Der Keller unter der Rheinstrasse 18
von grünen Bananenschachteln, von handgeschriebenen Liebesbriefen in Schönschrift bishin zu intimen Geständnissen: der Keller meiner Schwester.
Es war im Sommer vor 4 Jahren, als meine älteste Schwester Geraldine in eine kleine Wohnung in die 15 Minuten weit entfernte Stadt zog.
Als erstes fiel mir auf, dass die Eingangstür des rosanen alten Hauses niemals abgeschlossen war, meistens offenstand und somit den Weg in den geheizten Keller freigab. Dies war ab sofort der geheime Ort, Unterschlupf und die Bühne einiger verschwiegenen und fast vergessenen Jugendmomente.
Eine dunkle Treppe führte in das Versteck hinab, in welchem ein violettes Snowboard, ein Ledersessel, Festbänke und ein kitschiger Brockenhaustisch gelagert waren. Jedes Mal, wenn ich die steinernen und verdreckten Stufen hinabging, legte ich mir die Worte zurecht, falls ich von einem Hausbewohhner entdeckt werden würde: ,,Oh, jetzt haben Sie mich erschreckt, ich bin Miriamme, die Schwester von Geraldine, welche im 2. Stock wohnt und auf der Such nach einem Klappstuhl,,.
Mein Improvisationstalent und naiver Jugendbonus gaben mir die nötig Sicherhheit, um all die nachfolgenden Geschehnisse passieren zu lassen.
Yann: Er war mein damaliger Schwarm, doch ich war zu schüchtern, um mit ihm ernsthaft zusammenzukommen, obwohl er mich wollte. Tausende SMSen, unzählige verliebe Treffen hatten wir hinter uns und langsam wurde es ernst. Doch er hatte vor mir schon zwei Freundinnen und ich wollte es langsam angehen. Der Druck und die Peinlichkeit, ihn meinen Eltern als Freund vorzustellen war unüberwindbar und liess mich an einem Samstagabend einen Brief im Keller an ihn schreiben, indem ich ihm erklärte, dass nichts aus uns wird. Mit Taschenlampe und Schönschrift bewaffnet machte ich mich ans Werk, fand die treffenden und wie ich später merkte, sehr verletzenden Worte.
Nathalie&Lola: die zwei Mädchen waren damals in meiner Klasse und wir teilten die Freude an Jungsgesprächen, Pausen im Sonnenschein und Rotwein. So kam es, dass wir mitten im Sommer abends betrunken in der Nähe von dem Haus meiner Schwester rumsassen, rauchten und schliesslich aufs Klo mussten. Da die Betrunkenheit den Verstand überstieg, schlug ich den Keller meiner Schwester vor, schliesslich sah uns dort niemand und eklig roch es sowieso. Währenddem wir es taten, waren wir sehrwahrscheinlich trunken von der allzubekannten Euphorie des Alkohols, doch schwiegen wir diesen Abend danach für immer tot.
Tim: es war ein typischer Sylvesterabend. Wie jedes Jahr gab Alexandra und ihr Bruder Alfred ein Essen, auf dem nur getrunken wird. Stockbesoffen machte ich in Alexandras Zimmer, Badezimmer und Keller mit Yann rum, bis wir um 11 Uhr in die Stadt fuhren. Punkt zwölf verloren wir uns im Riesengetümmel der Menschenmasse, ich ging mit Tim und seinen Freunden mit, auf den ich schon jahrelang stand, aber nie zugegeben hatte. Wir gingen in eine Bar, deren Besitzer einen Freund von Tim sehr mochte und obwohl sie geschlossen hatte uns alleine drin und frei trinken liess. Geschwängert von der Glückseligkeit des Moments, dieser Macht über die Bar und die Wichtigkeit des Abends und meiner Rolle als einziges Mädchen mit sechs Freunden meines Schwarms, machten wir auf den Ledersesseln auf der Empore der Bar rum. Trotz Betrunkenheit, denke ich, dass ich damals sehr glücklich war. Jedenfalls huschte die Zeit nur so, als wir da so beschäftigt waren und wir mussten schliesslich die Bar trotzdem verlassen. Da wir nun aber nach Wärme suchten, kam mir wieder der Keller meiner Schwester in den Sinn. Was genau passierte weiss ich nicht mehr, doch ich kann mich an Rumgemache bis um 5 Uhr in dem Sessel erinnern und das Tim mich danach nach Hause brachte.
