auch.

C. verschwindet und ein Junge setzt sich zu mir, er will mein Drehzeug benutzen, ich drücke ihm alles umständlich in die Hand und lache dabei. Der Rauch kringelt sich an seinen Nasenflügeln entlang und mir wird schwindelig, ich wische mir Bierschaum von der Oberlippe, mein Handrücken ist klebrig.
“Hab ich lange nicht mehr geraucht. Schmeckt nach Schokolade.”
Er legt den Kopf in den Nacken, ein anderer Junge der scheinbar zu ihm gehört balanciert auf einer Bierbank und telefoniert dabei, unsere Blicke treffen sich zufällig während er von der Bierbank auf den Tisch steigen will und dabei kurz das Gleichgewicht verliert.
“Dich kann man auch keine 3 Sekunden alleine sitzen lassen, du ziehst die Männer an wie Scheisse die Fliegen” lacht C. dröhnend in meinen Rücken hinein, der sich Drehzeug leihende Junge steht auf und verabschiedet sich mit einem Grinsen.

“Gehen wir nach Hause” sage ich erschöpft.

In der U-Bahn tut das Licht irgendwo im Augapfel weh, C. erzählt mir von einem Roman, in welchem der Freund der Protagonistin an einem gebrochenen Bein stirbt, mir scheint das zu real, zu brutal. Betroffenes Nicken.

“Ich glaub, mein Blinddarm tut weh.”
“Scheisse.”
“Eigentlich ist es nichts anderes. Man steht auf einem Kreisel und kommt nicht runter und alle sehen einem zu.”
“Was meinst du?”
“Das Leben.”

Am U-Bahngleis werden gerade die Plakate erneuert, 2 Männer in Latzhosen steigen hastig ins Gleisbett, die Anzeigetafel zeigt 4 Minuten an bis zur nächsten Abfahrt.

Ich würde gerne wissen, was auf dem Plakat steht. Die Frage ist, was das ändern würde.

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7 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Sie haben eine sehr sonderbare Ausstrahlung,
    verlieren Sie diese nicht über die Jahre.

    02.06.2018, 00:37 von Kokomiko
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  • 1

    Für das nächste Mal, wenn Du in diesem Kreisel gefangen sein solltest: Da gibt es einen Tunnel, über den du zur U2-Station Ernst-Reuter-Platz kommst.

    (ich bin genau auf diesem Kreisel auch mal abgestürzt - drüben bei den Architekten gabs irgendwie billiges Sterni ;)

    22.05.2018, 09:43 von eszett
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  • 0

    Haha, den Roman habe ich auch gelesen - aber ich weiß grad weder Titel NOCh Autor. Wie peinlich :D

    21.05.2018, 21:55 von Gluecksaktivistin
    • 0

      Geht mir ähnlich, kann das eine Kurzgeschichte von Clemens J. Setz oder vielleicht sogar eine Episode in einem frühen Herrndorf gewesen sein?

      22.05.2018, 09:45 von eszett
    • 0

      Neee, wobei ich jetzt nicht alles vom Setz kenne, aber bei Herrndorf kommt das meiner Erinnerung nach nicht vor. Ich überlege grade, ob das evt. ein Film war, aber auch das schließe ich aus. Grrrrrr ^^.
      Wir finden das noch!

      22.05.2018, 13:29 von Gluecksaktivistin
    • 0

      Die Schriftstellerin ist eine Junge Frau aus Aserbaidschan

      22.05.2018, 13:32 von wirsindamselbenheimwehkrank
    • 0

      Ich weiß es, ich weiß es !!!! Danke dir :)

      22.05.2018, 13:42 von Gluecksaktivistin
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