Luzifer: seit wir 13 Jahre alt sind, mag ich Luzifer. Bilder malen bei mir zuhaus, Kissenschlachten mit ihr und meinem Vater, Fernsehschauen und Gummibärchen essen. Wir hatten eine typische Kinderfreundschaft, glücklich, lustig undgetrübt. Jedes Mal, wenn wir uns traffen, war es Freude pur. Es gab keine traurigen Momente, schlimme Erfahrungen, wir waren jung und unstoppbar. Sie war die jüngste der Familie und ich war die jüngste, wir teilten die Vorstellungen von dem was uns laut Schwestern noch erwarten würde. Doch als wir zusammen in den Keller meiner Schwester gegangen sind, erzählte sie mir ihre Geschichte. Niemand ausser ihrer Familie wusste etwas davon. Es war an einem Mittwochabend, sie war alleine zu Hause, als sie plötzlich todtraurig wurde. Sie weinte und erstickte in ihrem ganzem Kummer, als sie schliesslich nach einem hochprozentigem Schnaps griff und ihn ganz runterleerte. Sie wachte im Krankenhaus auf, ihre Schwestern um sie herum, sie sagte sie wüsse nichts mehr von vorhin, ausser dieser Traurigkeit. Sie wollte sich nicht umbringen, sie dachte gar nie an Selbstmord, doch trotzdem hat sie es versucht. Bis heute haben wir nicht mehr darüber geredet und ich frage mich, ob sie in phylosphischen Diskussionsrunden über den Tod, sich überhaupt bewusst ist, dass sie ihm mal fast begegnet ist und mir in dem Keller an der Rheinstrasse 18 alles erzählt hat.
Yann: als ich 12 Jahre alt war, las ich das Tagebuch meiner Schwester Geraldine. Unter ihren Lebensträumen und wünschen waren da plötzlich die malerischen und schockierenden Worte: Sex im Sonnenblumenfeld. Aus der Sicht einer 12-jährigen war dies brutal interessant und zugleich extrem abschreckend. Doch geprägt wurde ich durch diese Entdeckung und seit ich sexuell aktiv bin, schrecke ich vor keinen seltsamen Orten zurück. So kam es, dass dieser Keller Teil eines Abends wurde.Yann und ich waren mittlerweile doch ein Paar, Wir gingen in einem Restaurant in der Stadt romantisch essen. Bei Kerzenlicht, Spaghetti. Als wir durch die schwüle Sommerluft nach Hause liefen, überkam es mich. Ich zog ihn an der Hand, zerrte ihn in Richtung Rheinstrasse. Er kannte den Keller noch nicht, war sich unsicher. Mit Küssen überredete ich ihn, lockte ihn in den Raum, in die Dunkelheit. Er setzte sich in den Ledersessel, ich sass auf ihn drauf. Ich küsste ihn von obenherab. Meine Haare streiften seinen Hals, meine Hände umhielten seinen Hinterkopf. Er hielt mich an der Hüfte, doch dann zog ich meine Strumpfhosen aus, setzte mich wieder hin und spürte seine Erektion. Ich rieb mich an ihm, sanft, wir fingen zu schwitzen an. Taten es.
Als wir angezogen und befriedigt waren,packte ich meine Einwegkamera aus und fotografierte den Ledersessel. Der damalige Beweis hängt nun immernoch neben mir an der Wand. Yann ist Geschichte.
Tags: Keller, Brief, Selbstmord, Freund, Malen, Wasserfarbe, Kerzenlicht





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